«Aktienanlagen sind immer risikoreich»

Aktienspezialist Gregor Greber äussert sich im Interview mit cash über sein Engagement als aktiver Aktionär und Kaufmöglichkeiten an der Schweizer Börse.
10.09.2015 00:55
Interview: Daniel Hügli
Gregor Greber: «Schweizer Aktionäre sind etwas diskreter und zurückhaltender.»
Gregor Greber: «Schweizer Aktionäre sind etwas diskreter und zurückhaltender.»
Bild: Nik Hunger

cash: Herr Greber, Sie haben mit ­Veraison Capital 2015 einen Vermögens­verwalter und den Sicav-Fonds ­gegründet. Bekannt wurden Sie als Aktionärsrechtler wegen ­Ihrer ­früheren Firmen zRating und ­zCapital. Weshalb die Neugründung?

Gregor Greber: Es ist ein konsequenter und logischer Schritt auch in meiner beruflichen Karriere. Ich sagte mir: Man soll nicht bloss Verantwortung predigen, die Aktionäre sollten die Rechte auch tragen. Deshalb die Gründung von Veraison Capital als engagierter und verantwortungsvoller Aktionär.

Im Vergleich zu angelsächsischen Ländern gehen Schweizer Aktionäre mit Firmen immer noch sanft um.

Das ist so und ist auch nicht falsch.  Schweizer sind etwas diskreter und zurückhaltender. Man zieht die Diskussion am runden Tisch dem Schritt an die Öffentlichkeit vor. Dieser Weg ist sehr konstruktiv und zielorientierter. Asset Manager bei den Schweizer Banken müssen sich aufgrund der bank­internen Interessenkonflikte zurückhalten.

Andere Grossinvestoren wie Pensions­kassen haben diese ­Konflikte aber weniger. Sollten die ihre ­Aktionärsrechte nicht mehr wahr­nehmen?

Ich will nicht über andere urteilen. Mit dem Kauf einer Aktie erwirbt der Aktionär nicht nur Chancen auf Kapitalgewinne oder Dividenden, sie bietet auch ein Mitspracherecht. Unser Einsatz früher schon bei zRating oder zCapital war, für den Grundsatz "Eine Aktie, eine Stimme" einzustehen. Der Aktionär erhebt sich in vielen Fällen erst dann, wenn der Schaden angerichtet ist. Beispiele in der Schweiz sind die Fälle Petroplus, Aryzta oder Sika. Verantwortung wahrnehmen als Aktionär ist auch verbunden mit hohem Aufwand und Kosten. Das lohnt sich offensichtlich nicht für Anleger, die sehr indexnah oder passiv investieren. Tiefe Gebühren stehen über allem.

Jemand aus der Branche soll Sie mal als «selbst ernannter ­Aktionärsrechtler» bezeichnet haben. Es finden offenbar nicht alle toll, wie Sie sich exponieren.

Wer keine Neider oder Feinde hat, der hat auch keine Freunde. Das muss man sich erarbeiten. In der Vergangenheit konnten wir bei Firmen einige Dinge bewirken, sei es öffentlich mit Traktandierungsbegehren oder dann still und leise im Dialog. Viele Erfolge oder solche Begehren stossen nicht immer auf sofortiges Verständnis.

Der Fonds «Veraison Sicav», mit dem Sie bislang in Firmen wie Orell Füssli oder Goldbach investiert haben, ist laut Eigenwerbung in der Schweiz einzigartig. Weshalb?

Wir haben eine Sicav-Struktur, die in der Schweiz für Aktienanlagen noch nicht bekannt ist. Es ist eine Kombination aus einer Aktiengesellschaft mit flexiblem Kapitalband und einem bewährten, transparenten Anlagefonds.  Der Anleger erhält ein Stimmrecht wie bei einer Beteiligungsgesellschaft.  Zudem kann eine Sicav grössere Positionen eingehen. Unsere Geldgeber haben ein langfristiges Investment mittels Lock-ups zugesichert. Ihre investierte Summe ist für eine bestimmte Zeit blockiert. Dies ermöglicht ein langfristiges Anlegen.

Sie legen Geld von Investoren in unter­bewertete Firmen an. Ist das nicht riskant? Diese Firmen ­werden vom Markt ja nicht grundlos ­abgestraft.

