Aktionäre unzufrieden - Erste Kratzer am Macher-Image von Deutsche-Bank-Chef Cryan

John Cryan ist als Sanierer an die Spitze der Deutschen Bank getreten. Nun mehrt sich aber die Zahl der Aktionäre, die dem Briten am Steuer der schwer angeschlagenen Bank nicht mehr richtig trauen.
12.03.2017 13:55
John Cryan ist CEO der Deutschen Bank und arbeitete früher unter anderem als Finanzchef der UBS.
John Cryan ist CEO der Deutschen Bank und arbeitete früher unter anderem als Finanzchef der UBS.
Bild: Bloomberg

Die Deutsche Bank wird noch einmal fünf Jahre lang umgebaut. Das ist die zentrale Botschaft von John Cryan, der seine mit Spannung erwartete neue Strategie für Deutschlands grösstes Geldhaus präsentiert hat. Die lange Durststrecke und die hohen Restrukturierungskosten lösen bei Grossaktionären Ernüchterung aus. Schliesslich sind andere Banken schon wieder im Angriffsmodus, die Kunden ziehen weiter. Viel wichtiger aber: Das Macher-Image von Cryan hat Kratzer bekommen. Der Brite, vor eineinhalb Jahren als entschlossener Sanierer angetreten, hat in wesentlichen Punkten seine Meinung geändert.

Dass er das tut - oder dass er es erst jetzt tut -, wirft die Frankfurter zusätzlich zurück, wie mächtige Geldgeber monieren. "Die Deutsche Bank hat eine Historie von Strategieschwenks - und selten das geliefert, was sie versprochen hat", heisst es bei einem Top-10-Aktionär. "Auch jetzt ist der erste Eindruck: Cryan macht eine Rolle rückwärts." Ein anderer Grossaktionär pflichtet bei: "Es wirkt ein bisschen konfus." Viele Details der Strategie seien noch offen und müssten nun schnell nachgeliefert werden.

Dem Aufsichtsrat dürfte gedämmert haben, dass die Kehrtwende in zentralen Punkten schwer vermittelbar ist. Jedenfalls nahm sich das Gremium am Sonntag fast sechs Stunden Zeit für die Strategieberatungen. Immer wieder legten die Kontrolleure den Finger in die Wunde, wie ein Insider berichtet: Warum hat die Bank auch unter Cryan ein Umsetzungsproblem? Warum soll es dieses Mal klappen? Warum ist heute falsch, was erst im Herbst 2015 als richtig angekündigt worden war? "Eines ist klar: Hier geht es auch um die persönliche Glaubwürdigkeit von Cryan."

Ohne Denkverbote

Prominentestes Beispiel für die Rolle rückwärts ist die Postbank: Sie wurde gerade erst für rund eine Milliarde Euro aus dem Konzern herausgelöst, weil sich Cryan kurz nach Amtsantritt - wenn auch mit wenig Begeisterung - hinter die Entscheidung seines Vorgängers Anshu Jain gestellt hatte, die Bonner Tochter zu verkaufen. Dieser Plan ging nicht auf, nun soll das Institut vollständig in das "blaue" Privatkundengeschäft integriert werden.

Das dürfte nochmal bis zu zwei Milliarden Euro kosten und drei bis fünf Jahre dauern. Betriebsräte befürchten, dass hier abermals Tausende Jobs wegfallen. Vor Journalisten räumte Cryan ein, die Entscheidung sei erklärungsbedürftig, aber: "Dieser Strategie fühlen wir uns jetzt dauerhaft verpflichtet." Auf solch eine Ansage hoffen auch die Investmentbanker. Im Herbst 2015 zerlegte Cryan die Sparte: in den Wertpapierhandel auf der einen und das Finanzierungs- und Beratungsgeschäft auf der anderen Seite.

Jetzt will er beides wieder zusammenführen. Seine Begründung: "So wollen wir unser Profil als führende europäische Bank mit globalem Netzwerk stärken." In einem Brief an die weltweit 100.000 Mitarbeiter wirbt er um Verständnis: Es seien nicht einfach alte Konzepte wiederbelebt worden. Vielmehr habe die Bank jetzt "ohne Denkverbote" eine Aufstellung gewählt, die angesichts von Marktumfeld und Regulatorik die richtige sei.

Das Rennen ist eröffnet

Auch eine Kapitalerhöhung wollte Cryan eigentlich vermeiden. Jetzt schöpft das Institut aus dem Vollen und will am Markt acht Milliarden Euro einsammeln. Die gesamte Deutsche Bank ist nach dem Kursrutsch zu Wochenbeginn noch 24,8 Milliarden Euro wert. "Die Frage ist, ob das jetzt die letzte Kapitalerhöhung ist oder ob die Bank in wenigen Jahren schon wieder etwas braucht", unkt Stefan de Schutter von Alpha Wertpapierhandel.

Der grösste Aktionär Katar geht das Risiko ein: Finanzkreisen zufolge ziehen die Scheichs mit und wollen ihre Bezugsrechte ausüben und neue Aktien zeichnen. Etliche andere grosse Anleger haben sich dagegen noch nicht festgelegt. Für sie steht eine spannende Frage im Raum: Wie lange macht Cryan noch? Er selbst lässt keinen Zweifel daran, seinen bis 2020 laufenden Vertrag erfüllen zu wollen.

Doch hat er die Nachfolge-Debatte eröffnet, indem er den bisherigen Finanzchef Marcus Schenck und Privatkundenvorstand Christian Sewing zu seinen Stellvertretern beförderte. Beide wären als Nachfolger geeignet, sagt einer der grossen Anleger. "Aber auch sie stehen unter Druck, dass die Strategie funktioniert. Der Konzern wird nicht über Nacht profitabel, da muss man hart dran arbeiten."

(Reuters)