Billig-Aktien sind nicht immer preiswert

Was sind günstige Aktien? Und welche Branchen sind teuer bewertet? cash wirft den Blick auf den Schweizer Aktienmarkt - und kommt zum Schluss, dass nicht nur eine nackte Bewertungszahl ausschlaggebend sein darf.
29.09.2015 01:05
Von Ivo Ruch und Pascal Züger
Kaufen oder verkaufen? Das KGV kann bei dieser Entscheidung hilfreich sein.
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Bild: ©kebox/Fotolia.com

Die grosse Unsicherheit hat den Schweizer Aktienmarkt fest im Griff. Schlechte Signale von Chinas Wirtschaft und die Geheimniskrämerei der amerikanischen Zentralbank im Hinblick auf eine Zinserhöhung halten die Volatilität seit Wochen in der Höhe. Allein in den letzten vier Wochen hat der Swiss Performance Index (SPI) mehr als 4 Prozent an Wert verloren. Im Vergleich zum Jahresbeginn liegt das Minus bei knapp 3 Prozent.

Beim Blick auf die Langfrist-Performance zeigt sich jedoch, dass der SPI seit 2009 mehrheitlich nur eine Richtung kennt: nach oben. Das hat dazu geführt, dass die Bewertung des Schweizer Markts deutlich über dem Durchschnittswert der letzten 15 Jahre liegt, wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) als Massstab nimmt. Bei der Berechnung des KGV wird der aktuelle Aktienkurs einer Unternehmung durch den geschätzten Gewinn pro Aktie des kommenden Jahres geteilt, so eine allgemeine Definition.

Hauptgrund für den KGV-Anstieg am SPI: die weltweit tiefen Zinsen, die viel Anlegergeld in die Aktienmärkte haben fliessen lassen. Dennoch hat die jüngste Schwächephase viele Aktien mit Blick auf das KGV günstiger gemacht. Nackte Zahlen sind bei Kauf- und Verkaufsentscheidungen indessen ein schlechter Ratgeber. Entscheidend für die Aktienbeurteilung ist das relative KGV einzelner Titel im Vergleich zu deren Branchenkollegen. cash hat die verschiedenen Aktiensektoren unter die Lupe genommen und günstige Aktien identifiziert.

Banken

In den letzten Jahren gehörten Schweizer Bank-Aktien zu den Prügelknaben. Die Folgen sind historisch tiefe Börsenkurse und günstige Bewertungen. Die beiden Grossbanken CS und UBS sind für das kommende Jahr mit KGV 12 respektive 13 bewertet. Bei kleineren Instituten sind bedeutend tiefere Werte zu finden: Genfer Kantonalbank (10), Bank Coop (KGV 9) oder Bellevue Group (7). Für die ganze Branche gilt: Bewertungen im tiefen zweistelligen Bereich sind attraktiv. Bei Kantonal- und Regionalbanken aber auch unbedingt die Cost-Income-Ratio, mögliche Bussen und Wachstumsaussichten beachten.

Biotech

Zu den Überflieger-Aktien der letzten Monate zählen mehrere kleine Biotech-Firmen. Unternehmen, die an Medikamenten forschen, aber noch kein Produkt am Markt haben. Cytos, Newron oder Santhera sind ein paar Beispiele. Weil viele Biotech-Buden noch keinen Gewinn machen, sind auch keine KGV-Werte verfügbar. Andere hingegen sind bereits sehr teuer geworden. Cosmo wird beispielsweise zum 103-fachen des erwarteten Gewinns gehandelt, bei Ypsomed beträgt dieser Wert immerhin 30. Dementsprechend wichtiger ist es, solche Aktien miteinander zu vergleichen. Biotech-Anleger sollten sich viel eher auf Nachrichten zu Forschungs- und Zulassungserfolgen konzentrieren.

Energie

Unter den Energietiteln am Schweizer Aktienmarkt fällt vor allem die hohe Bewertung von Alpiq auf. Ein KGV von 50, während andere Titel wie BKW, Edisun oder Romande Energie Werte zwischen 12 bis 16 aufweisen. Die wohl weiterhin sinkenden Strompreise in Europa kommen Alpiq alles andere als entgegen. Aber auch die anderen Stromtitel locken trotz eher günstigem KGV nicht zum Kauf: Zu unsicher ist das aktuelle Umfeld. Neben den erwähnten fallenden Strompreisen sind dies auch neue regulatorische Erfordernisse aufgrund der Energiepolitik der Schweiz.

Immobilien

Dem Immobilien-Titel Züblin kommt die unrühmliche Ehre des am schlechtesten performenden SPI-Titels zuteil: minus 77 Prozent in den letzten 52 Wochen. Eine Investition in diesen Sanierungsfall ist höchstens Liebhabern von sehr hohen Risiken zu empfehlen. Die restlichen Immobilien-Aktien fallen mit relativ hohen KGV auf. Dies wohl auch deshalb, da es im Immobilienbereich nach der Ankündigung von Negativzinsen einen kleineren Hype gab - welcher jedoch in der Zwischenzeit wieder abgeflacht ist. Am tiefsten bewertet sind BFW und Allreal (beide KGV 17). In Analystenkreisen beliebter ist jedoch die "teurere" Aktie von Swiss Prime Site (KGV 19).

