Auch Renault unter Verdacht der Abgasschummelei

Im Sog des VW -Dieselskandals geraten immer mehr Autobauer ins Visier der Ermittler.
13.01.2017 15:35
Gerät unter Druck wegen angeblichen Abgas-Schummeleien: Renault.
Gerät unter Druck wegen angeblichen Abgas-Schummeleien: Renault.
Bild: Bloomberg

Nach Fiat Chrysler , dem die US-Umweltbehörde EPA einen massiven Verstoss gegen das Luftreinhaltegesetz vorwirft, gerät nun in Europa auch der französische Autobauer Renault stärker unter Druck. Die Pariser Staatsanwaltschaft prüft einem Insider zufolge einen möglichen Abgasbetrug bei Europas zweitgrösstem Autobauer, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Freitag aus Justizkreisen erfuhr. Die Ermittlungen in dem Fall sind offenbar so weit gediehen, dass inzwischen Richter mit der Frage befasst sind, ob es zum Prozess kommt. Renault wies den Schummelverdacht zurück. Das Unternehmen beachte alle Gesetze zu Abgasemissionen.

Die Renault-Aktie verlor deutlich an Wert. Der Kurs sank zeitweise um vier Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit rund einem Jahr, ehe er sich wieder etwas erholte. Vor einem Jahr hatte eine Razzia bei Renault im Zusammenhang mit einer Überprüfung von Abgaswerten für Unruhe in der Autobranche gesorgt und binnen kurzer Zeit mehr als fünf Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet.

Auch Fiat Chrysler geriet in Europa ins Fadenkreuz. Die EU-Kommission forderte Italien auf, gegen den Autobauer gerichtete Vorwürfe des Bundesverkehrsministeriums zu entkräften. Dem italienisch-amerikanischen Konzern wird vorgehalten, in Dieselmotoren eine illegale Software einzusetzen. Nach Messungen des Flensburger Kraftfahrt-Bundesamts schaltet in bestimmten Fahrzeugen die Abgasreinigung jeweils nach 22 Minuten vollständig ab. Abgastests dauern in der Regel nur 20 Minuten.

EU-ommission beklagt Machtlosigkeit

Eine Kommissionssprecherin nannte die in den USA gegen Fiat Chrysler erhobenen Vorwürfe besorgniserregend. Man werde mit der US-Umweltbehörde EPA, den EU-Mitgliedstaaten und Fiat zusammenarbeiten, um mögliche Konsequenzen für in Europa verkaufte Fahrzeuge zu ermitteln. Allerdings sei die Durchsetzungsmacht der EU-Kommission in diesem Fall begrenzt.

Das Bundesverkehrsministerium sieht sich in seinem Verdacht bestätigt: "Es ist gut, dass die Kommission jetzt endlich den Druck auf Fiat und Italien erhöht", sagte ein Sprecher. "Das zeigt, dass wir von Anfang an richtig lagen." Fiat verwende illegale Abschalteinrichtungen.

Es laufe deswegen seit November auch ein Mediationsverfahren der EU-Kommission mit Italien und Deutschland. Die EU habe dort auch eigene Messungen vorgelegt. Ende Januar sei ein weiteres Treffen geplant gewesen, was aber von Italien abgesagt worden sei. "Wir fordern von der EU-Kommission daher einen neuen, zeitnahen Termin."

Die EU-Kommission will Insidern zufolge in den kommenden Wochen einen Leitfaden präsentieren, welche technischen Vorrichtungen als illegale Abschalteinrichtungen anzusehen sind. Diese Vorgaben wäre nicht bindend, könnten aber Grundlage für spätere Verfahren über Vertragsverletzungen sein.

Nach Vermutung der US-Behörde EPA hat Fiat Chrysler bei Fahrzeugen in den USA illegal eine Software zur Manipulation von Schadstoffemissionen eingesetzt. Das Management um Konzernchef Sergio Marchionne hat diesen Vorwurf vehement zurückgewiesen und setzt seine Hoffnungen auf die neue US-Regierung unter dem künftigen Präsidenten Donald Trump. Dem Unternehmen droht eine Strafe von maximal 4,6 Milliarden Dollar.

Die entscheidende Frage ist, ob die von Fiat Chrysler eingesetzte Software in den USA als illegale Abschalteinrichtung gewertet wird. Das Unternehmen vertritt den Standpunkt, nach den geltenden behördlichen Vorgaben sei dies nicht der Fall.

Volkswagen hatte nach langem Ringen mit der EPA im September 2015 zugegeben, eine illegale Software in der Motorsteuerung eingebaut zu haben. Diese sorgt dafür, dass Grenzwerte für gesundheitsschädliches Stickoxid nur auf dem Prüfstand eingehalten werden. Im normalen Strassenverkehr ist der Schadstoffausstoss um ein Vielfaches höher. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen. Die Aufarbeitung des Abgasskandals kostet den Wolfsburger Konzern voraussichtlich mehr als 20 Milliarden Euro. Analysten halten sogar mehr als 30 Milliarden für möglich.

VW schliesst die Reihen

Neben der weiter laufenden Aufarbeitung des Dieselskandals, der Volkswagen in die tiefste Krise seiner Geschichte gestürzt hat, bemüht sich das Management, den Umbau nicht aus den Augen zu verlieren. "Unverändert und mit Nachdruck müssen wir den Wandel im Denken und Handeln vorantreiben, den Volkswagen braucht", schrieben Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Vorstandschef Matthias Müller in einem Brief an die Mitarbeiter, der Reuters vorlag. Dabei schliesst die Konzernspitze offenbar weitere Enthüllungen nicht aus. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass in den Medien auch weiterhin intensiv über uns berichtet und auch spekuliert wird. Es ist wichtig, dass wir uns davon nicht beirren lassen." Volkswagen brauche die ganze Kraft und Konzentration seiner Mitarbeiter, um das Unternehmen weiter auf die Zukunft auszurichten. 

(Reuters)