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«Anleger sind wegen Zinsen verunsichert»

Bundestresorerie-Chef Urs Eggenberger nimmt im cash-Interview Stellung zu Forderungen nach neuen Bundesoblis. Er verrät den Anteil von Auslandanlegern bei den «Eidgenossen» und wie die Schweiz bei Negativzinsen verdient.
09.08.2013 00:55
Interview: Pascal Meisser
Urs Eggenberger ist seit fünf Jahren Leiter der Bundestresorerie in Bern.
Urs Eggenberger ist seit fünf Jahren Leiter der Bundestresorerie in Bern.
Bild: ZVG

cash: Herr Eggenberger, Versicherungen fordern in einem cash.ch-Artikel vom Donnerstag im aktuellen Anlageumfeld Schweizer Bundesobligationen mit Laufzeiten von 20 Jahren und mehr. Was spricht dagegen?

Urs Eggenberger: Überhaupt nichts. Wir wollen ganz klar länger laufende Anleihen, da wir uns langfristig an die tiefen Zinsen binden möchten. Man darf aber nicht vergessen, dass andere Investoren auch an Anleihen mit mittlerer Laufzeit interessiert sind. Das ist ein Ausbalancieren im Rahmen unseres Refinanzierungsbedarfs.

Die Anlagechefin der Zurich Insurance Group sagte kürzlich, sie suche in dieser Frage den Dialog mit der Bundestresorerie. Ist sie schon vorstellig geworden?

Wir führen mit verschiedenen Marktteilnehmern regelmässig Gespräche. Das ist ein stetiger Entwicklungsprozess.

Andere Länder wie Österreich oder Mexiko haben Monster-Anleihen mit einer Laufzeit von 50 oder gar 100 Jahren herausgegeben. Was ist bei den anhaltend tiefen Zinsen davon zu halten?

Das kann je nach Nachfrage durchaus Sinn machen.

Wann gibt die Schweiz wieder eine solch langfristige Anleihe heraus?

Die Schweiz hat 1999 letztmals eine 50-jährige Anleihe zu vier Prozent emittiert. Und wenn die Nachfrage und die Preisfindung stimmen, ist eine erneute Herausgabe einer solchen Obligation am ganz langen Ende sehr wohl eine Überlegung wert.

Von Versicherungsseite wird auch die Liquidität und das zu kleine Angebot im Franken-Markt bemängelt.

Die Eidgenossen machen am gesamten inländischen Obligationenhandel einen Anteil von rund 50 Prozent aus. Pfandbriefe hingegen kommen auf einen Marktanteil von nur 15 Prozent. Die Liquidität sollte also gegeben sein. Wir haben auch keine Hinweise darauf, dass hier Handlungsbedarf besteht. Bei Einzelanleihen im Sekundärmarkt kann die Handelbarkeit aber spürbar anders sein. Und tendenziell sind Anleihen mit kürzeren Laufzeiten liquider als solche mit längerer Duration.

Für 2013 ist ein Emissionsvolumen von 7,5 Milliarden Franken vorgesehen. Ist künftig eine Erhöhung denkbar?

Wir emittieren Anleihen im Rahmen des Refinanzierungsbedarfs, und dieser orientiert sich am Bundeshaushalt. Die vor zehn Jahren eingeführte Schuldenbremse stellt sicher, dass sich die nominale Verschuldung über einen ganzen Konjunkturzyklus hinweg nicht erhöht. Deshalb ist eine nachhaltige Erhöhung des Emissionsvolumens nicht denkbar.

Ende 2012 lagen die Schulden des Bundes bei rund 110 Milliarden Franken. Daran hat sich also nichts verändert?

Nein, das bewegt sich weiterhin auf diesem Niveau. 

In anderen Ländern sind inflationsgeschützte Anleihen derzeit ein grosser Renner. Eine Option auch für die Schweiz?

Die Nachfrage nach solchen Produkten ist in der Tat auch in Schweizer Franken vorhanden. Das würde dem Markt erlauben, die entsprechende Inflationserwartung abzuleiten. Wegen des limitierten jährlichen Emissionsvolumens liegt unser Augenmerkt vor allem darin, die Zinskurve mit traditionellen Anleihen unterschiedlicher Laufzeiten vernünftig abzudecken. Ein neues Instrument würde deshalb die klassische Anleihe eher kannibalisieren.

