«Aktien werden eine schwierige Zeit erleben»

Investoren müssen künftig mit weniger Rendite auskommen, sagt Andrew Milligan von Standard Life Investments im Video-Interview. Er erläutert auch, was während den Brexit-Verhandlungen mit den Märkten geschehen wird.
19.09.2016 00:05
Von Pascal Züger, Edinburgh
Andrew Milligan, Head of Global Strategy, Standard Life Investments.
Bild: cash

Wir leben in einer Welt mit tiefen Erträgen. Nicht nur die Schweiz muss sich mit Negativzinsen rumschlagen: Ganze 40 Prozent aller weltweiten Staatsanleihen befinden sich im negativen Bereich. Will man an noch etwas Rendite kommen, bleiben fast nur noch Aktien als Alternative.

Wobei auch diese nicht immer Erfolg bringen: Der Swiss Market Index (SMI) geht in diesem Jahr bisher 7,8 Prozent runter, beim deutschen Dax sind es minus 4,4 Prozent und beim japanische Nikkei gar 13,2 Prozent.

Nicht nur auf kurze Sicht ist das Umfeld für Aktien einiges anspruchsvoller als auch schon. Auch langfristig haben sich die Aussichten eingetrübt, so die Meinung von Andrew Milligan: "Wir warnen langfristige Investoren, dass keine Rendite von viel mehr als 5 Prozent mehr drinliegt", sagt Milligan, Head of Global Strategy beim britischen Vermögensverwalter Standard Life Investments (SLI), im Video-Interview mit cash.

Er begründet diese geringere Rendite-Erwartung damit, dass die Wirtschaft in Europa und anderswo nicht mehr stark wächst und Firmenprofite in Europa nicht wieder anziehen würden. Hinzu kämen politische Sorgen etwa wegen Italiens Referendum oder diversen Wahlen in Europa. Die Konsequenz davon: "Aktien in Europa und auf der ganzen Welt werden eine schwierige Zeit erleben."

Schwellenländer und Immobilien

Gibt es eine Alternative zu Aktien? Milligan empfiehlt Unternehmensanleihen aus Schwellenländern. Einerseits wegen der hohen Rendite, andererseits auch "weil die Rezession in Brasilien bald zu Ende geht, während China weiter wächst." Eine Empfehlung, bei der Vorsicht geboten ist, denn: Rückschläge in den Schwellenländern sind immer möglich, vor allem wenn in den USA die Zinsen hochgehen und Gelder wegfliessen. Ausserdem muss sich ein Investor bewusst sein, dass eine höhere Rendite auch immer mit einem höheren Risiko einhergeht.

Weiter rät Milligan den Anlegern, auf Immobilien zu setzen: Während Grossbritannien vom Brexit tangiert ist, habe es rund um die Welt Immobilienmärkte mit guten Aussichten. Etwa in Europa oder in Teilen Asiens und Amerikas. Da Banken nicht mehr so viel Geld ausleihen würden, gäbe es auch nur wenige spekulative Neubauten: "Die Balance zwischen Angebot und Nachfrage sieht im Immobilienbereich sehr gut aus."

Beherztes Eingreifen verhinderte Schlimmeres

Am 23. Juni geschah das, womit nur die wenigsten Anleger gerechnet hatten: Grossbritannien stimmte für den Austritt aus der Europäischen Union. Für viele galt dies als das Schreckenszenario schlechthin, welches die Märkte heftig durchwühlen würde. Die ersten vier Tage danach ging es mit dem britischen Aktienindex FTSE 100, auch "Footsie" genannt, tatsächlich um fast 7 Prozent talwärts. Doch der Frust schien nur kurz zu währen, es folgte geradezu eine Kurs-Rallye: Heute steht der britische Leitindex um fast 6 Prozent über dem Niveau unmittelbar vor dem Brexit-Votum.

"Ich bin nicht überrascht über den Anstieg des Aktienmarktes, da wir eine grosse Reaktion von der Zentralbank gesehen haben und auch die britische Regierung ein Eingreifen versprochen hat", so Milligan. Was der britische Stratege von SLI damit meint: Nach dem Brexit intervenierte die Bank of England viel deutlicher, als dies eigentlich antizipiert worden war. Nicht nur wurde Anfang August der Leitzins von 0,5 auf 0,25 Prozent reduziert, die britische Notenbank kündete darüber hinaus auch ein neues Unternehmensanleihen-Kaufprogramm an, in welchem über 18 Monate Papiere im Wert von bis zu 10 Milliarden Pfund erworben werden.

Ausserdem wurde den Banken in Grossbritannien mehr Unterstützung zugesichert. Seitens der innerhalb von nur zehn Tage nach dem Brexit-Votum formierten britischen Regierung kamen zusätzlich Versprechen, dass die fiskalpolitischen Pläne geändert werden sollen und neue Infrastrukturvorhaben folgen werden.

Was der Brexit den Märkten bescheren wird

Doch damit ist der Ausstieg Grossbritanniens aus der EU noch keinesfalls gegessen für die Märkte: "Der Brexit ist kein Ereignis, sondern ein Prozess", betont Milligan. Und dieser Prozess könne bis zu zehn Jahre dauern. Zunächst würde die Klärung des Artikel 50 - dieser Artikel regelt in groben Zügen den freiwilligen Austritt von Ländern aus der EU - bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen. Danach erst würden die Verhandlungen mit anderen Ländern folgen. "Aktuell ist es sehr unsicher, nicht nur was Grossbritannien von den anderen Ländern verlangen wird, auch zu was der Rest Europas zustimmen wird."

So seien die Brexit-Verhandlungen ein jahrelanger Prozess, wo es sehr detaillierte Verhandlungen geben würde, gelegentlich auch mit Unstimmigkeiten und Krisen, was immer wieder die Aufmerksamkeit der Märkte auf sich ziehen dürfte. Gespickt seien die Verhandlungen mit "langweiligen und qualvollen rechtlichen Diskussionen", so Milligan. Darauf wird sich wohl kaum ein Anleger freuen.

Im cash-Video-Interview sagt Andrew Milligan ausserdem, welches aktuell die drei Haupttreiber der Märkte sind und ob Standard Life Investments Länder mit negativen Zinsen, wie etwa die Schweiz, meidet.

Andrew Milligan ist seit Januar 2001 Head of Global Strategy bei Standard Life Investments. Standard Life Investments ist ein globaler Vermögensveralter mit Assets von derzeit 324 Milliarden Euro. Abgedeckt werden Aktien, Anleihen, Immobilien, Multi-Asset-Lösungen, Dachfonds und Absolut-Return-Strategien.

Das Gespräch fand in Edinburgh im Rahmen einer Pressereise statt, zu der Standard Life Investments eingeladen hatte.