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«Anleger setzen vermehrt auf Zinsprodukte»

Trotz des erfolgreichsten Börsengangs seit Jahren schaut Leonteq-CEO Jan Schoch kaum einmal auf den Aktienkurs, wie er im cash-Video-Interview sagt. Zudem äussert er sich zur Notenstein-Kooperation und zu Produktetrends.
17.10.2013 01:00
Interview: Pascal Meisser
Leonteq-CEO Jan Schoch im cash-Video-Interview.
Bild: cash

cash: Herr Schoch, seit fast genau einem Jahr wird die Leonteq-Aktie an der Börse gehandelt. In dieser Zeit hat der Titel fast 70 Prozent zugelegt – so viel wie schon lange kein Börsenneuling mehr. Sind Sie überrascht?

Jan Schoch: Es ist zumindest eine positive Entwicklung für die Investoren…

…auch für Sie, als einen der grösseren Aktionäre des Unternehmens…

…das ist richtig. Wir lassen uns aber nicht von kurzfristigen Kursentwicklungen treiben. Matchentscheidend ist die langfristige strategische Positionierung. Was für uns am meisten zählt, ist das so genannte „Proof of concept“, also der Nachweis, dass unser White-Label-Modell funktioniert. Den haben wir mit unserem Partner und Grossaktionär Notenstein erbracht.

Die Kursentwicklung ist offenbar ein Abbild davon.

In einem gewissen Mass ja, aber es ist ja nicht so, dass die Börse das Geschäftsmodell immer kongruent abbildet.

Wie oft schauen Sie selbst, wie sich der Aktienkurs entwickelt?

Ich verfolge die Kursentwicklung nicht täglich. Es ist eine Frage der Einstellung, sich von den täglichen Marktbewegungen nicht ablenken zu lassen.

Anlässlich ihrer ersten Halbjahreszahlen haben Sie mit einem Gewinnzuwachs von 124 Prozent überrascht. Wie ist Leonteq ins zweite Semester gestartet?

Wir können sagen, dass der Skalierungseffekt unserer Produkteplattform tatsächlich funktioniert. Ich bleibe bei der Aussage, dass Leonteq für das Gesamtjahr einen soliden Gewinn erwartet. Darüber hinaus kommentieren wir das zweite Semester nicht.

Wie ist der Skalierungseffekt zu verstehen?

Je mehr Partner wir für die Plattform gewinnen, desto mehr Volumen können wir bei praktisch gleich bleibenden Kosten verarbeiten. Damit sinken die Fixkosten pro Partner. Zudem werden wir dank zunehmender Automatisierung immer effizienter. Alleine in den letzten vier Jahren konnten wir die Stückkosten um über 60 Prozent senken, während bei unserer Konkurrenz wegen den steigenden regulatorischen Anforderungen die Kosten tendenziell stiegen.

Wie wirkt sich die Automatisierung aus? 

Das zeigt sich alleine schon bei der Dokumentation der Produkte, die immer wichtiger wird. Wir produzieren inzwischen nicht nur das Term Sheet, sondern auch die täglichen Reports automatisch. Das ist quasi unsere Antwort auf die zunehmenden Anforderungen und bietet uns Marktvorteile. Je höher die Regulierungsdichte wird, desto eher sind bestehende Produkteanbieter bereit, wegen den steigenden Kosten einzelne Bereiche an uns outzusourcen oder aber zu schliessen. 

Inwiefern hat der Börsengang das Unternehmen verändert?

Das Hauptmerkmal ist die Unabhängigkeit, die wir gewonnen haben. Das ist ein wichtiges Element unserer White-Label-Strategie. Wir werden von potenziellen Partnern als unabhängig wahrgenommen. Mit dem Namenswechsel von EFG Financial Products zu Leonteq haben wir das unterstrichen.

Wie hat der Markt auf den Namenswechsel reagiert?

Er hat das Vertrauen in unsere Firma noch gestärkt. Das sehen wir bei der Nachfrage nach eigenen Produkten. Diese haben wir erst nach dem Börsengang angeboten. Auf Mitte 2013 ist das Volumen eigener Produkte bereits auf über zwei Milliarden Franken gestiegen. Das heisst, dass wir mit eigenen Anlageprodukten grossen Erfolg geniessen.

Kommen wir zurück auf die Zusammenarbeit mit Notenstein. Wie hat sich diese mittlerweile eingependelt?

Diese läuft sehr gut. Es sind verschiedene Abteilungen aus beiden Firmen, die reibungslos zusammenarbeiten. Wir liefern das technische Knowhow, Notenstein emittiert und Raiffeisen garantiert die Anlageprodukte. Der Vertrieb wird zusammengestemmt.

Wo sehen Sie in Zukunft das grösste Wachstumspotenzial?

Ganz klar im White-Label-Bereich. Hier liegen unsere Kernkompetenzen und zugleich auch die grössten Eintrittsbarrieren für mögliche Konkurrenten. Wir stellen unseren Partnern ein Infrastruktur- und Engineering-Paket zur Verfügung. Mittelfristig planen wir, mit grösseren Partnern im Ausland zusammenarbeiten. Unsere Zielregionen sind Europa und Asien.

Ihr Geschäft boomt, gemäss Scoach-Statistiken lahmt aber der Retail-Markt. Weshalb?

Es kommt drauf an welche Statistik sie anschauen. Der Sekundärmarkt, das heisst das an der Börse gehandelte Volumen, ist tendenziell sinkend. Hier wird aber der Herzschlag nicht an der Arterie, sondern an der Vene gemessen. 70 Prozent des Volumens findet am Primärmarkt, ausserhalb der Börse, statt.

Zum Beispiel auf Ihrer Struki-Plattform, wo Anleger sich massgeschneiderte Produkte kaufen können.

Das ist ab einer Mindestsumme von 50‘000 Franken möglich. Das ist deutlich tiefer als noch vor zehn Jahren, als sich der Markt im Bereich von 100 Millionen Franken Mindesteinsatz bewegte. Die Industrie hat eine grosse Änderung durchgemacht. Heute wollen Anleger eher individuelle Anlageprodukte kaufen. Das ist gerade das, was wir wollen: Jedem Anleger das Produkt anzubieten, das in sein Rendite-Risiko-Profil passt.

Wenn wir die standardisierten Produkte anschauen – welche laufen derzeit besonders gut?

Hauptrenner sind bei Anlageprodukten sind renditeoptimierte Produkte, wie beispielsweise Barrier Reverse Convertibles. Wir sehen eine grosse Nachfrage nach seitwärts gerichteten Instrumenten. Anleger kaufen auch vermehrt Zinsprodukte. Das stellen wir bei unseren Renditeoptimierungsprodukt auf langfristige Schweizer Zinsen fest. Mit einem solchen Produkt lässt sich eine Zusatzrendite erzielen, solange die Zinsen seitwärts tendieren oder leicht steigen.

Obwohl solche Produkte die maximale Rendite limitieren?

Das ist richtig. Derzeit liegt der Anteil der Renditeoptimierungsprodukte bei über 50 Prozent, und die meisten liegen im Bereich der Aktien. Wir sehen eine leichte Verschiebung von Renditeoptimierungsprodukten in Richtung Partizipationsprodukte aufgrund der positiven Aktienmärkte.  Dieser Shift hat sich im zweiten Halbjahr weiter akzentuiert.