«Ängste der Schweizer Börse sind absurd»

Im cash-Interview kontert Claudio Kuster, Co-Initiant der Abzocker-Initiative, Vorwürfe von SIX-Chef Christian Katz. Dieser hatte am Montag bei cash gesagt, die Abzocker-Initiative sei Schuld am IPO-Mangel an der SIX.
16.07.2013 06:52
Interview: Pascal Meisser
Claudio Kuster, Co-Initiant der Abzocker-Initiative.
Claudio Kuster, Co-Initiant der Abzocker-Initiative.
Bild: Screenshot

cash: Claudio Kuster, für den Chef der Schweizer Börse ist es klar, dass die Abzocker-Initiative entscheidend ist für das Ausbleiben von Börsengängen in der Schweiz. Sind Sie ein IPO-Verhinderer?

Claudio Kuster: Nein, ganz und gar nicht. Uns dafür den schwarzen Peter zuzuschieben, ist etwas gar einfach, auch wenn ich das aus Sicht der Börse nachvollziehen kann. Ein Blick zurück zeigt, dass schon seit längerer Zeit mit Ausnahme von DKSH kein wirklich grosser Börsengang an der Schweizer Börse stattgefunden hat – und damals war die Abzocker-Initiative noch nicht mal ein Thema.

Gemäss einer Studie dürfte die Abzocker-Initiative unter anderem zu tieferen Managerlöhnen bei kotierten Unternehmen führen. Kein wirklicher Anreiz für einen Börsengang.

Ob das so ist, wird sich erst weisen müssen. Grundsätzlich erhalten die Aktionäre das zwingende Recht, über die Gesamtvergütung abzustimmen. Nun liegt es am Management, die Aktionäre von der Höhe ihrer Entschädigung zu überzeugen. Ich glaube aber nicht, dass durch die Initiative die Managerlöhne einschneidend sinken werden – sie werden aber zumindest nicht weiter explodieren.

Also ein Sturm im Wasserglas?

Ich bin mir das gewohnt. Bereits vor der Abstimmung hatte der Börsenchef versucht, unsere Initiative mit ausbleibenden Börsengängen in Verbindung zu bringen. Bereits damals wurde dieses Thema von den Medien kaum aufgenommen. Es ist kein einziges Unternehmen bekannt, das sich wegen der Initiative entweder von der Börse dekotieren liess oder gar den Sitz ins Ausland wechselte. Die Abwanderungs-Szenarien haben sich nicht bewahrheitet.

Die Opposition unter den Aktionären hat in diesem Jahr bei einzelnen Gesellschaften deutlich zugenommen.

Das ist doch wünschenswert, dass die Aktionäre ihre Rechte wahrnehmen, zum Beispiel bei der Ablehnung des Vergütungsberichts der Bank Julius Bär sowie bei Actelion. Und diese Ablehnungen hatten noch nicht mal direkt mit der Abzocker-Initiative zu tun. Diese tritt erst ab 2014 in Kraft. Das zeigt doch, in welche Richtung das Interesse der Aktionäre läuft.

Was hält aus Ihrer Sicht Unternehmen von einem Börsengang in der Schweiz ab?

Bei den Schweizer Unternehmen ist derzeit offensichtlich kein Bedarf für einen Börsengang vorhanden. Und ausländische Firmen, die in der Schweiz an die Börse gehen wollen, sind in Wartestellung. In der kommenden Zeit stehen noch weitere Abstimmungen auf dem Programm, die viel weitreichendere Folgen haben könnten. Ich denke an die 1:12- oder an die Mindestlohn-Initiative. Diese sozialpolitischen Abstimmungen werden viel mehr Sprengkraft haben.

Und die Gefahr, dass sich Unternehmen statt in der Schweiz an einer ausländischen Börse kotieren lassen?

Wieso sollten sie? Die Schweiz hat eine Vorreiterrolle übernommen, nun zieht zumindest Europa allmählich nach. Ab 2014 will die EU zumindest in der Finanzindustrie den Hebel ansetzen und die Bonuszahlungen auf maximal das Doppelte des Salärs beschränken. Die Tendenz geht weltweit in unsere Richtung: Mehr 'say on pay', also weniger Selbstbedienung, mehr Aktionärsmitsprache. Und der Zuzug einer Reihe grosser Konzerne seit der Lancierung der Abzocker-Initiative zeigt, wie absurd diese Ängste sind.