Analystenalltag braucht Stressresistenz

Ihr Urteil kann Aktienkurse erschüttern und Manager entlarven: cash schaute der Aktienanalystin Sibylle Bischofberger bei der Arbeit über die Schultern.
10.09.2015 13:15
Von Ivo Ruch
Für Analysten in einer Bank beginnt der Arbeitstag oft schon frühmorgens.
Für Analysten in einer Bank beginnt der Arbeitstag oft schon frühmorgens.
Bild: ZVG

Nein, für Morgenmuffel ist dieser Job nichts. Wenn Sibylle Bischofberger in ihr Büro im Zürcher Kreis 5 kommt und ihren Computer hochfährt, ist es manchmal erst kurz vor halb sieben. Häufig ist es einer dieser Tage, an denen Sonova, Straumann oder Actelion ihre Geschäftszahlen vorlegen. Sibylle Bischofberger analysiert Aktien von zehn Schweizer Medizinaltechnik- und Biotech-Unternehmen und gibt ihren Kunden eine Investitionsempfehlung ab. Sie tut das seit 2006 bei der Zürcher Kantonalbank.

Auf das Studium der Biochemie an der ETH liess Bischofberger einen Master in Wirtschaft folgen, weil es ihr im Labor "zu einsam" war. Heute sind beide Aspekte ihrer Ausbildung gleich wichtig. Sie muss Medikamente, Hörgeräte oder Zahnimplantate genau verstehen. "Schliesslich muss ich dieses Wissen in Zahlen ausdrücken, um zu empfehlen, ob sich ein Investment lohnt oder nicht", wie sie sagt.

Um sieben Uhr morgens geht der Zahlensturm los

In der Ruhe vor dem Zahlensturm öffnet die Analystin vorbereitete Text- und Tabellendokumente: Es sind Schätzungen zum Geschäftsverlauf der Gesellschaft. Landet dann gegen sieben Uhr die Mitteilung der Firma in ihrer Mailbox, überträgt sie die offiziellen Kennzahlen zu Umsatz, EBIT, Gewinn etc. in ihre Dokumente und vergleicht sie mit den vorab gemachten Prognosen. Gleichzeitig folgt die eigentliche Analyse: nach Gründen für die Abweichung zu den Schätzungen zu suchen, diese zu gewichten und in Worte zu fassen.

Am Ende einer aufwendigen Analyse steht der faire Wert einer Aktie. Ist dieser höher als der aktuelle Aktienkurs, empfiehlt Sibylle Bischofberger ihren Kunden, den Titel zu kaufen. "Wenn dieser tiefer ist, lautet mein Urteil: Hände weg von der Aktie." Und für den Fall, dass die Bewertung fair ist, kommt das Rating "Marktgewichten" zum Zuge.

Noch vor acht Uhr muss die erste Einschätzung den internen und externen Kunden zugeschickt werden, genauso wie ein Audiodokument mit den wichtigsten Informationen. Eine halbe Stunde später folgt eine ausführlichere Beurteilung mit den wichtigsten Kennzahlen und weiteren Erwartungen für die Gesellschaft. Ebenfalls vor der Börsen­eröffnung um neun Uhr steht eine Besprechung mit der Handelsabteilung der ZKB und mit externen institutionellen Kunden an. Auch diese werden von Sibylle Bischofberger bezüglich der betreffenden Aktie auf den neusten Stand gebracht.

Es gibt Firmen, die zittern vor den Einschätzungen der Analysten. Verändern diese ihr Rating, kann der Aktienkurs heftig reagieren. Entscheidend sind aber die Grösse einer Firma und die Anzahl Analysten, die das Unternehmen abdecken.

Früher kam es vor, dass sich Analysten für wohlwollende Ratings belohnen liessen. Heute ist das aufgrund strenger Regeln kaum mehr möglich. Der intensive Kontakt mit dem Management der analysierten Firma gehört aber nach wie vor zum Arbeitsalltag. Genauso wie Produktionsbesichtigungen oder Kongresse - schlicht alles, was dazu dient, ein Unternehmen besser zu verstehen.

Auch wenn der Analysten-Beruf viel mit Kopfarbeit zu tun hat, ist das Bauchgefühl mitentscheidend. "Ich muss einschätzen können, wann mich das Management anlügt oder mir etwas verschweigt", sagt Analystin Bischofberger.

