Aktienauswahl für die EZB-Geldschwemme

Ab März wird die Europäische Zentralbank ihre Geldschleuse erst richtig öffnen. Schon jetzt sind Aktienstrategen auf der Suche nach den Gewinner-Aktien der Liquiditätsflut. cash hat nachgefragt.
26.01.2015 08:41
Von Lorenz Burkhalter
Für Strategen die einzige Schweizer Gewinnerin der EZB-Geldschwemme: Die Aktie von Adecco.

Seit dem letzten Donnerstag ist klar, dass die Europäische Zentralbank (EZB) nicht wie erwartet für 50 sondern sogar für 60 Milliarden Euro monatlich Schuldtitel kauft. Aus heutiger Sicht fliessen so ab März gut 1140 Milliarden Euro ins europäische Finanzsystem.

Bis zum Wochenende konnten die europäischen Aktienmärkte denn auch kräftig zulegen. Der breit gefasste Stoxx Europe 600 Index kletterte innerhalb von gerade mal zwei Handelstagen um 3,4 Prozent. Seit Jahresbeginn beträgt das Plus damit 8,5 Prozent. Gleichzeitig geriet der Euro sowohl gegenüber dem Franken als auch zum Dollar noch einmal kräftig unter Druck.

Im Hinblick darauf, dass die EZB ihre Geldschleuse ab März erst richtig öffnen wird, sagen die meisten Strategen den europäischen Aktienmärkten lukrative Monate vorher. Im Anschluss an den geldpolitischen Entscheid vom Donnerstag haben sich viele Experten auf die Suche nach den Gewinner-Aktien der Liquiditätsflut gemacht – mit teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Gewinner nicht in den Peripherieländern suchen

Die Aktienstrategen der Credit Suisse warnen davor, dass die Ausweitung des Rückkaufprogramms auf europäische Staatsanleihen eine geringere Wirkung als jenes in den USA und Grossbritannien haben wird. Dennoch werde es die meisten Investoren früher oder später überzeugen können, so schreiben sie.

Die Grossbank rät den eigenen Anlagekunden bei europäischen Aktien weiterhin zu einem Übergewicht. Jene für die Peripherieländer stufen die Strategen allerdings überraschend von "Overweight" auf "Benchmark" zurück. Gleichzeitig empfehlen sie den Anteil deutscher Aktien in den Wertschriftenportfolios auszubauen.

Gezielt auf Einzelaktien setzen

In Erwartung eines gegenüber dem Dollar unter die Parität fallenden Euros setzt man bei der Credit Suisse auf die Aktien der international tätigen Automobilzulieferer Valeo, Continental und GKN, der beiden Stellenvermittler Randstad und Adecco sowie auf jene von Retailbanken wie Intesa, Caixabank und Crédit Agricole. Darüber hinaus finden die Aktienstrategen Gefallen an deutschen Immobilienbeteiligungsgesellschaften.

Die Berufskollegen von Société Générale rechnen damit, dass die wirtschaftlichen Frühindikatoren in Europa die Talsohle schon bald durchschreiten werden. Im weiteren Jahresverlauf sollte die Wirtschaft sogar anziehen und die Unternehmensgewinne beflügeln, so schreiben sie.

Meinungen gehen weit auseinander

Die Gewinner der Geldschwemme orten sie im Technologiesektor sowie in der Luxusgüterindustrie. Gleichzeitig sollten die Stromversorger dank den tiefen Zinsen in den Genuss von rückläufigen Finanzierungskosten kommen. Ihre Schlüsselkaufempfehlungen erstrecken sich von den Titeln von Crédit Agricole und Intesa über die von Nokia und Renault bis hin zu jenen von ENEL.

Einen anderen Ansatz verfolgen die Strategen der Deutschen Bank. Sie setzen auf Aktien von Unternehmen mit einem hohen Ergebnisbeitrag aus dem Inland, streichen allerdings sämtliche Firmen aus der Öl- und Gasindustrie, dem Bergbau sowie die griechischen Banken.

Währungsbedingte Hürden für Schweizer Anleger

Die Experten favorisieren die Aktien von Valeo, Volkswagen, Renault, Continental, KBC Group, Société Générale, ING Groep, Saint Gobain, Kion Group, Smurfit Kappa, Thales, Abertis Infraestructuras, Axa, Generali, ProsiebenSat1, Mediaset, Hugo Boss, Moncler, Beiersdorf, LEG Immobilien, Orange, Ryanair, TUI und Red Electrica.

Weiterhin in einem Dilemma befinden sich die in Franken rechnenden Anleger. Viele börsengehandelte Schweizer Unternehmen haben mit den Folgen der erstarkten Heimwährung zu kämpfen. Sie profitieren bestenfalls am Rande von der Geldschwemme der EZB. Als grösster Gewinner wird hierzulande die Adecco-Aktie gehandelt. Sie legte in den letzten Tagen jedoch bereits kräftig zu.

Anleger können zwar auf die Aktien der umliegenden europäischen Nachbarländer ausweichen. Sollte sich der Euro weiter abschwächen oder der Franken noch stärker werden, drohen ihnen jedoch Wechselkursverluste. Bleibt zu hoffen, dass sich der mittlerweile stark überbewertete Franken irgendwann von selber abzuschwächen beginnt.