Es wird also vorläufig keine inflationsgeschützten Anleihen geben?

Nein, unser Schulden- und Refinanzierungsvolumen ist zu wenig gross ist, um einen neuen Markt zu eröffnen und zu pflegen. Zuerst müssten sich diese wesentlichen Rahmenbedingungen nachhaltig ändern.

Wie ist 2013 bisher in Bezug auf die Anleiheemissionen verlaufen?

Ähnlich wie im Vorjahr. Bisher haben wir gut fünf Milliarden Franken aufgenommen. Das sind zwei Drittel des geplanten Emissionsvolumens für das ganze Jahr. Mit einer durchschnittlichen Restlaufzeit von 17 Jahren und einer entsprechenden Rendite von 0,89 Prozent liegen wir ebenfalls im Rahmen von 2012.

Die Zinsen haben in den letzten Monaten wieder angezogen. Daran dürften Sie als Schatzmeister der Nation kaum Freude haben.

Aus Sicht der Schuldenbewirtschaftung und Refinanzierungskosten ist das natürlich eine Verteuerung. Aber: Wenn Zinsen sich normalisieren, ist das für die Gesamtwirtschaft und für die Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten viel nachhaltiger. Wir stellen momentan fest, dass die Marktteilnehmer über den weiteren Verlauf etwas verunsichert sind.

Wie schätzen Sie die weitere Zinsentwicklung ein?

Im Vordergrund stehen für uns nicht kurzfristige Zinsentwicklungen, sondern längerfristig möglichst tiefe Refinanzierungskosten.

Investoren müssen bei kurzfristigen Geldbuchmarktforderungen noch immer Negativzinsen bezahlen. Was hat die Schweiz in den letzten zwei Jahren daran verdient?

Der Zinsertrag beträgt seit August 2011 gut 64 Millionen Franken. Alleine zwischen Januar und Juli dieses Jahres sind zehn Millionen Franken hinzugekommen. Diese Einnahmen sind aber lediglich ein angenehmer Nebeneffekt. Sie stehen für uns nicht im Vordergrund. Wir nehmen kurzfristig Geld auf, um die Zahlungsbereitschaft sicherzustellen. Unser Hauptziel ist indes, mit längerfristigen Verpflichtungen vom heutigen Tiefzinsniveau zu profitieren.

In den letzten Jahren hat das Interesse ausländischer Investoren an Eidgenossen deutlich zugenommen. Eine Tendenz, die weiter anhält?

Zwischen Ende 2010 und Ende 2012 ist der Anteil der ausländischen Investoren weiter deutlich angestiegen, von rund einem Fünftel auf einen Drittel. Damit hat sich dieser Anteil in nur zwei Jahren fast verdoppelt. Das ist ein Spiegelbild der Verunsicherung an den Finanzmärkten. Im internationalen Vergleich ist der Anteil von einem Drittel immer noch moderat. Andere Länder haben einen deutlich höheren Anteil an ausländischen Investoren. Wir sind mit dieser Verteilung zufrieden.

Weshalb?

Die Erfahrung zeigt, dass ausländische Investoren ihr Geld je nach Krisenfall schneller wieder abziehen als inländische Anleger.

Ist 2013 der Anteil ausländischer Investoren noch weiter angewachsen?

Es gibt keine Anzeichen auf eine wesentliche Veränderung. Genauere Aussagen lassen sich aber erst nachträglich mit der Datenerhebung der SNB machen. Die Entspannung in der Euro-Krise im laufenden Jahr lässt aber vermuten, dass es vorerst keine grösseren Verschiebungen mehr gibt.

Der Ostschweizer Urs Eggenberger ist seit November 2007 Leiter der Abteilung Bundestresorerie, die der Eidgenössischen Finanzverwaltung (EFV) unterstellt ist. Zuvor war er bei Mathys Medizinaltechnik und Synthes in den Bereichen Finanzen/Treasury und Pensionskasse in leitenden Funktionen tätig.