Bischofbergers Job: Die Zukunft ­eines Kurses voraussagen

Nach neun Uhr ist der Handel an der Börse in vollem Gange. Bischofbergers nächster Termin ist eine Analystenkonferenz, wo sie mit Berufskollegen das Management einer Firma mit Fragen löchern kann. Danach - am Nachmittag - beginnt ihr Arbeitsalltag erst richtig. Die Analystin bringt Modelle auf den neusten Stand, beantwortet Kundenfragen oder publiziert eine Studie.

Schliesst die Börse um halb sechs, ist ein erstes Fazit möglich. Stimmt die eigene Schätzung mit der Performance an der Börse überein? Daran wird eine Analystin gemessen. Ob sie richtig oder falsch liegt, ist Teil ihrer Zielvereinbarung. "Mein Job ist es, die Zukunft einer Aktienkursentwicklung vorherzusagen", sagt Sibylle Bischofberger. Da das ja nicht möglich ist, sei es ihr Ziel, öfter richtig als falsch zu liegen. "Damit gehören Misserfolge automatisch dazu."

 

«Mein Beruf befindet sich in einer grossen Umbruchphase»

cash: Welche ­Eigenschaften muss eine Analystin mitbringen?

Sibylle Bischofberger: Man muss stressresistent sein, darf keine Mühe mit Schreiben haben und muss analytisch denken können. Auch das ständige kritische Hinterfragen von Aussagen ist sehr wichtig.

Arbeiten Sie in einem Traumberuf?

Ja. Er ist sehr abwechslungsreich. Am Morgen weiss ich oft nicht, was mich erwartet. Vielleicht trifft eine Gewinnwarnung ein, vielleicht passiert sonst etwas Unerwartetes. Zudem erhalte ich Einblick in viele Details eines Unternehmens und dessen Entwicklung.

Welche Veränderungen kommen auf Ihren Beruf zu?

Er ist in einer grossen Umbruchphase. Als ich in den 1990er-Jahren anfing, gab es in der Schweiz etwa 20 Medizinaltechnologie-Analysten, heute sind es noch vier. Die meisten Banken haben diese Arbeit entweder ins Ausland ausgelagert oder bieten das Research nicht mehr an.

Welche Grundregeln geben Sie ­Privatanlegern mit auf den Weg?

Für nicht spezialisierte Privatanleger ohne Be­ratung sind Aktieninvestments risikoreich. Mir haben schon Leute angerufen, die das wenige Geld, das sie gespart hatten, mit Biotech-Aktien verloren haben. Wer keine Ahnung hat, sollte Expertenrat zuziehen.

Wie stehen Sie persönlich zu ­Aktienanlagen?

Es gibt strikte Regeln zu meinen persönlichen Investments. Ich darf nur in Aktien aus dem Swiss Leader Index investieren und muss jede Transaktion im Voraus absegnen lassen. Zudem gilt eine lange Haltefrist, und Aktien aus meinem Analyse-Universum sind tabu.

Bevor Sibylle Bischofberger zur ZKB stiess, analysierte sie bei den Banken Leu und Vontobel Firmen in den Bereichen Medizinal- und Biotechnologie sowie Chemie. Zuvor studierte sie von 1986 bis 1995 Biochemie an der ETH Zürich sowie Wirtschaft an den Unis Zürich und St. Gallen. Nach einem Abstecher in die Unternehmensberatung stieg die Zürcherin im Jahr 2000 in die Finanzindustrie ein.

 

Drei Aktien aus dem Analyse-Universum von Sibylle Bischofberger

Sonova
Der weltweit führende Anbieter von Hörsystemen ist auch Markt­leader in der drahtlosen Kommunikation und entwickelt sowie produziert Cochlea-Implan­tate. Sibylle Bischofberger empfiehlt die Aktie zum Kauf. Im laufenden Jahr hat sie 14 Prozent verloren.

Straumann
Die Basler stellen Zahnimplantate im Premiumbereich her, was ein kleiner, sehr kompetitiver Markt ist. Laut Bischofberger hat Straumann langfristig gute Wachstumsaussichten. Rating: "Übergewichten", Performance seit Anfang Jahr: plus 18 Prozent.

Galenica
Einerseits Pharmaunternehmen, andererseits Apotheken- und Logistik-Dienstleister. Eisenmedikamente sind das wichtigste Geschäft, in dem sich aber vermehrt Konkurrenten tummeln. Rating: "Marktgewichten", Performance in diesem Jahr: plus 57 Prozent.

 

Dieser Beitrag ist Teil des am 8. September 2015 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie unter anderem, wie Sie an der Börse richtig investieren, was eine Analystin den lieben langen Tag macht oder was Sie über die Vorsorge unbedingt wissen sollten.

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