Aktienhändler gewinnen Terrain vom Computerhandel zurück

Maschinen mag die Zukunft gehören. Aber zumindest in einem Segment des Marktes schlagen Menschen die dominierenden Handelsprogramme.
02.07.2016 04:03

Sales Trader wie Samantha Huggins sind gefragt. Denn wenn es um den Handel mit grossen Aktienpositionen oder Block Trades geht, sind Menschen im Vorteil. Zwar sind Transaktionen über telefonische Kontakte teurer, Huggins verweist aber auf ihre 18 Jahre Markterfahrung. So kann sie die Riffe kleinteiliger Auftragsabwicklungen, wie sie Computerprogramme über Stunden oder gar ganze Tage vornehmen, umschiffen.

"Letztlich verringert das Sales Trading die Ausführungskosten", sagt Huggins, die zugleich Managing Director ist. "Wenn es die Kosten der Investoren nicht verringern würde, wären wir eine Herde Dinosaurier."

So gedeiht inmitten der weitgehende Technisierung des Handels eine Nische. Die Ausführung von Transaktionen mit Einzelwerten durch Sales-Trader ist in Europa auf 51 Prozent gestiegen und hat damit den ersten Anstieg in einem Zeitraum von zehn Jahren verzeichnet, wie aus Angaben von Greenwich Associates hervorgeht. In den USA liegt der Anteil sogar bei 55 Prozent.

Banken stellen verstärkt Spezialisten ein

Und ihre Bedeutung wächst. Banken haben in den vergangenen sechs bis acht Monaten verstärkt hochkarätige Sales Trader eingestellt, wie das Personalunternehmen Armstrong International feststellt. Das erstaunt, da die Institute in Europa und den USA in den vergangenen Jahren zehntausende von Stellen abgebaut haben.

Sales-Trading ist freilich keine Dienstleistung für Jedermann. So legen bei der Citibank vor allem die Grossen im Geschäft Wert auf Transaktionen aus Menschenhand. Das gestiegene verwaltete Vermögen, das nach Daten der Boston Consulting Group im Jahr 2014 um acht Prozent auf 74 Billionen Dollar zugelegt hat, erfordert ein angemessenes Handeln. So verbergen algorithmische Programm grosse Aufträge zwar durch sukzessive Abwicklung, aber inzwischen sind die zugrunde liegenden Muster bekannt, was zu ungünstigen Preisentwicklungen führt, wenn eine Order entdeckt wird.

Auch der Boom börsengehandelter Fonds ist ein Problem. Einige der Index-Fonds wickeln Transaktionen bevorzugt zu den Schlussauktionen ab, was den Handel über den Rest des Tages erschweren kann. Inzwischen entfallen 20 Prozent eines Tagesumsatzes auf die Schlussauktion. 2009 waren es nur neun Prozent gewesen, wie aus Daten der Citigroup hervorgeht.

Transaktion «in einem Rutsch»

Zudem können neue Nachrichten den Kurs vor Abwicklung eines grossen Auftrags in kleinen Portionen negativ beeinflussen. Daher zahlen Grossanleger lieber etwas mehr, damit die Order "in einem Rutsch" über die Bühne geht.

Derartige Transaktionen sind die Spezialität von Händlerinnen wie Huggins. Vorausetzung für ihren Erfolg ist, dass die Sales Trader alles über ihre Kunden wissen, also deren Portfolios, Ausführungswünsche und Informationsbedürfnisse genau kennen. Vor allem müssen Sie aber über mögliche Transaktionspartner Bescheid wissen. Gerade im Vorfeld eines möglichen Brexit sind viele Fondsmanager so zurückhaltend wie seit 14 Jahren nicht mehr. Ein Algorithmus wird daher wohl keinen Handelspartner finden, aber ein versierter Händler kann es.

“Sales-Trader können grosse Kreativität an den Tag legen” sagt Rob Boardman, Chief Executive Officer Europa bei Investment Technology Group, einem Spezialisten für Computerhandel und Dark-Pool-Betreiber. Das Unternehmen beschäftigt Sales Trader, entwickelt aber auch Algorithmen für Käufe und Verkäufe. "Ein Algo wird keinen der fünf Hauptaktionäre eines Wertes anrufen", so Boardman.

Kleinteilige, mit Lichtgeschwindigkeit ausgeführte Transaktionen seien nicht unbedingt attraktiv für grosse institutionelle Firmen, merkt Simon Steward, Leiter europäischer Aktienhandel bei Capital Group in Los Angeles, an. Daher kommen bei zwei Drittel der Transaktionen mit europäischen Werten Menschen zum Einsatz.

Roboter sind billiger

Ein Vorteil der Roboter-Händler ist der Preis. Automatisierter Handel kann einigen Schätzungen zu Folge bei nur drei Basispunkten liegen, während ein Sales Trader auf sieben Basispunkte und mehr kommt. Bei einer Order über 250 Millionen Dollar macht das immerhin einen Unterschied von 100'000 Dollar aus.

Nach Angaben von Greenwich Associates gibt es erhebliche Unterschiede beim Angebot. Während grosse Kunden Premiumdienstleistungen wie Research und hervorragende Sales Trader nutzen können, müssen kleinere Firmen mit automatisierten Dienstleistungen oder weniger hochkarätigen Händlern Vorlieb nehmen.

“Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob man ein grosser Vermögensverwalter ist, der viel für Dienstleistungen zahlt, denn dann erhält man ein hochwertiges Sales Trading", so Boardman. “Für einen mittelgrossen Fondsmanager mit 40 Mrd. Dollar, der zehn Mal weniger ausgibt, stellt sich die Frage, ob ein hochkarätiges Sales Trading zur Verfügung steht."

(Bloomberg)