Anleger machen Jagd auf die Bär-Aktie

Bei Julius Bär bahnt sich eine Einigung im US-Steuerstreit an. Die dafür zurückgestellte Summe liegt unter den Erwartungen. Die Aktie steigt auf den höchsten Stand in der Firmengeschichte.
24.06.2015 11:13
Von Lorenz Burkhalter
Julius Bär ist dem Vergleich im langjährigen Steuerstreit mit den USA einen entscheidenden Schritt näher.

Das Warten hat endlich ein Ende: Ein konkreter Vergleich von Julius Bär im Steuerstreit mit den USA liegt zwar noch nicht vor. Die Verhandlungen mit dem amerikanischen Justizministerium scheinen aber soweit fortgeschritten, dass die Zürcher Bank 350 Millionen Dollar für die Beilegung des langjährigen Rechtsstreits zurückstellt.

In Analystenkreisen war mit einer Vergleichszahlung zwischen 300 und 850 Millionen Franken gerechnet worden. Bis vor wenigen Monaten wurden im Berufshandel hinter vorgehaltener Hand sogar Summen von bis zu einer Milliarde Franken herumgereicht.

Es überrascht deshalb nicht, dass die Aktie von Julius Bär an der Schweizer Börse SIX zur Stunde um 4,6 Prozent auf 53,90 Franken in die Höhe schiesst. Im frühen Handel erreichte der Kurs bei 54,55 Franken einen neuen historisches Höchstsstand. Beobachter berichten von aggressiven Anlage- und Deckungskäufe aus dem In- und Ausland.

Rückstellungen wecken Dividendenfantasien

Für den für die UBS Investmentbank tätigen Analysten sind die jüngsten Neuigkeiten gleich in zweifacher Hinsicht positiv zu werten. Zum einen falle ein gewaltiger Unsicherheitsfaktor weg, sollte Julius Bär mit dem US-Justizministerium einig werden. Zum anderen seien die angekündigten Rückstellungen tiefer als befürchtet aus. Zudem gebe es Hinweise dafür, dass sich die Zürcher Bank nicht schuldig bekennen muss.

Bankeigenen Schätzungen zufolge kann Julius Bär bis Ende Jahr noch immer über ein Überschusskapital von 600 Millionen Franken verfügen. Der UBS-Analyst sieht deshalb gute Chancen entweder für eine weitere Erhöhung der Dividende, ein Aktienrückkaufprogramm oder eine gewinnverdichtende Firmenübernahme. Er empfiehlt die Aktie weiterhin mit einem 12-Monats-Kursziel von 55 Franken zum Kauf.

Kostenschätzungen sollten fallen

Etwas vorsichtiger äussert sich der Berufskollege von der Bank Vontobel. Er weist darauf hin, dass sich Julius Bär bei der Höhe der Rückstellungen auf eine provisorische Beurteilung der Situation abstütze. Der Vergleich selber sei noch nicht unter Dach und Fach.

Dennoch streicht der Analyst seine Kostenschätzung für die Einigung im Steuerstreit mit den USA von 600 auf 400 Millionen Franken zusammen. Er rechnet damit, dass die Zürcher Privatbank mit dem verbleibenden Überschusskapital von rund 700 Millionen Franken schon bald eine weitere Grossübernahme tätigen wird. Die Aktie stuft er wie bis anhin mit "Halten" und einem Kursziel von 48,50 Franken ein. Bei der Bank Vontobel geht man auf Basis der vorliegenden Faktenlage also nur von einer leicht positiven Kursreaktion aus.

Ähnlich zurückhaltend gibt sich die Berenberg Bank. Einem Kommentar ist zu entnehmen, dass der effektive Vergleich mit dem amerikanischen Justizministerium vermutlich höher als die Rückstellungen ausfallen werde. Die Aktie wird deshalb bis auf weiteres nur mit "Hold" und einem Kursziel von 50 Franken eingeschätzt.

Eine weitere Kaufempfehlung trifft ein

Auch bei Nomura wird die Höhe der Rückstellungen begrüsst. Aus heutiger Sicht koste der Vergleich gerademal 2 Franken je Aktie. Mit der wegfallenden Ungewissheit rund um den Steuerstreit mit den USA verlagere sich das Interesse auf mögliche bevorstehende Grossübernahmen. Obschon der verantwortliche Analyst seine Gewinnschätzungen für Julius Bär erhöht, hält er sowohl am "Hold" lautenden Anlageurteil als auch am Kursziel von 50 Franken für die Aktie fest.

Der für die Zürcher Kantonalbank tätige Berufskollege nimmt den sich abzeichnenden Vergleich im US-Steuerstreit zum Anlass, um die Aktie von "Marktgewichten" auf "Übergewichten" heraufzustufen. Nachdem das Damokles-Schwert wieder in die Scheide zurückgesteckt worden sei, lasse die Bewertung angesichts des möglichen Wachstumspotenzials noch Spielraum nach oben, so der Analyst.