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«Als Anleger muss man Contrarian sein»

Starfondsmanager Vincent Strauss ist Leiter von Magellan, dem Klassiker unter den Schwellenland-Fonds. Im Gespräch mit cash äussert sich Strauss zu Wladimir Putin, zu Alibaba und zu Auswirkungen von US-Zinserhöhungen.
12.09.2014 08:40
Von Daniel Hügli, Frankfurt
Vincent Strauss managt den Magellan-Fonds seit 20 Jahren.
Bild: cash

Der Franzose Vincent Strauss (58) ist CEO der Pariser Fondsgesellschaft Comgest und seit 1994 Fondsmanager des Magellan-Fonds, den es seit 1988 gibt und der einer der ältesten Fonds für Emerging Markets ist.

cash: Herr Strauss, als einer der Pioniere in Schwellenland-Anlagen warnen Sie schon lange vor Investitionen in Russland-Aktien, vor allem wegen der schlechten Corporate Governance in den Unternehmen. Fühlen Sie sich angesichts der politischen Ereignisse in diesem Jahr bestätigt?

Vincent Strauss: Rund 70 Prozent der Aktien im russischen Index sind im Energie-Bereich tätig, und dort investieren wir generell nicht. Zweitens: Die Corporate Governance bei russischen Firmen war in den letzten 15 Jahren immer ein Problem. Und sie wurde schlechter, je mehr Wladimir Putin an Macht dazu gewann als Premierminister und Staatspräsident. Die Rechte der Minderheitsaktionäre werden nicht Ernst genommen.

Der Ukraine-Konflikt betrifft die Entwicklung von Schwellenländern in Osteuropa. Was sind die Ziele von Putin in Osteuropa?

Das weiss niemand. Putin ist in der russischen Bevölkerung sehr beliebt, weil er den Russen den verlorenen Stolz zurückgebracht hat. Nach der Wende in Europa hatte die Bedeutung von Russland zunehmend abgenommen. Sicher ist, dass geopolitische Themen die Märkte heute wieder mehr dominieren.

Die US-Notenbank wird die Zinsen Mitte nächstes Jahr erhöhen. Stimmen Sie in diesen Marktkonsens ein?

Wenn es nach mir ginge, dann hätte die Fed die Zinsen schon längst erhöhen müssen. Ich finde die Geldpolitik der Notenbanken schlecht. Die Zentralbanken kaufen sich mit ihren Aktionen lediglich Zeit. Jemand wie Frankreichs Präsident Francois Hollande findet die EZB-Politik natürlich gut. Denn damit hofft er das vermeiden zu können, was Gerhard Schröder in Deutschland tun musste, nämlich harte Reformen durchziehen. Aber Frankreich muss diese Reformen an die Hand nehmen.

Im letzten Jahr kam es in den Schwellenländern zu üblen Kapitalabflüssen, als die Fed das Ende der lockeren Geldpolitik andeutete. Wie werden diese Märkte nun reagieren, wenn die effektiven Zinserhöhungen kommen?

Ich glaube, das wird nicht so wichtig sein. Vor zwanzig Jahren hatten viele Schwellenländer oder Firmen in diesen Märkten hohe Berge von Schulden. Doch spätestens seit den Krisen in Asien und in Russland in den 90er Jahren wissen diese Staaten, dass eine zu hohe Verschuldung lebensbedrohend sein kann. In den letzten 15 Jahren wurden die Unternehmensbilanzen verbessert, nicht aber diejenigen der Staaten. Eine Zinserhöhung wird sich also wohl nur bei den Ländern negativ auswirken, als Beispiel würde ich hier Indien nennen.

Der Magellan-Fonds hat in diesem Jahr im Zuge des Rebounds der Schwellenländer-Märkte 17 Prozent zugelegt. Ist es schon wieder zu spät, um einzusteigen?

Man muss als Investor ein Contrarian sein. Wenn Sie finden, dass Sie noch nicht genügend Aktien aus Schwellenländern besitzen, dann macht es aus Sicht eines Contrarians Sinn, eine Konsolidierung der Märkte abzuwarten.

Sie waren in den letzten Jahren skeptisch gegenüber China. Das Wachstum in China, das in diesem Jahr viel besser ausfiel als erwartet, war aber wesentlich verantwortlich für das Comeback der Schwellenländer in diesem Jahr…

…China wird viel leiden. Das Bankensystem ist ein Schlamassel. Und in der Geschichte gibt es keinen Fall, bei dem ein grösseres Wachstum der Infrastruktur im Verhältnis zur Wirtschaftsleitung ohne Krise ausgegangen ist. China wird in eine Krise schlittern. Dennoch haben wir unser China-Exposure in den letzten 18 Monaten deutlich erhöht, weil die Preise extrem billig waren. China ist ein Markt für Contrarians.

Der Versicherer China Life und die Telekom-Gesellschaft China Mobile gehören zu den Top-Positionen in Ihrem Fonds.

Genau, wir kauften auch einige Konsum-affine Aktien. Der chinesische Aktienmarkt wird sich in Zukunft noch weiter öffnen für ausländische Investoren.

Was halten Sie vom chinesischen Online-Händler Alibaba, der in nächster Zeit in den USA an die Börse geht?

Der Gründer und CEO Jack Ma hat exzellente Arbeit geliefert. Aktionäre müssen allerdings vorsichtig sein. Sie erhalten bloss einen mehrfach indirekten Zugang zum Geschäft von Alibaba. Es gibt rechtliche Risiken, ebenso Risiken bei der Corporate Governance. Die Aktionäre haben keine Stimmrechte, die sie wahrnehmen können, falls das Management schlecht wirtschaftet.

Sie halten die Aktien ihrem Fonds im Schnitt fünf Jahre. Einige Leute sagen, das sei zu lange.

Wir sind sozusagen Überzeugungstäter. Wir kennen die Unternehmen genau, in welche wir investieren. Wenn wir mit dem Top-Management reden, dann wollen wir nicht wissen, was wir den nächsten zwei oder drei Quartalen erwarten dürfen. Uns interessieren die nächsten drei bis fünf Jahre. Wir kaufen und warten ab. Ehrlich gesagt, als ich jung war, hatten wir einen höheren Wechsel bei den Aktien. Aber rückblickend muss ich sagen: Traden zahlt sich nicht aus.

Sie waren einer der Pioniere beim Investieren in Schwellenländer. Heute zögern Sie, gross in Frontier Markets einzusteigen, welche ja neue Schwellenländer werden könnten. Fehlt Ihnen plötzlich der Mut?

Wir haben bei Comgest einen Mid-Cap-Fonds mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Aktien aus Frontier Markets. Und diese Märkte sind wirklich geeignet für Contrarians. Aber die Regel heisst bei Frontier Markets: First in, first out. Vor vier Jahren wollten wir einen Frontier-Markets-Fonds aufsetzen. Wir taten es schliesslich nicht.

Weshalb?

Sie haben normalerweise grosse Zuflüsse an Geldern bei solchen Fonds. Dann sind sie verpflichtet, die Preise in die Höhte zu treiben. Dasselbe passiert, wenn Sie Abflüsse haben. Ein Ausstieg aus solchen Märkten ist nicht einfach.

Im Börsen-Talk-Video äussert sich Vincent Strauss zu seinen Erfahrungen als Schwellenland-Fondsmanager und zur Konkurrenz von ETF.