Anleihen-Kaufprogramm im Fokus von EZB-Zinssitzung

Bei EZB-Präsident Mario Draghi und seinen Rats-Kollegen dürften die Sorgenfalten nicht abgenommen haben, wenn sie am Donnerstag im 41. Stock ihrer Frankfurter Zentrale über den geldpolitischen Kurs beraten.
04.09.2016 10:40
Mario Draghi: Inzwischen verfehlen die Währungshüter der EZB ihr Inflationsziel bereits seit Frühjahr 2013.
Mario Draghi: Inzwischen verfehlen die Währungshüter der EZB ihr Inflationsziel bereits seit Frühjahr 2013.
Bild: Bloomberg

Viele Ökonomen erwarten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre bereits weit geöffneten Geldschleusen dieses Jahr noch etwas mehr aufreißen wird. Unklar ist der Zeitpunkt. Einige Experten rechnen bereits nächste Woche mit einem Beschluss, das billionenschwere Anleihen-Kaufprogramm über den März 2017 hinaus zu verlängern. Eine weitere Senkung der Leitzinsen erwarten Volkswirte nicht.

"Nächsten Donnerstag gibt es für den EZB-Rat zwei Hauptoptionen: Eine unverzügliche geldpolitischen Ankündigung oder ein Hinauszögern des Schritts bis Dezember", schätzt Chefvolkswirt Marco Valli von der italienischen Großbank Unicredit. Er glaube aber, dass die EZB diesmal noch stillhalten werde. NordLB-Ökonom Jens Kramer sieht für einen Beschluss zur Verlängerung der in Deutschland umstrittenen Käufe eine Chance von 50:50. "Für insgesamt wahrscheinlicher halte ich es, dass die EZB bis zu ihrer Dezember-Sitzung mit weiteren Schritten abwarten wird." Chefstratege Robert Greil vom Bankhaus Merck Finck&Co erwartet hingegen, dass die Notenbank am Donnerstag ihr Kaufprogramm um sechs bis neun Monate verlängern wird.

Zwar haben die Wirtschaft und die Finanzmärkte im Währungsraum den anfänglichen Schock nach dem Brexit-Votum recht gut verdaut. So stieg der Einkaufsmanager-Index für die Privatwirtschaft im August auf ein Sieben-Monats-Hoch. Doch die Preisentwicklung will einfach nicht wie erhofft in Fahrt kommen: Die Verbraucherpreise legten im August wie schon im Juli nur um 0,2 Prozent zu. Für die EZB ist das viel zu wenig: Denn sie sieht stabile Preise mittelfristig nur bei einer Teuerung von knapp zwei Prozent gewährleistet. Denn das schafft ausreichend Sicherheitsabstand zu einer Deflation - einer gefährlichen Abwärtsspirale bei Löhnen und Preisen. Inzwischen verfehlen die Währungshüter ihr Inflationsziel bereits seit Frühjahr 2013.

Milliarden jeden Monat

Die EZB versucht schon seit Monaten mit immer tieferen Leitzinsen, Strafzinsen für Banken und mit dem massiven Erwerb von Staatsanleihen für mehr Preisauftrieb zu sorgen. Die inzwischen auf 1,74 Billionen Euro angelegten Wertpapier-Käufe sollen dafür sorgen, dass die Anleiherenditen sinken. Banken sollen so dazu bewegt werden, weniger in diese Titel zu investieren und stattdessen mehr Kredite an Firmen und Haushalte auszureichen. Denn das heizt die Konjunktur an und soll so für mehr Inflation im Währungsgebiet sorgen. Inzwischen pumpen die Währungshüter auf diese Weise Monat für Monat rund 80 Milliarden Euro in das Finanzsystem der 19-Länder-Gemeinschaft.

Bei der Sitzung am Donnerstag werden den Ratsmitgliedern neue hauseigene Inflations- und Konjunkturprognosen vorliegen. Viele Experten rechnen damit, dass diese wegen gestiegener Unsicherheit nach dem Brexit-Votum für 2017 etwas schwächer ausfallen werden als in der Juni-Prognose. Zu dem Zeitpunkt hatte die EZB für 2017 noch ein Wachstum von 1,7 Prozent und eine Inflation von 1,3 Prozent erwartet. Für Dirk Gojny, Volkswirt bei der Essener National-Bank, ist eine leichte Senkung der Prognosen aber noch kein zwingender Grund für sofortige weitere Lockerungsbeschlüsse. "Die Zeit dafür ist meines Erachtens jetzt noch nicht da. Der Handlungsbedarf liegt nicht bei der EZB." 

(Reuters)