«Anleger dürfen wieder Mut fassen»

Fondsverbandspräsident Martin Thommen will die Anleger zum systematischen Anlegen ermutigen. Und er sagt im cash-Interview, warum Privatanleger den Einstiegszeitpunkt bei Fondsanlagen möglicherweise verpassen.
06.02.2013 13:56
Interview: Markus Baumgartner
Fondsverbandspräsident Martin Thommen: Anleger sollten den Einstiegszeitpunkt für Fondsanlagen nicht verpassen.
Fondsverbandspräsident Martin Thommen: Anleger sollten den Einstiegszeitpunkt für Fondsanlagen nicht verpassen.
Bild: Paolo Dutto

Dieses Interview ist Teil des Magazins cash VALUE "Fonds". Das Magazin kann hier als PDF heruntergeladen werden.

cash: Der Schweizer Fondsmarkt hat ­letztes Jahr die 700-Milliarden-Grenze geknackt. War dies für Sie ein Grund zum Feiern?

Martin Thommen: Nein, wir haben deswegen keine Riesenparty veranstaltet. Die 700 Milliarden Franken sind eigentlich nur wieder der Stand des Fondsvolumens, den wir vor der Krise im Jahr 2007 hatten.  Es ist natürlich ein schönes Zeichen. Denn es widerspricht der landläufigen Meinung, dass niemand mehr in Fonds investieren will. 

Ist das Volumen auch ein Hinweis ­darauf, dass die Krise überwunden ist und die Anleger zurückgekehrt sind?

Die breite Masse der Anleger steht immer noch an der Seitenlinie. Viele halten gros­se Bargeldbestände und warten auf bessere Zeiten, um wieder zu investieren. Die steigenden Volumen sind eher auf das professionelle Segment der Institutionellen Anleger  zurückzuführen. Diese haben in den letzten Jahren realisiert, welche Vorteile die Anlagefonds in der Vermögensverwaltung haben.

Die breite Masse ist also weiterhin stark verunsichert?

Ja, die breite Masse wartet und ich frage mich manchmal, auf was denn genau. Die Privatanleger laufen mit dem Warten Gefahr, wieder die besten Einstiegszeitpunkte zu verpassen oder gar verpasst zu haben. Sie warten vielleicht auf drei, vier Jahre mit einer positiven Performance, bis sie wieder einsteigen. Das ist eine der grossen Herausforderungen für uns als Asset Manager und auch für die Anlageberater, dass sich die Investoren nicht so prozyklisch oder gar nachzyklisch verhalten. Wir wollen die Anleger ermutigen, trotz gewisser Tiefpunkte systematisch und regelmässig zu investieren. Ich bin sicher, dass viele Anleger überrascht waren über die gute Performance von 2012. 

2013 präsentiert sich verheissungsvoll: Die Ernsthaftigkeit, mit der die EU die Probleme zu lösen versucht, der langsame US-Aufschwung und die wieder anziehende Konjunktur in Asien könnten wieder zu einem guten Jahr führen, oder?

Das stimmt. Der Wille der EU zur Lösung ist offensichtlich da. Daher bin ich der Meinung, dass wir in Europa Licht am Ende des Tunnels sehen. Aber es wird keine Einbahnstrasse geben – die Unsicherheit ist noch gross. Wir werden wieder Einbussen erleben. Aber der Trend ist in der Tat ziemlich positiv. Daher rufe ich den Anlegern zu, wieder Mut zu fassen und zu investieren. Nicht alles auf einmal, aber stetig ein wenig. Das ist besser, als an der Seitenlinie zu verharren und nichts zu verdienen. 

Welche Trends sehen Sie für die ­kommenden Jahre? 

Eines der grossen Themen für die Zukunft wird der Inflationsschutz sein. Da gibt es verschiedene Anlagemöglichkeiten wie Rohstoffe, Immobilien oder inflationsgebundene Obligationen. Attraktive Chancen sehe ich auch in den so genannten Emerging Markets. Zudem erwarte ich eine Rückkehr der traditionellen Anlagestrategieprodukte. Anleger können nicht mehr einfach auf den Wellen von Aktien und Obligationen reiten, die sie nach oben führen.  Ein Portfolio muss heute breit diversifiziert und sauber an das Risikoprofil angepasst sein. 

