Analysten in Erklärungsnot

In den letzten Tagen haben Analysten ihre Verkaufsempfehlungen gleich bei mehreren Schweizer Aktien widerrufen. Auf was Anleger achten sollten.
03.06.2014 01:00
Von Lorenz Burkhalter
Jüngstes Beispiel für die Kapitulation eines negativ gestimmten Analysten: Die Aktie von Geberit.
Jüngstes Beispiel für die Kapitulation eines negativ gestimmten Analysten: Die Aktie von Geberit.
Bild: www.geberit.com

Der Schweizer Aktienmarkt setzte seine Rekordjagd am Montag ungebremst fort. So kletterte der breit gefasste Swiss Performance Index zu Beginn vorübergehend in die Nähe von 8'600 Punkten und damit auf den höchsten Stand in der Geschichte.

Das ausgedünnte Lager der Baissiers gerät immer mehr in Erklärungsnot. Viele haben längst das Handtuch geworfen. Die Börsenhausse hat aber auch für Analysten Folgen: Viele wurden auf dem falschen Fuss erwischt. Alleine seit Donnerstag wurden hierzulande bei nicht weniger als drei verschiedenen Aktien die in der Vergangenheit ausgesprochenen Verkaufsempfehlungen widerrufen. Teils mit fadenscheinigen Begründungen.

Kapitulation bei Geberit nach über drei Jahren

Jüngstes Beispiel ist die Aktie von Geberit. Sie wird bei Morgan Stanley nicht mehr länger mit "Underweight" zum Verkauf empfohlen, sondern neu mit „Equal-weight“ eingestuft. Und obschon die Gewinnschätzungen für die kommenden Jahre nur um bis zu 7 Prozent nach oben revidiert werden, lautet das Kursziel neu 281 (alt: 230) Franken. Das ist ein sattes Plus von 22 Prozent.

Bemerkenswert: Drei Jahre lang riet die verantwortliche Analystin ihren Kunden zum Verkauf der ihres Erachtens substanziell überbewerteten Aktie. Wie aus heiterem Himmel findet sie nun plötzlich Gefallen am Geschäftsmodell des Ostschweizer Sanitärtechnikkonzerns.

Die relative Attraktivität des Unternehmens habe sich nach der materiellen Neubewertung vergleichbarer Mitbewerber substanziell verbessert. Dadurch sei ein vorübergehender Rückschlag unwahrscheinlich geworden, so die nüchterne Analyse.

Verkaufsempfehlungen nicht länger "en vogue"

Mit anderen Worten: Weil die Aktien der wichtigsten Konkurrenten mittlerweile auch stolz bewertet sind, hält die Analystin jene von Geberit nicht mehr länger für unattraktiv oder korrekturgefährdet.

Ähnlich verklausuliert liest sich die jüngste Unternehmensstudie der UBS Investmentbank zu Bachem. Seit mehr als zwei Jahren lautete das Anlageurteil der Grossbank unmissverständlich "Sell". Vergangenen Donnerstag warf der verantwortliche Analyst das Handtuch und stufte die Aktie auf "Neutral" hoch.

Die Margenerosion der Jahre 2010 und 2011 sei überstanden, so die Begründung. Auf Basis des EBIT habe das Unternehmen die Marge seither von 10,2 auf 17,3 Prozent gesteigert. Dank einem breiten Angebot an neuen chemischen Wirkstoffen seien weitere Verbesserungen möglich. Deshalb revidiert der Analyst seine Gewinnschätzungen für die kommenden Jahre um durchschnittlich 6 bis 11 Prozent nach oben. Das 12-Monats-Kursziel erhöht er sogar um knapp 43 Prozent auf 50 Franken. Das entspricht mehr oder weniger den aktuellen Notierungen.

Den mit der Verkaufsempfehlung verpassten Kursanstieg von 38 auf 50 Franken begründet der Analyst mit dem Umstand, dass die Unternehmensbewertung auf den Durchschnitt vergangener Tage zurückgefunden habe. Mit anderen Worten: Die noch vor gut zwei Jahren als stolz bezeichnete Bewertung geht für ihn mittlerweile völlig in Ordnung.

Ebenfalls Erklärungsnot hat sein Berufskollege von der Credit Suisse bei einem anderen Beispiel. Der Analyst sah sich am Donnerstag zu einer Überarbeitung seines Anlageurteils für die Aktie von Ypsomed gezwungen. Seit Ende Mai 2011 lautete dieses "Underperform", was einer Verkaufsempfehlung gleichzusetzen ist. Mittlerweile stuft der Analyst die Aktie mit "Neutral" und einem nahezu doppelt so hohen 12-Monats-Kursziel von 95 Franken ein. Das Medizinaltechnikunternehmen habe die mehrjährige Übergangsphase abgeschlossen, so die lapidare Begründung.

Und obschon der Analyst seine Gewinnschätzungen für das Jahr 2015/16 für die Bewertung hinzuzieht, kommt er aber noch immer auf ein recht stolzes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 31.

Negative Signalwirkung für die Märkte?

Eigentlich gibt es sie noch, die Aktien, welche eigentlich Verkaufsempfehlungen verdient hätten. Sei dies aus operativen Gründen oder aber der mittlerweilen stolzen Bewertung wegen. Nur war es selten unpopulärer als heute, Verkaufsempfehlungen auszusprechen.

In der Folge werden solche Empfehlungen aus der Vergangenheit immer öfter abgeschwächt und die zuvor tiefen Kursziele um die neuen Gegebenheiten nachgezogen. Ganz pro-zyklisch halt.

Doch wenn sich Analysten und Anleger ihrer Sache zu sicher werden, ist oft Vorsicht angebracht. Von daher können von den immer weniger werdenden Verkaufsempfehlungen bis zu einem gewissen Grad sogar eine negative Signalwirkungen für die Märkte ausgehen.