Bei den Schwellenländern die Scheuklappen ablegen

Viele Investoren nahmen bei Schwellenländer-Anlagen nur auf die BRIC-Staaten Rücksicht. Ein falscher Entscheid: MIST-Staaten versprechen mindestens ebenso gute Renditen.
08.02.2013 11:00
Markus Baumgartner
Fischen nach Renditen in Istanbul: Die Türkei wird zum Anlegerliebling.
Fischen nach Renditen in Istanbul: Die Türkei wird zum Anlegerliebling.

Dieser Beitrag ist Teil des Magazins cash VALUE "Fonds". Das Magazin kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Es ist ein Marketingerfolg mit kluger Abkürzung: Jim O’Neill, der heutige Chairman von Goldman Sachs Asset Management, führte 2001 das Kürzel BRIC für die grössten Schwellenländermärkte Brasilien, Russland, Indien und China ein. Und löste damit von 2001 bis 2010 weltweit Investitionen von rund ­

70 Milliarden US-Dollar aus. Die vier Staaten machen 44 Prozent des MSCI Emerging Market Index aus. Für das hohe Investi­tionsvolumen waren neben Goldman Sachs aktive Fondsprodukte von Franklin Temp­leton und Guggenheim Investments sowie passive Exchange Traded Funds von ­iShares verantwortlich. 

Wer 2001 BRIC-Fonds kaufte, konnte sein Geld mehr als vervierfachen. «Insgesamt hat sich BRIC in den letzten zehn Jahren mit 14 Prozent pro Jahr und in Franken deutlich besser entwickelt als der breite Schwellenländer-Index», hat Matthias Weber, Fondsanalyst bei ifund services, errechnet. Doch in den letzten drei Jahren haben die BRIC-Börsen annualisiert mehr als 2 Prozent verloren, während der breitere Schwellenländer-Index mit 20 Ländern über 3 Prozent gewann. 

Der Wachstumsboom hat sich ­merklich abgekühlt

In den vier grössten Schwellenländern hat sich der Wachstumsboom in der Tat merklich abgekühlt. Jedes der vier BRIC-Länder hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Die Aussichten sind zwar weiterhin gut und Goldman Sachs erwartet weiterhin eine überdurchschnittliche Entwicklung. Doch die Frage, ob die Aktienbewertungen einen Einstieg noch lohnen, spaltet die professionellen Anleger. Bereits wurden Milliarden von Anlagegeldern aus den BRIC-Staaten abgezügelt.  Die schleppende Entwicklung der BRIC-Börsen hat rasch Kritiker hervorgerufen.

So wurde schon zu Beginn die pauschale Vermischung von unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen, Wohlstandsniveaus und Börsenmärkten hinterfragt. Es fragt sich auch, ob man sich bei Aktienanlagen so stark auf die Konjunkturentwicklung von einzelnen Ländern abstützen soll. Denn hohe Wachstumsraten eines Landes führen nicht zwangsläufig zu Kurssprüngen an der Börse. Und wieso sollte man sich künstlich auf die vier grössten Wirtschaftsräume limitieren? Hätte man in den vergangenen zehn Jahren geschickt innerhalb der Schwellenländer rotiert und sich nicht stur an das BRIC-Konzept gehalten, wäre die Performance nämlich noch besser ausgefallen. Investoren haben 2012 dadurch zum Beispiel auf die gute Entwicklung in Ägypten oder der Türkei verzichtet. Auch ein Index kann Märkte ausschliessen: So sind im führenden Emerging Market Index von MSCI vielversprechende Länder wie Bangladesch, Nigeria oder Vietnam nicht enthalten. 

Die Rahmenbedingungen ändern sich kontinuierlich 

Investoren sollten sich also bewusst sein: Märkte, politische und gesetzliche Rahmenbedingungen ändern sich kontinuierlich. Nur wer offen gegenüber Veränderungen ist und sie als Opportunität betrachtet, wird in Zukunft erfolgreich investieren. Anleger können daher Auswahl, Gewichtung und spätere Umschichtungen getrost dem Verwalter eines global ausgerichteten Emerging Markets Fonds überlassen. Der kann sich frei im gesamten Schwellenländer-Universum bewegen und die besten Aktien auswählen.

Wieso «MIST» sich besser entwickelt

BRIC ist gestern, MIST ist heute und morgen: Die Investmentbank Goldman Sachs hat 2012 nach der BRIC-Idee ein Programm mit vier neuen, verheissungsvollen Staaten lanciert. Mexico, Indonesien, Südkorea und Türkei heis­sen die nachrückenden Schwellenländer. Die nächsten elf grossen Emerging Markets bringen schon heute satte Renditen.

Die vier MIST-Länder sind die vier grössten Märkte im Goldman Sachs Next-11-Equity Fund. Der vor einem Jahr aufgelegt Fonds investiert in die Staaten, die Goldman Sachs als die nächsten elf gros­sen Schwellenländermärkte ansieht. 2012 hat der Fonds rund 12 Prozent zugelegt, verglichen mit einem Plus von 1,5 Prozent im Goldman-BRIC-Fonds.
Das Potenzial liegt vor allem im Aufstieg der Mittelklasse, deren Nachfrage nach Konsumgütern, Versicherungen, Immobilien und Hypotheken steigt. Neben den MIST-Ländern gehören auch Bangladesch, Ägypten, Nigeria, Pakistan, die Philippinen und Vietnam zu den Next-11-Ländern.

Mexiko überholt beim Wirtschaftswachstum Brasilien

Die Volkswirtschaften der MIST-Länder haben sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr trugen sie rund 73 Prozent zum Bruttoinlandprodukt der Next-11-Länder bei. Mexiko verzeichnet dank rekordhoher Auto-Exporte das zweite Jahr in Folge ein stärkeres Wachstum als Brasilien. 

Allerdings sind nicht alle Experten über die Zusammensetzung des neuen Akronyms MIST glücklich. «Die vorausschauenden Kurs-Gewinn-Verhältnisse in Mexiko haben heute mit durchschnittlich 14,7 mehr als den doppelten Wert von China», sagt etwa Andreas Lusser, Fondsanalyst  bei theScreener. «Auch wenn sich ein Teil der Differenz durch den mit über 30 Prozent hohen Anteil an Nahrungsmittelaktien in Mexiko erklären lässt, ist China für mich zurzeit der interessantere Einstieg», erklärt Lusser von theScreener. Wichtig sei, dass man nicht in Volkswirtschaften investiere, sondern in die grössten Unternehmen der Länder. «Deren Kurse werden nicht nur vom Exporterfolg beeinflusst, sondern auch vom Liquiditätszu- respektive -abfluss aus dem Ausland.»

Sowieso sind Investoren, die neu bei den MIST-Ländern einsteigen wollen, zwar nicht zu spät, aber doch etwas spät dran. «Wer vor zehn Jahren schon auf MIST gesetzt hat, verdiente schon deutlich mehr als mit BRIC», sagt Matthias Weber, Fondsanalyst bei ifund services. BRIC legte im Durchschnitt 14 Prozent pro Jahr zu, während Mexiko 14 Prozent, die Türkei 16 Prozent und Indonesien gar 25 Prozent performten. Einzig Südkorea blieb mit 9 Prozent im Schnitt zurück. Weber runzelt bei Südkorea sowieso die Stirn: «Was das Land in dieser Gruppe zu suchen hat, ist fraglich: Zwar war das Konjunkturwachstum in den letzten Jahren beachtlich, aber das Land ist hochentwickelt, überaltert, das Bevölkerungswachstum liegt seit Jahren um 0,3 Prozent.»