Aktienanlagen sind stets risikoreich. Wir werden nie jemandem erzählen, Aktienanlagen seien ein Ersatz für Bargeld oder Obligationen.  Wir betreiben einen grossen Aufwand, bevor wir in eine Firma investieren. Zudem investieren wir das Kapital unserer Geldgeber erst dann in eine Firma, wenn wir deren Aktien zu einem Abschlag von 30 bis 50 Prozent zum intrinsischen Wert des Unternehmens an der Börse erwerben können.

Wie lange werden die Titel gehalten?

Unsere Fonds-Anleger  haben sich zu langfristigem Anlegen im Schnitt von über drei Jahren ohne fixen Ausstieg verpflichtet. Dies ermöglicht uns die Positionierung als institutioneller Ankeraktionär bei den Firmen. So müssen wir uns beim Kauf nicht schon über den Ausstiegszeitpunkt kümmern. Das Bewertungsniveau und die Chancen der Firmen stehen im Vordergrund. Es kann sein, dass die Aktie beim ersten Einstiegszeitpunkt etwas teurer war und es dann zu einer Börsenkorrektur kommt. Wichtig ist dann, dass wir der Firma die Stange halten und nicht verkaufen müssen, um in Panik geratene Geldgeber zu befriedigen.

Wie viele von den insgesamt 260 im Swiss Performance Index kotierten Firmen sind auf Ihrem Radar?

Wir meiden Aktien von Kantonalbanken und Stromversorgern. Hier spielt die politische Komponente hinein, die der Aktionär kaum beurteilen kann. Wir wären auch nicht die besten Eigentümer bei Biotech-Aktien, dafür gibt es genügend Spezialisten. Es bleibt eine Liste von etwa 160 Firmen. Von diesen kaufen wir konsequent nur unterbewertete Value-Aktien. Derzeit sehen wir bei drei, vier Dutzend Firmen eine Unterbewertung. Wir disziplinieren uns auf acht bis zwölf Engagements.

Wir haben seit Jahren steigende ­Börsen. Gibt es überhaupt noch so viele ­unterbewertete Firmen?

Die Börse hat eine Art Zweiteilung hinter sich. Das Geld der Investoren wurde in den letzten Jahren vor allem in passive Anlagen, indexnah und in ETF angelegt. Gros­se Firmen wurden deutlich teurer. Daneben handelt fast ein Drittel aller kotierten Schweizer Unternehmen zu tieferen Aktienkursen als vor sechs Jahren. Diese Firmen wurden vernachlässigt oder ­haben ganz offensichtlich ihre Hausaufgaben noch nicht vollständig erledigt.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Aktienmärkte bis 2020?

Langfristig setze ich persönlich immer auf Aktienanlagen. Mein Credo ist: Unternehmen sind immer besser aufgestellt und handeln haushälterischer und langfristiger als der Staat oder die Politik. Derzeit haben wir an den Märkten sicher keine Unterbewertung mehr, es ist aber auch keine Überbewertung feststellbar. Wir sehen etliche Anlagechancen.

Ihre andere Passion ist der Fussball. 2012 traten Sie nach einem verlo­renen Machtkampf gegen FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa als Vizepräsident zurück. Kehren Sie beim FCZ in eine Top-Position zurück?

Der FCZ ist in erster Linie eine persönliche Herzensangelegenheit. Als Verwaltungsrat darf man aber nicht wie ein Fan handeln. Daran krankt der Fussball. Ich fühlte mich bei meinem Abgang vor drei Jahren nicht mehr wohl in der Finanzierungs- und Führungsstruktur. Es war kein Machtkampf, sondern eine strategische Überlegung. Prinzipiell schliesse ich im Leben nie etwas aus. Bloss möchte ich nie zweimal das Gleiche tun. Das Original ist immer besser als das Remake.
 

Gregor Greber ist Chairman der 2015 von ihm mitgegründeten Veraison Capital in Zürich. Zuvor war er Aktienspezialist und Leiter Aktien bei diversen Banken und Corporate-Finance-Chef bei der Bank am Bellevue. Danach gründete er den Vermögensverwalter zCapital und den Aktionärsberater zRating.

 

Dieser Beitrag ist Teil des am 8. September 2015 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie unter anderem, wie Sie an der Börse richtig investieren, was eine Analystin den lieben langen Tag macht oder was Sie über die Vorsorge unbedingt wissen sollten.

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