Aktie zu stolz bewertet - Britische Analysten verunsichern Nestlé-Aktionäre

Nur wenige Wochen vor der Jahresergebnispräsentation sprechen Experten der Investmentbank Liberum eine Verkaufsempfehlung für die Aktie von Nestlé aus und weckt damit die Angst vor einer weiteren Enttäuschung.
30.01.2017 09:00
Von Lorenz Burkhalter
Erst vor wenigen Wochen hat mit Ulf Mark Schneider ein neuer Konzernchef die Büros am Hauptsitz von Nestlé in Vevey bezogen.
Erst vor wenigen Wochen hat mit Ulf Mark Schneider ein neuer Konzernchef die Büros am Hauptsitz von Nestlé in Vevey bezogen.
Bild: Bloomberg

Die Aktionäre von Nestlé dürften noch zwei Wochen wie auf Kohlen sitzen. Erst dann wird der traditionsreiche Nahrungsmittelkonzern aus dem waadtländischen Vevey das Jahresergebnis vorlegen. Nach enttäuschenden Neunmonatsumsatzzahlen und einer Reduktion der firmeneigenen Wachstumsprognosen muss das Unternehmen den Beweis antreten, dass es im Schlussquartal wieder Tritt fassen konnte.

Ängste schüren am Montag früh die Autoren einer Studie von Liberum über europäische Konsumgüterhersteller. Darin stufen die für die britische Investmentbank tätigen Analysten die Nestlé-Aktie von Halten auf Verkaufen herunter. Mit 64 Franken liegt das Kursziel gut 12 Prozent unter dem Schlussstand vom Freitag.

Die Studienautoren begrüssen zwar den Willen des Unternehmens, die Margen zu steigern. Allerdings befürchten sie davon ausgehend einschneidende Folgen für die zukünftige Wachstumsentwicklung. Im Hinblick auf die Jahresergebnispräsentation von Mitte Februar liegen sie mit ihren Gewinnschätzungen denn auch um 4 Prozent unter den entsprechenden Markterwartungen.

Übertriebene Vorschusslorbeeren für den neuen Konzernchef?

Sichtlich ein Dorn im Auge ist den Analysten auch die Bewertung der Nestlé-Aktie. Auf Basis ihrer diesjährigen Prognosen errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21. Das liegt sowohl über dem langfristigen Durchschnittswert von 18 als auch leicht über dem derzeitigen Branchenschnitt. Ihre Botschaft an die Anleger: Die hohe Bewertung lässt keinerlei Raum für Enttäuschungen.

Von wegen Vorschusslorbeeren: Die Nestlé-Aktie hat die Kursgewinne vom letzten Sommer nahezu vollständig wieder eingebüsst; Quelle: www.cash.ch

Auch die Zuversicht rund um grössere Veränderungen unter dem neuen Konzernchef Ulf Mark Schneider halten die Studienautoren für masslos übertrieben. Ihres Erachtens wird Schneider nicht gleich mit einschneidenden Umstellungen im Firmenportfolio aufwarten, sondern sich zuerst um einzelne margenschwache Produkte kümmern.

Britische Investmentbank beinahe allein auf weiter Flur

Erst vergangene Woche wurde Nestlé gerüchteweise ein Interesse an Mead Johnson, einem führenden Hersteller von Kindernahrung, nachgesagt. Doch auch mit solchen milliardenschweren Übernahmen rechnen die Liberum-Analysten vorerst nicht.

Wie Erhebungen der Nachrichtenagentur AWP verraten, stemmen sich die Experten sowohl mit der Verkaufsempfehlung als auch mit dem Kursziel von gerademal 64 Franken ziemlich gegen die gängige Meinung. Von 27 Analysten raten nicht weniger als 18 zum Kauf der Nestlé-Aktie. Pessimistisch ist ansonsten nur noch die Credit Suisse. Sie stuft die Aktie mit "Underperform" und einem Kursziel von 68 Franken ein. Mit 82 Franken liegt das durchschnittliche Kursziel um mehr als 10 Prozent über den aktuellen Kursnotierungen.