Bernd Hartmann - «Der Optimismus an den Börsen ist schwer nachvollziehbar»

Die konjunkturelle Lage rechtfertigt die Rekordstände an der Schweizer Börse kaum, sagt Bernd Hartmann, Chefstratege bei der VP Bank, im Interview. Er äussert sich auch zum Airbnb-IPO und zum Goldpreis.
30.09.2019 11:59
Interview: Marc Bürgi
Sitz der Schweizer Börse SIX in Zürich. Der SMI erreicht im September ein Rekordhoch.
Sitz der Schweizer Börse SIX in Zürich. Der SMI erreicht im September ein Rekordhoch.
Bild: cash

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte? 

Kurzfristig bewegen die Neuigkeiten und Hoffnung bezüglich China und USA die Märkte. Über die kommenden zwölf Monate werden Anleger versuchen, die Stimulanz der Notenbanken gegen das aufkommende Rezessionsrisiko abzuwägen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln? 

Sowohl der SMI als auch der breite SPI haben bisher überdurchschnittliche Renditen und im September neue Rekordhochs erzielt. Vom konjunkturellen Bild her ist der Optimismus schwer nachvollziehbar. 

Wo steht der SMI in zwölf Monaten? 

Es ist kein Geheimnis, dass der SMI von den drei defensiven Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis bestimmt wird. Ergo wird die Performance davon abhängen, ob Anleger eher auf Wachstum oder auf Qualität setzen. Wir empfehlen so spät im Konjunkturzyklus Letzteres. 

Airbnb plant einen Börsengang Anfang 2020. Wie attraktiv wird der Online-Bettenvermittler für Anleger? 

Das lässt sich erst sagen, wenn Geschäftszahlen und die Preisvorstellungen offengelegt werden. Die Akzeptanz wäre sicher besser, wenn das Unternehmen Gewinn erzielt, sonst kauft man pure Hoffnung, wie in den Fällen der Fahrdienstvermittler Uber und Lyft. Uber ging ja nicht an die Börse, weil er frisches Kapital benötigte, sondern weil Altaktionäre Gewinne realisieren wollten – das muss Anleger vorsichtig stimmen.

Der Höhenflug des Goldpreises hält an. Wird sich das Edelmetall noch lange aufwerten? 

Trotz der starken Wertzunahme in den letzten Wochen hat Gold auch weiterhin seine Daseinsberechtigung als Stabilisator im Portfolio. Generell erachten wir Gold nicht als Spekulationsobjekt. Bis zum Jahresende kann es aber durchaus noch auf 1600 Dollar je Unze klettern.

Im Sommer empfahlen Sie Investitionen in globale Immobilienanlagen. Welche Immobilienmärkte und -segmente gefallen Ihnen derzeit besonders? 

Schweizer Anleger haben eine Heimmarktneigung - inländische Immobilien machen 44 % des Vermögens privater Haushalte aus. Wir empfehlen deshalb aus Diversifikationsüberlegungen Anlagen in ausländischen Immobilien. Das Preisniveau ist wegen extrem tiefer Zinsen fast überall hoch, der politische Druck in Europa, Mieter zu entlasten, wird daher je länger je grösser. Wir bevorzugen daher Büro- und Gewerbeimmobilien. Wir finden beispielsweise Logistikimmobilien eine interessante Nische.

Dieses Interview erschien zuerst bei handelszeitung.ch mit dem Titel: "Wir setzen an der Schweizer Börse eher auf Qualität als Wachstum".