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«Alle Anleger müssen sich neu positionieren»

Laut cash-Guru Alfred Herbert herrscht an den Börsen derzeit Ratlosigkeit und Vorsicht. Was er von den US-Wahlen erwartet und wie er die Aktien von ABB und Credit Suisse beurteilt, sagt er im Börsen-Talk.
28.10.2016 01:00
Von Ivo Ruch
cash-Guru Alfred Herbert (rechts) im Börsen-Talk mit cash-Redaktor Ivo Ruch.
Bild: cash

Es ist kein erfreuliches Bild für Schweizer Anleger. Seit rund einem Monat zeigen die Kurse an der hiesigen Börse südwärts. Erstmals seit Anfang Juli schloss der Swiss Market Index (SMI) am Mittwoch gar wieder unter 7900 Punkten. Doch anders als nach dem Brexit-Votum fehlen derzeit die eindeutigen Schock-Momente. Weshalb also halten sich die Anleger zurück? "Es sind zu viele zur Vorsicht mahnende Sachen, die an der Börse keinen Drive erzeugen", sagt cash-Guru Alfred Herbert im Börsen-Talk.

Er meint damit die schleppende weltwirtschaftliche Erholung, durchzogene Unternehmensresultate, aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. "Man kann auswählen, was man will." Hinzu kommt noch die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA, der noch immer grössten und wichtigsten Volkswirtschaft der Welt.

Auch wenn alle Prognosen einen Sieg Hillary Clintons vorhersagen, besteht das Restrisiko einer Überraschung. "Es stehen zwei Kandidaten zur Wahl. Keinen will man, und der weniger Schlechte wird gewinnen", fasst Herbert die Zurückhaltung der Finanzmärkte mit Blick auf die USA zusammen.

Die Sorgen nehmen zu

Von Unternehmensseite her wartet man momentan ebenfalls vergeblich auf positive Impulse. Egal ob Nestlé, Novartis, Roche oder ABB: Seit Beginn der Berichtssaison zum dritten Quartal hat kaum eine grosse Schweizer Firma positiv überrascht. "Viele Unternehmen haben nach neun Monaten mehr Sorgen als nach sechs", sagt Herbert.

Bei einigen grossen Unternehmen stellt sich deshalb die Frage, ob sie überhaupt noch substanziell wachsen können oder ob sie mit ihrem Geschäftsmodell allmählich an ein Limit stossen. Die Suche nach Wachstum sei derzeit ein grosses Problem, sagt Fred Herbert: "Alle müssen sich neu positionieren. Weder Laien noch Profis wissen, wie es diesbezüglich weitergehen soll."

Jüngstes Beispiel ist der Industriekonzern ABB, der am Donnerstag viele Anleger mit einem sehr schwachen Auftragseingang und dem dritten Umsatzrückgang in Folge vergraulte. Die ABB-Aktie fiel im Laufe des Tages um mehr als 6 Prozent auf den tiefsten Stand seit knapp drei Monaten. Der Traditionskonzern ist stark von der Investitionstätigkeit abhängig, profitiert aber erst in einem zweiten oder dritten Schritt. So müssen zuerst Häuser gebaut werden, bevor ABB mit seinen Stromnetzen zum Zug kommt.

Da aber nur schon die Investitionen auf sich warten lassen, werden auch die Aufträge für ABB nicht von heute auf morgen anziehen. Dennoch findet cash-Guru Alfred Herbert Gefallen am Geschäftsmodell von ABB: "Nur wenige decken global so viele Bereiche ab. Auch hat ABB die Marge wieder verbessert. Wenn sie die Kurve kriegen, müssen die ABB-Aktien überdurchschnittlich bewertet werden."

Weniger optimistisch ist Herbert traditionell gegenüber den Aktien von Grossbanken. In der Vergangenheit ist er damit fraglos gut gefahren. Jüngst hat sich aber die Credit-Suisse-Aktie von einem tiefen Niveau aus deutlich erholt. In den letzten vier Wochen beträgt der Kursgewinn rund 10 Prozent, wie der folgende Chart zeigt. Ist er also rechtzeitig eingestiegen? "Nein, danke", lautet seine Antwort.

Die CS-Aktie in den letzten drei Monaten (Quelle: cash.ch)

Man müsse bedenken, woher die CS-Aktie komme, dann spiele es keine Rolle, ob sie bei 10 oder 15 Franken stehe. Die Lage der Banken beurteilt der cash-Guru weiterhin negativ und bezweifelt sogar, dass sie genügend kapitalisiert sind. "Es rudern alle im selben Boot, das sieht man auch bei der Deutschen Bank", so sein Fazit.

Zudem äussert sich cash-Guru Alfred Herbert im Börsen-Talk auch zu Nebenwerte-Boom und dessen mögliche Fortsetzung.