«Absolute Return» oder «Total Return» waren Modeprodukte. Von diesem Brand haben sich einige verabschiedet – auch die UBS, wo Sie das Fondsgeschäft leiten.

Das muss man differenziert betrachten. Wir haben uns zwar von der Brand verabschiedet, aber nicht von entsprechenden Lösungskonzepten. In der Finanzkrise haben wir gemerkt, dass die Anleger unter «absolut» verstanden haben, dass nichts passieren kann und die Performance immer positiv ist. Das kann kein Asset Manager liefern – da müsste der Anleger das Sparkonto wählen. Wir haben deshalb neue Konzepte entwickelt, die möglichst verlässliche Renditen bei geringem Risiko liefern. Diese Konzepte sind bei uns unter dem Namen «UBS Allrounder» oder «UBS Multi Asset Income» im Angebot.

In den letzten Jahren haben die Index­anlagen einen Boom erlebt. Gibt es für Sie einen Widerspruch zwischen aktiven und ganz passiven Anlagen?

Nein, im Gegenteil: Die ergänzen sich ideal. Vor allem die professionellen Anleger wollen ihre Asset Allocation sauber abdecken und suchen dafür ein zuverlässiges und günstiges Produkt. Da eignen sich ETF bestens. 

Diese Exchange Traded Funds ­machen trotzdem erst rund fünf Prozent des gesamten Fondsvolumens aus. Wo sehen Sie den Grund dafür?

Der Privatanleger tut sich schwer damit, sich mit dem Durchschnitt zufrieden­zugeben. Der Mensch ist generell etwas gierig und möchte bei den Besseren sein und nicht nur beim Durchschnitt. Zudem gibt es Märkte wie zum Beispiel die Schwellenländer oder Biotech, wo sie mit aktivem Management echten Mehrwert schaffen können. 

Was tun Sie bei der UBS mit denje­nigen Fondsmanagern, die mit ak­tivem Management keinen Mehrwert schaffen können?

Die Entwicklung der ETF tut der ganzen Industrie gut, weil sie das passive Feld besetzen. In der Vergangenheit gab es in der Tat noch viele aktive Fonds, die nahe am Index investiert haben und weniger Risiken eingegangen sind. Solche Fonds haben im neuen Umfeld kaum mehr Überlebenschancen. Sie kosten mehr und werden irgendwann schlechter sein als Indexprodukte. Daher sehen wir eine klare Polarisierung in passive oder wirklich aktive Fonds. Wenn die Performance nicht stimmt, wird das gezielt überprüft. Wir haben intern einen rigorosen Performance-Messprozess. Wenn ein Fonds abdriftet, erhält er die gelbe Karte. Das führt zu einem Gespräch mit dem Portfolio Manager. Der Fonds kommt auf die Beobachtungsliste. Wenn er sich erholt, ist es gut. Wenn er weiter abdriftet, dann gibt es ernste Gespräche, die entweder zu einer Schliessung des Fonds oder zu einer Repositionierung führen. 

In der Finanzbranche werden die Rückvergütungen in Form von ­Retrozessionen immer mehr angeprangert. Wie stehen Sie dazu?

Dem Regulator sind diese Retrozessionen generell ein Dorn im Auge. Es sei nicht mehr möglich, an der Front unabhängig zu beraten, wenn man im Rücken noch eine Retrozession erhält. Das ist aus meiner Warte viel zu kurz gedacht. Vertriebspartner haben ein Anrecht, für ihren Aufwand entschädigt zu werden. Als Verband sind wir daher nicht für ein Verbot der Retrozession, sondern für eine Erhöhung der Transparenz. Der Anleger darf wissen, welche Vergütung der Berater für seinen Service vom Produkt erhält. Wahrscheinlich werden wir in Zukunft aber auch vermehrt Modelle sehen, bei denen der Berater direkt vom Kunden entschädigt wird.

Zur Person: Martin Thommen (50) ist mit über 30-jähriger Berufserfahrung einer der profundesten Kenner der europäischen Fondsbranche. Bei der UBS leitet er das Fondsgeschäft. Zudem steht er seit 2009 dem Anlagefondsverband Swiss Funds Association (SFA) vor und ist Mitglied des Verwaltungsrats des europäischen Fondsverbandes (EFAMA).