Bank of England greift nach Brexit-Votum ein

Die britische Notenbank ist im Kampf gegen negative wirtschaftliche Folgen des Brexit-Votums zur Tat geschritten und hat sechs Wochen nach dem Referendum ihre Geldpolitik deutlicher als erwartet gelockert.
04.08.2016 15:15
Der Hauptsitz der Bank of England an der Threadneedle Street in London.
Der Hauptsitz der Bank of England an der Threadneedle Street in London.
Bild: cash

Der Leitzins werde von 0,50 Prozent auf 0,25 Prozent verringert, teilte die Bank of England (BoE) am Donnerstag in London mit. Damit liegt der Zinssatz auf einem neuen Rekordtief. Ausserdem beschlossen die Notenbanker eine Ausweitung ihres Wertpapierkaufprogramms und kündigten an, künftig auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Notenbankchef Mark Carney hielt sich zudem die Tür für weitere Lockerungen offen.

Mit der Leitzinssenkung hatten Experten mehrheitlich gerechnet. Die Ausweitung der Anleihekäufe galt dagegen vorab als eher unwahrscheinlich. Bei einer ersten Zinssitzung nach dem Votum hatte die Notenbank Mitte Juli noch von einer Leitzinssenkung abgesehen. Während der Finanzkrise im April 2009 hatte die BoE den Leitzins auf den Tiefstand von 0,50 Prozent gesenkt.

Wertpapierkäufe ausgeweitet - auch Unternehmensanleihen

Das angepeilte Gesamtvolumen der Anleihekäufe erhöhten die Notenbanker von derzeit 375 Milliarden auf 435 Milliarden Pfund. Die Entscheidung bedeutet, dass die Notenbank nun wieder Wertpapiere kaufen wird. Das bisherige Gesamtvolumen war bereits ausgeschöpft. Bankökonomen waren mehrheitlich von einem unveränderten Volumen ausgegangen.

Darüber hinaus wird die Notenbank künftig Unternehmensanleihen kaufen. Über 18 Monate sollen Papiere im Wert von bis zu 10 Milliarden Pfund erworben werden, hiess es weiter. Die Aussichten für die britische Wirtschaft hätten sich nach dem Brexit-Votum deutlich abgeschwächt, so die Währungshüter.

Carney: «Weitere Lockerungen möglich - keine Negativzinsen»

Alle beschlossenen Massnahmen könnten in Zukunft noch mehr ausgeweitet werden, sagte Notenbankchef Mark Carney bei einer Pressekonferenz im Anschluss an die Entscheidungen. Beim Leitzins setzte er aber auch Grenzen und erteilte Negativzinsen eine Absage. Bei künftigen Zinsentscheidungen werde die Untergrenze über null liegen, versicherte der Notenbanker.

Carney und seine Kollegen blicken nach dem Brexit-Votum deutlich pessimistischer in die Zukunft. Seit Bestehen des geldpolitischen Ausschusses habe man noch nie zuvor so stark die Prognosen gesenkt, sagte der Chef-Währungshüter.

Prognosen stark gesenkt, aber keine Rezession erwartet

Mit einer Rezession rechnen die Notenbanker allerdings nicht. Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaft nach einem starken ersten Halbjahr in der zweiten Jahreshälfte weiterhin noch etwas wachsen wird. Nach zum Teil sehr schwachen Stimmungsdaten aus der britischen Wirtschaft hatten einige Experten eine Rezession in Grossbritannien erwartet.

Carney verwies auf die grundsätzlichen Grenzen der Geldpolitik. Als Notenbank frühzeitig aktiv zu werden, könne Unsicherheiten senken, sagte der Notenbanker mit Blick auf die Folgen des Brexit-Votums. Einen grossen strukturellen Schock könne man aber nicht kompensieren.

Markterwartungen übertroffen

"Mit der Wiederbelebung des Anleihekaufprogramms wurden die Markterwartungen übertroffen", sagt Ulrich Wortberg, Experte bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Neben den Massnahmen sei dabei auch entscheidend, dass die Währungshüter für die Zukunft weitere Massnahmen in Aussicht gestellt haben.

Dementsprechend fielen die Reaktionen an den Märkten aus. Das britische Pfund gab im Anschluss an die Entscheidungen deutlich nach und verlor im Verhältnis zum Dollar rund zwei Cent an Wert. Die Renditen britischer Anleihen gerieten ebenfalls unter Druck.

Experten begrüssen Entscheidungen

Unter Experten wurden die Entscheidungen der Notenbanker mit Wohlwollen aufgenommen. Die Währungshüter hätten ein starkes Signal an die Märkte gesendet und dafür ein weiter geschwächtes Pfund in Kauf genommen, kommentierten Experten des Londoner Forschungsunternehmens Capital Economics. Sollte sich die Konjunktur aber trotz der Massnahmen weiterhin abschwächen, werde die Notenbank unter starken Druck geraten, weitere geldpolitische Massnahmen nachzuschieben.

Für Katrin Löhken, Expertin bei der Bank Sal. Oppenheim, hat die BoE den grossen Wurf geliefert. Dabei habe die Zentralbank viele Massnahmen in jeweils kleiner Dosis gebündelt, sagte Löhken. Die Bank of England stelle sich damit der Unsicherheit entgegen, die durch die Brexit-Entscheidung entstanden ist. Ihr Ziel sei es, über alle geldpolitischen Kanäle Liquiditäts- und Kreditprobleme zu beheben und die Wirtschaft zu beleben.

(AWP)