Banken - Nach Kahlschlag: Fehlende Strategie bei der Commerzbank?

Die Commerzbank streicht 4300 Stellen und schliesst 200 Filialen. Unklar bleibt, in welchen Bereichen die Bank künftig Geld verdienen will, meinen Analysten.
20.09.2019 18:18
Die Commerzbank will massiv Kosten sparen.
Die Commerzbank will massiv Kosten sparen.
Bild: cash

Die Commerzbank will sich nach der gescheiterten Fusion mit der Deutschen Bank im Alleingang wetterfest machen und holt zum Kahlschlag aus. 4300 Stellen sollen wegfallen, die Zahl der Filialen soll um 200 auf 800 sinken. Eine Übersicht über die grössten Baustellen des fast 150 Jahre alten Geldhauses.

Firmenkunden

Um zu verhindern, dass die Einnahmen in Zeiten niedriger Zinsen noch stärker zurückgehen, hat die Commerzbank in den vergangenen Jahren ihre Kreditvergabe kräftig gesteigert. Das Kalkül dahinter: Lieber Darlehen zu niedrigen Zinsen ausreichen, als Strafzinsen für die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) geparkten Gelder zu zahlen. "Die Commerzbank hat viel niedrigmargiges Geschäft angesammelt", kritisiert Klaus Nieding, Vizechef der Aktionärsvereinigung DSW. Wettbewerber sagen hinter vorgehaltener Hand, die Bank habe das Mittelstandsgeschäft mit Kampfkonditionen ausgebaut. Das Institut selbst widerspricht dem Vorwurf, es habe seine Vergabestandards aufgeweicht.

Ob das zutrifft, könnte sich schon bald zeigen. Denn als einer der grössten Finanzierer des deutschen Mittelstands droht der Konjunkturabschwung die Commerzbank hart zu treffen. Bereits im zweiten Quartal stiegen die Rückstellungen für faule Kredite, der operative Gewinn im Firmenkundgenschäft brach auf 22 (Vorjahr: 218) Millionen Euro ein.

Statt auf Wachstum solle sich die Sparte künftig stärker auf die Steigerung der Rendite konzentrieren, sagt Finanzchef Stephan Engels, der zur Danske Bank wechselt. Denn obwohl die Bank im Firmenkundengeschäft Kunden gewonnen hat, gehen die Erträge immer weiter zurück. Nicht zuletzt spürt das Institut den Wettbewerb durch Auslandsbanken wie ING, BNP Paribas und Unicredit mit ihrer Tochter HVB. So hat die ING ihr vor wenigen Jahren kaum existentes Firmenkundengeschäft kräftig ausgebaut und schickt sich an, in den nächsten Jahren in die Top-5 aufzusteigen.

Privatkunden 

Auch im Privatkundengeschäft kämpft die Bank an mehreren Fronten. Bei Ratenkrediten hinkt die Commerzbank ihren selbstgesteckten Zielen weit hinterher. Die Frankfurter hatten 2017 ihre Partnerschaft mit der französischen Grossbank BNP Paribas aufgelöst, um dieses attraktive Geschäft alleine zu betreiben. Schliesslich sind die Margen hier deutlich höher als etwa bei Immobilienkrediten.

Im Wertpapiergeschäft sind die Gebühreinnahmen trotz des Wachstums der Tochter Comdirect eingebrochen. Wie die Konkurrenz klagt die Commerzbank über die seit Anfang 2018 geltenden umfassenden Dokumentationspflichten (Mifid II), die Verbraucher abschrecken und zusätzliches Geld verschlingen. Dabei tun sich die Banken hierzulande ohnehin schwer, Aktien, Anleihen oder Fonds an ihre Kunden zu verkaufen und dafür Gebühren zu kassieren. Schliesslich lassen viele Deutsche ihr Geld lieber auf Sparkonten liegen, auch wenn die Teuerung das Ersparte auffrisst.

Also wird die Commerzbank wohl andere Wege finden müssen, um die Trendwende zu schaffen und die Provisionseinnahmen wieder zu steigern. Denkbar sind etwa höhere Gebühren für beleghafte Überweisungen, Kreditkarten und andere Dienstleistungen. Analysten glauben aber nicht, dass sich die Commerzbank von ihrem "kostenlosen" Girokonto verabschiedet und flächendeckend Kontoführungsgebühren einführt. Denn dann könnten viele der in den vergangenen Jahren mit teuren Werbekampagnen und Wechselprämien gewonnenen Kunden der Bank den Rücken drehen. Die Weitergabe der Strafzinsen an Kleinsparer hat die Commerzbank vorerst ausgeschlossen - wohlwissend, dass dies für einen Aufschrei in der Öffentlichkeit sorgen würde.

IT

Um die Kosten zu drücken, sind nach Aussage von Finanzchef Engels an der ein oder anderen Stelle zunächst weitere Investitionen notwendig. Bei der Digitalisierung ihrer Prozesse ist die Bank nicht so schnell vorangekommen wie geplant, zudem haben in den vergangenen Monaten IT-Pannen mehrfach für viel Ärger bei den Commerzbank-Kunden gesorgt. Laut den jüngsten Angaben sollen nun voraussichtlich 750 Millionen Euro in Digitalisierung und IT-Infrastruktur investiert werden.

Kapital

Um den Konzernumbau zu finanzieren und dringend benötigtes Kapital freizuschaufeln, will die Commerzbank nun ihre polnische Tochter mBank verkaufen. Die Frankfurter halten 69 Prozent an dem Institut, das an der Warschauer Börse notiert ist und auf einen Börsenwert von umgerechnet 3,1 Milliarden Euro kommt. Nach der Umsetzung der Strategie wird mittelfristig eine Eigenkapitalrendite von mehr als vier Prozent angestrebt - das ist deutlich weniger als bislang. Im Herbst 2016 hatte die Commerzbank für 2020 noch eine Rendite von über sechs Prozent in Aussicht gestellt. Die Kernkapitalquote soll künftig zwischen zwölf und 13 Prozent liegen. 

(Reuters)

 
Aktuell+/-%
Commerzbank I5.820+0.17%
Deutsche Bank N9.206-0.95%
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BNP Paribas A44.42+0.70%
UniCredit Rg8.109+4.19%
ALSO Holding N241.00+0.84%