Barometer - Börsianer mit viel Konjunkturzuversicht: ZEW-Index auf 20-Jahres-Hoch

Mehr Corona-Fälle, harter Brexit, US-Wahl: Trotz vieler Risiken blicken Börsenprofis so optimistisch auf die deutsche Konjunktur wie seit 20 Jahren nicht mehr.
15.09.2020 13:07
Händlerin an der Börse in Frankfurt.
Händlerin an der Börse in Frankfurt.
Bild: Bloomberg

Das Barometer ihrer Erwartungen für die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten sechs Monaten stieg im September überraschend um 5,9 auf 77,4 Punkte. Das sei der höchste Stand seit Mai 2000, teilte das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner monatlichen Umfrage unter 178 Analysten und Anlegern mit. Ökonomen hatten einen leichten Rückgang erwartet. Die Börsenprofis beurteilten die Lage ebenfalls besser: Dieses Barometer kletterte um 15,1 Punkte, verharrte aber mit minus 66,2 Zählern klar im negativen Bereich.

ZEW-Präsident Achim Wambach wertete das Ergebnis als Signal der Zuversicht. "Dies zeigt, dass die Expertinnen und Experten weiterhin von einer spürbaren Erholung der deutschen Wirtschaft ausgehen", sagte er. "Die ins Stocken geratenen Brexit-Verhandlungen und die steigenden Corona-Infektionszahlen konnten die positive Stimmung nicht bremsen." Der nach wie vor schlechte Ausblick für den Bankensektor signalisiere aber Furcht vor "einer steigenden Zahl von Kreditausfällen im nächsten halben Jahr".

Banken-Volkswirte zeigten sich von der Zuversicht der Börsianer überrascht. "Auch die in rund zwei Monaten anstehenden US-Präsidentschaftswahlen und die Unsicherheit über den weiteren wirtschaftspolitischen Kurs in den USA scheinen keine große Rolle zu spielen", sagte Michael Holstein von der DZ Bank. "Das Vertrauen in die Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung und damit wohl auch in die Wirksamkeit der geld- und fiskalpolitischen Stützungsmaßnahmen sind weiterhin ausgesprochen hoch."

V-förmige Erholung

Die deutsche Wirtschaft war wegen der Corona-Krise im zweiten Quartal mit 9,7 Prozent und somit in Rekordtempo eingebrochen. Das Statistische Bundesamt sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen im Aufwind. Sie konnte sich in den Sommermonaten Juli und August "wieder etwas erholen", sagte Albert Braakmann, Leiter der Abteilung "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Preise" auf einer Online-Pressekonferenz.

Frühindikatoren wie Industrieaufträge, Lkw-Maut-Fahrleistungsindex und Ifo-Geschäftsklima "deuten eine weitere Erholung an", sagte er. In vielen Branchen zeichne sich eine V-förmige Erholung ab, also ein kräftiger Anstieg nach einem steilen Absturz. "Eine zweite Corona-Welle könnte die derzeitige Erholung gefährden", warnte das Statistikamt zugleich.

Dennoch dürfte die Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr 2020 nach Schätzung der Bundesregierung um 5,8 Prozent schrumpfen und damit so stark wie noch nie in der Nachkriegszeit. Das Vorkrisenniveau dürfte wohl erst Anfang 2022 erreicht werden.

Optimistischer ist das RWI-Institut in Essen: Es geht nur von einem Einbruch von 4,7 Prozent im laufenden Jahr aus. "Der Einbruch der Produktion war weniger stark als zunächst angenommen, aber die bestehenden Beschränkungen behindern weiterhin die wirtschaftliche Normalisierung", sagte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. 

(Reuters)