Börsen-Hochzeit droht bei Brexit zu platzen

Die Manager von Deutscher Börse und London Stock Exchange (LSE) beobachten mit Sorge, dass die Brexit-Befürworter immer mehr Zulauf erhalten.
15.06.2016 14:28
Nächste Woche blickt ganz Europa nach London: Doppeldeckerbusse an der Londoner Oxford-Street.
Nächste Woche blickt ganz Europa nach London: Doppeldeckerbusse an der Londoner Oxford-Street.
Bild: cash

Denn sollten die Briten am 23. Juni für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU stimmen, wäre nach Einschätzung von Analysen und Insidern auch der Zusammenschluss von Deutscher Börse und LSE in Gefahr. In Deutschland dürfte die Kritik am geplanten Sitz der Mega-Börse in London dann noch lauter werden - und die Aufsichtsbehörden könnten den rund 25 Milliarden Euro schweren Deal am Ende untersagen. "Wenn der Brexit kommt, ist die Fusion tot", frohlockt ein Spitzenmanager eines Konkurrenten.

Die hessische Börsenaufsicht kann die Fusion verbieten, wenn sie der Ansicht ist, dass dadurch die Weiterentwicklung des Börsenplatzes Frankfurt gefährdet würde. Insidern zufolge treibt die Behörde schon heute die Sorge um, auf den fusionierten Konzern mit Sitz in London künftig zu wenig Einfluss zu haben. Bei einem Austritt Grossbritanniens aus der EU würden diese Zweifel tendenziell zunehmen, sagten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Zudem drohten neue Unwägbarkeiten, da sich die regulatorischen Rahmenbedingungen nach einem Brexit ändern würden. Die Börsenaufsicht wollte sich dazu nicht äussern.

Analyst Philipp Hässler vom Broker Equinet beziffert das Risiko, dass die Börsenfusion - wie diverse vorangegangene Versuche - scheitert, aktuell auf 50 Prozent. "Im Falle eines Brexit würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die EU-Wettbewerbshüter oder die hessische Börsenaufsicht den Zusammenschluss untersagen. Besonders die Tatsache, dass der Sitz des fusionierten Unternehmens dann ausserhalb der EU läge, würde von den Behörden vermutlich kritisch gesehen."

Zwei "Krauts" an der Spitze

Hinzu kommt, dass die britische Währung und der Aktienkurs der LSE nach einem Brexit unter Druck geraten könnten. Ob die Aktionäre der Deutschen Börse dem Deal dann noch zu dem im Februar vereinbarten Umtauschverhältnis zustimmen, ist aus Sicht von Bankern unklar. Analyst Hässler geht allerdings davon aus, dass die Aktionäre unabhängig vom Ausgang des Referendums für die europäische Börsen-Hochzeit stimmen werden.

Laut Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter macht die Fusion auch bei einem Austritt Grossbritanniens aus der EU Sinn. "Die Logik und die Komplementarität hat weiterhin Bestand." Die Konzerne müssten bei ihrer Verschmelzung dann lediglich die regulatorischen Veränderungen nach einem Brexit berücksichtigen. Deutsche Börse und LSE haben ein Referendums-Komitee gegründet, das sich mit möglichen Folgen eines Austritts auf die Fusion befasst. "Auch die Entscheidung für London als alleinigem Sitz der Holding wird dann noch einmal überprüft werden müssen", erklärt Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Joachim Faber. Insider halten es aber für nahezu ausgeschlossen, dass am Standort London noch mal gerüttelt wird. "Das ist nicht verhandelbar", betont eine mit der Fusion vertraute Person.

Faber selbst hat eingeräumt, die Ansiedlung der Mega-Börse an der Themse sei eine "klare politische Vorgabe" der britischen Regierung. Zudem wäre eine Verlegung des Sitzes nach Frankfurt nicht mit dem Ziel einer Fusion auf Augenhöhe vereinbar. Beim Zusammenschluss von zwei nahezu gleichstarken Konzernen müsse jeder etwas aufgeben, sagt ein Manager - im Fall der Deutschen Börse den Anspruch auf den Hauptsitz. Dafür werde mit Kengeter ein Deutscher für mindesten fünf Jahre Vorstandschef. Und nach drei Jahren soll Chefkontrolleur Faber zudem LSE-Manager Donald Brydon als Aufsichtsratschef ablösen, wie aus den Fusionsunterlagen hervorgeht. Die Mega-Börse würde somit ab 2020 von zwei "Krauts" geführt - eine Vorstellung, die vielen Londonern Bauchschmerzen bereitet.

"Das ist eine Baustelle"

Der Bundesverband der Deutschen Industrie, das Institut der deutschen Wirtschaft, der Privatbankenverband BdB und mehrere Dax-Konzerne haben sich für die Börsen-Fusion ausgesprochen. In Frankfurt gibt es dagegen weiter viel Kritik an dem Zusammenschluss. Wenn der Deal wie angedacht über die Bühne gehe, würden zentrale Unternehmensentscheidungen künftig allein von London aus getroffen, warnt beispielsweise der Betriebsrat der Deutschen Börse. Der fusionierte Konzern müsse deshalb unbedingt in Frankfurt angesiedelt werden - besonders im Fall eines Brexit.

Dem Management von Deutschlands grösstem Börsenbetreiber sind die Bedenken in Frankfurt und Wiesbaden nicht entgangen. "Das ist eine Baustelle", räumt ein Insider ein. Die Konzernspitze hat jedoch die Hoffnung, dass der Widerstand gegen die Fusion abnimmt, wenn die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen. "Dann kann sich eine positive Dynamik entwickeln."

(Reuters)