Biver: «Die Schweizer sind verwöhnt»

Jean-Claude Biver äussert sich im cash-Interview zu seinem neuen Job als Leiter Uhren beim französischen Luxusgüterkonzern LVMH, zur Zukunft des Modells Schweiz und zur Einwanderungsinitiative der SVP.
28.01.2014 14:34
Interview: Daniel Hügli
Jean-Claude Biver leitet das Uhrensegment des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH.
Jean-Claude Biver leitet das Uhrensegment des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH.
Bild: Bloomberg

cash: Herr Biver, was bringt das Jahr 2014 für die Uhrenindustrie?

Jean-Claude Biver: Die Schweizer Uhrenindustrie hat im letzten Jahr gegenüber dem Rekordjahr 2012 um 1,8 Prozent zugelegt. Ich sehe 2014 noch besser als das 2013. Ich persönlich bin sehr optimistisch.

Ist das Ihre Firma LVMH, wo Sie seit jüngstem den Uhrenbereich leiten, ebenfalls?

Das kann ich nicht sagen, darüber habe ich mit den LVMH-Leuten nicht gesprochen. Falls nichts Gravierendes passiert, rechne ich für die ganze Industrie mit einem Wachstum von fünf bis sieben Prozent.

Sie hatten 2008 Hublot an LVMH verkauft, nun managen Sie auch die Marken Tag Heuer und Zenith beim Konzern. Gilt der Optimismus für alle drei Marken?

Natürlich wachsen nicht alle drei gleich stark. Hublot hat vielleicht das beste Wachstum, hat aber sein Potenzial noch nicht erreicht. Tag Heuer hat bereits eine relativ gute Flughöhe. Die Marke kann daher nicht mehr so steil wachsen wie die etwa kleineren Hublot oder Zenith.

Sie machten bei Hublot auch aus gesundheitlichen Gründen einen Schritt zurück, indem Sie sich aufs Präsidium zurückzogen. Nun machen Sie bei LVMH wieder...

(unterbricht) Nein, nein. Ich werde gar nicht operativ bei LVMH. Als oberster Chef der LVMH-Uhrensegments will ich mich nicht in die tägliche Arbeit einmischen. Ich muss versuchen, die einzelnen Firmen zu dynamisieren. Ich muss agieren wie ein Orchesterchef, denn die Musiker sind bereits da. Voilà, dass wird meine Arbeit sein.

Was sind die grossen Treiber für die Schweizer Uhrenindustrie?

Wir müssen weiter am Status arbeiten. Da haben wir schon viel erreicht. 'Swiss Made' ist ein Status geworden. Und alle auf der Welt wollen heute Status haben. Man hat schon mit einer Swatch für 50 Franken Status am Handgelenk, dank 'Swiss Made'. Eine 50-Franken-Uhr aus Hongkong oder China, das ist dagegen billig. Wichtig ist auch der Tourismus, das Reisegeschäft. Die kleine Stadt Luzern verkauft heute wegen der Touristen weltweit am zweitmeisten Uhren nach Hongkong. Das ist unglaublich. Das Reisegeschäft ist ein Segen für uns.

Der Tourismus in der Schweiz kann der Uhrenindustrie also nicht egal sein...

Natürlich nicht. Was ist am typischsten für 'Swiss Made'? Viele Leute hier in Davos werden sagen: Die Uhr. Als solches ist die Uhr natürlich ein Werbeprodukt für die Nation Schweiz.

Da würde sich eine engere Kooperation von Schweiz Tourismus und der Uhrenindustrie aufdrängen.

Ich habe das mit Hublot bereits getan. Auf individueller Firmenebene gibt es das schon.

Hublot ist offizielle Uhrenmarke an der Fussball-WM 2014 in Brasilien. Reisen Sie dorthin?

Ja, wahrscheinlich für zwei Tage.

Nicht länger?

Nein, wissen Sie, ich muss ja immer noch arbeiten (lacht)

Sie sind gebürtiger Luxemburger und haben seit 2011 die Schweizer Staatsbürgerschaft. Welche Zukunft hat die Schweiz?

Für mich hat das Modell Schweiz Zukunft denn je. Das demokratische System ist ein Modell für Europa, das Lehrlings- und das ganze Bildungssystem eines für die ganze Welt. Wir müssen Studenten in die Schweiz holen, die dann hier bleiben können. Man kann hier sehr einfach eine Firma gründen, das Arbeitsgesetz ist einfach. Das alles hilft unserer Industrie und müssen es unbedingt behalten. Wir dürfen nicht anfangen, alles zu regulieren, sonst verlieren wir unsere Vorteile. Der grösste Angriff auf diese Vorteile kommt von innen.

Wie meinen Sie das?

Der Angriff kommt vom Schweizer selber. Die Schweizer sind dermassen verwöhnt, dass sie sich ihrer Privilegien nicht mehr bewusst sind. Viele Schweizer meinen, sich dem Ausland anpassen zu müssen. Ein Beispiel: Die Schweizer sollten doch mal im Ausland ins Spital gehen. Dann werden sie nie mehr über die Krankenkassenprämien in der Schweiz schimpfen.

Sie haben vorher die ausländischen Studenten erwähnt...

(unterbricht) Die können bleiben, ja.

Wie stehen Sie denn zur SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung, über die am 9. Februar abgestimmt wird?

Ich bin nicht für eine unkontrollierte Einwanderung. Ich bin für die Einwanderung, solange wir die Kinder dieser Einwanderer pflegen, schulen und ausbilden und auch den Vätern und Müttern dieser Kinder einen Job geben können. Ich bin gegen Einwanderung, wenn man die Leute nicht integrieren kann wegen fehlender Jobangebote. Das führt zu Ghettos. Ich bin für Einwanderung, aber gegen Ghettos. Die Arbeit gibt den Menschen Unabhängigkeit.

Jobs gibts in der Schweiz auch nicht unbegrenzt.

Wir brauchen Leute und Spezialisten in der Schweiz. Wir haben ja bloss 8 Millionen Einwohner. Ich kann mir vorstellen, dass wir in den nächsten zehn Jahren weitere Leute und Spezialisten brauchen, gerade in der Uhrenindsustrie. Ich sehe ein Wachstum des Umsatzes von derzeit 22 Milliarden Franken auf 40 Milliarden in den nächsten 20 Jahren. Da brauchen wir Leute. Und nicht bloss die Uhrenindustrie wird Leute brauchen. Aber: Wir müssen die Strukturen anpassen. Das heisst einerseits die Bildung der Jugend fördern, andererseits Hilfe ins Land holen. Sonst geht es nicht.

Das Interview mit Jean-Claude Biver fand am WEF in Davos statt, das letzten Samstag zu Ende ging.