WEF 2016

«Aktiencrash ist nicht unmöglich»

Laut Jeremy Anderson von KPMG bleiben Aktien die attraktivste Anlageklasse. Der Finanzmarktexperte sagt, was trotz China-Krise und Ölpreiszerfall gegen einen Crash spricht - und warum es dennoch anders kommen könnte.
21.01.2016 15:12
Von Marc Forster, Davos
Jeremy Anderson, Chairman für Finanzmärkte bei KPMG Global, am WEF 2016.
Bild: cash

Der Dow Jones hat seit Jahresanfang 9,5 Prozent verloren, der Dax 12 Prozent, der SMI 9 Prozent, während in London, wo der Leitindex FTSE100  8,5 Prozent Kursverlust erlitten hat, erste Stimmen von einem Bärenmarkt sprechen. Der miese Börsenstart in diesem Jahr zeigt laut einem Experten vor allem, dass Investoren langsam die Entwicklungen verinnerlichen, die sich schon 2015 abgezeichnet haben: Jeremy Anderson, der bei KPMG Global die Finanzmarktsparte leitet, nennt im cash-Video-Interview neben der volatilen Lage in China auch den Ölpreis als Grund, der Tiefen erreicht habe, die man vor einiger Zeit noch für unwahrscheinlich gehalten habe.

"Anleger wollen aus dem Markt heraus", sagt Anderson. "Sie tun dies nicht unkontrolliert. Aber es gibt im Moment keine Käufer, weil die Realitäten nun so anerkannt werden, wie dies letztes Jahr noch nicht der Fall gewesen ist."

Fundamentaldaten sind bekannt

Zu den Crash-Propheten will sich der KPMG-Finanzmarktexperte aber nicht zählen. Kursrückgänge an den Aktienmärkten von 20 oder 30 Prozent, wie sie bereits diskutiert werden, hält er derzeit für unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. "Die Fundamentaldaten zur Weltwirtschaft sind uns wohlbekannt." Trotz China, dem Rohstoffpreiszerfall und Währungsschwierigkeiten gebe es nichts fundamental neues, was die Märkte erschüttern könnte, sagt Anderson.

"Die Märkte sind aber auch sehr launisch. Eine geopolitische Krise oder ein Kollaps internationaler Beziehungen könnte plötzlich noch etwas auslösen." Von den Fundamentaldaten her sieht Anderson aber keine offensichtlichen Risiken.

Anderson ist sich sicher, dass Aktien bei Anlegern weiterhin hoch im Kurs stehen werden. Rückblickend habe sich Risikokapital langfristig als die am besten performende Anlagekategorie erwiesen. Solange die globalen Themen Wachstum und Beschäftigung seien, werde mehr Geld in Aktien investiert als in Obligationen. Anderson warnt vor zu grosser Nervosität: "Jene, die nur in Aktien investiert haben, könnten sich etwas zurückziehen. Ich hoffe aber, dass wir den Mut behalten, in Aktien zu bleiben."

China wandelt sich schnell

Die Situation in China ist laut Anderson nicht einfach einzuschätzen, das Land sei zu divers: "Über China als einen Wirtschaftsraum zu sprechen ist etwa, wie über Europa als einen Wirtschaftsraum zu sprechen." Das Land wandle sich enorm, während es klar einen Wachstumsrückgang und einen Wandel von der Export- zur Binnenkonsumwirtschaft gebe.

Um den Dienstleistungssektor in China macht sich der KPMG-Experte, der häufig nach China reist, weniger sorgen als um die Infrastruktur-Industrien. Dort gebe es klar ein Überangebot. "Die politische Führung erkennt aber, dass die Probleme angegangen werden müssen", sagt Anderson. Besondere Aufmerksamkeit müssten die Behörden Regionen widmen, die exportabhängig seinen, aber Wettbewerbsprobleme hätten, sowie jenen Teilen des Landes, die zu stark vom Bauboom gelebt hätten.

Im cash-Video-Interview gibt Jeremy Anderson auch eine Einschätzung zu Europa und der Eurozone ab. Er erklärt dabei, warum er eher optimistisch für den Währungsraum ist.