Industrie

ABB, OC Oerlikon und Rieter sind nur drei Beispiele von Industrieunternehmen, die im laufenden Jahr stark unter Druck geraten sind. Ihre Bewertungen für 2016 bewegen sich dementsprechend zwischen tiefen 12 und 14. Doch bei Unternehmen, die stark von der Konjunktur abhängen, können günstige Bewertungen trügerisch sein. Denn künftige Wirtschaftseinbrüche werden im KGV nicht berücksichtigt. Als alternative Bewertung bietet sich deshalb auch der Auftragseingang an.

Konsumgüter

Im Nahrungsmittelbereich fallen der Backwarenhersteller Aryzta (KGV 10) und der Fleischwarenhersteller Bell (KGV 11) mit günstigen Bewertungen auf. Obwohl sich diese zwei Aktien in jüngster Zeit sehr unterschiedlich entwickelten (Aryzta runter, Bell rauf), könnte ein Einstieg interessant sein. Hingegen ist beim zwischenzeitlichen Shootingstar Emmi (KGV 18) nach dem Börsenfeuerwerk von Mitte Juli bis Mitte September (plus 40 Prozent) womöglich langsam die Luft draussen. Zu guter Letzt ist im Konsumgüter-Bereich auch das Schwergewicht Nestlé zu erwähnen - trotz eher hohem KGV von 20. Der Nahrungsmittel-Multi gilt vor allem in schwierigen Zeiten als sicherer Wert und kann locker noch weiter steigen.

Luxusgüter

Die globale Luxusgüterindustrie steht unter Druck, seit das Wachstum in den Schwellenländern stockt. Die Schweizer Vertreter Richemont (KGV 16) und Swatch (KGV 14) sind davon auch betroffen. Doch im internationalen Vergleich liegen ihre Bewertungen zwischen 10 und 15 Prozent unter dem Durchschnitt. Weil beide Firmen gut aufgestellt sind, gelten ihre Aktien bis zu einem KGV von 18 als "günstig".

Pharma

Die beiden Pharma-Giganten Novartis und Roche sind in Bezug auf die Bewertung nahezu gleichauf (KGV  18). Schon seit längerem weisen Pharma-Werte im Vergleich zu anderen Branchen höhere KGV-Werte auf. Ein Grund dafür ist die überdurchschnittlich hohe und konstante Dividendenpolitik. Das Umfeld tiefer Zinsen hat viel Anleger-Geld in dividendenstarke Titel getrieben. Dennoch sind Pharma-Aktien noch nicht zwangsläufig ausgereizt – je nach Medikamenten-Pipeline kann auch ein KGV von 20 attraktiv sein.

Telecom

Die sonst stabile Swisscom-Aktie ist plötzlich unbeliebt bei Anlegern. Die Titel des Telekommunikationskonzerns notieren so tief wie seit Januar 2014 nicht mehr. An der defensiven Ausrichtung des Titels und an der stabilen Dividendenausschüttung gibts jedoch nichts zu rütteln. Und das KGV von 15 lässt sich auch sehen. Eine mit KGV 22 doch deutlich höhere Bewertung weist hingegen die direkte Konkurrentin Sunrise auf. Ob die Aktie wieder auf bestehende Analysten-Kursziele von 80 bis 85 Franken kommt - bei derzeit 57 Franken - scheint aus heutiger Sicht etwas fragwürdig. Mobilezone schliesslich ist mit KGV 12 am tiefsten bewertet. Für 2016 wird ein Gewinnanstieg von 29 auf 35,4 Millionen Franken erwartet.

Technologie

Diverse Tech-Titel haben inzwischen ein stolzes KGV erreicht: Chipentwickler u-Blox ist bei 29, der Sensorenhersteller Micronas gar bei 41. Doch gibt es auch im Technologiesektor noch eher "günstige" Titel: Halbleiterhersteller AMS, PC-Zubehörhersteller Logitech (beide KGV 17) und Wireless-Communications-Experte Ascom (KGV 14). In diesen drei Titeln schlummert noch (oder wieder) viel Potenzial. Doch Achtung: Gerade bei Technologiewerten mit hohen Wachstumsaussichten ist das KGV nur sehr beschränkt aussagekräftig. Viel wichtiger sind die Wachstumschancen über die nächsten Jahre.

Versicherungen

Die Versicherungskonzerne am Schweizer Markt weisen Bewertungen zwischen 8 (Swiss Life) und 11 (Bâloise, Helvetia) auf – vergleichsweise tiefe Werte. Doch daraus bei allen Titeln eine Kaufgelegenheit abzuleiten, wäre falsch. Denn ein tiefes KGV hat bei Versicherern Tradition, genauso wie die hohen Ausschüttungen. Wichtiger bei der Beurteilung von Rück- und Sachversicherern ist die Schadenkostenquote Combined Ratio. Sie bezeichnet das Verhältnis zwischen Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Abschlusskosten einerseits und den Prämieneinnahmen auf der anderen Seite. Rentabel sind Werte unter 100 Prozent. Diesbezüglich hat Bâloise die Nase vorn (92,3 Prozent), während der Wert bei Zurich jüngst auf hohe 98,3 Prozent anstieg.