Börsenjahr 2016: Die wichtigsten Stimmen

Wie soll man sich für das kommende Anlagejahr positionieren? Gibt es Alternativen zu Aktien? cash hat dazu die wichtigsten Schweizer Expertenmeinungen zusammengetragen.
07.12.2015 01:05
Von Ivo Ruch
Die Welt der Börsianer wird auch 2016 herausfordernd bleiben.
Die Welt der Börsianer wird auch 2016 herausfordernd bleiben.
Bild: iNg

"Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt." Dieses Bonmot trifft auch auf das ablaufende Börsenjahr zu. Wieder einmal gab es mehrere Überraschungen: Vom Zögern der amerikanischen Notenbank über die Turbulenzen an den chinesischen Aktienmärkten bis hin zu den Folgen des Frankenschocks in der Schweiz. Zieht man eine vorläufige Bilanz über die einzelnen Anlageklassen, zeigt sich wie so oft in den letzten Jahren: An Aktien führt kein Weg vorbei. Laut Daten von Bloomberg rentierten japanische Aktien bislang mit Abstand am besten (+18 Prozent), vor amerikanischen Titeln (+12 Prozent) und Schweizer Small Caps (+11 Prozent).

Am unteren Ende der Rangliste stehen hingegen Rohstoffe und Aktien aus Schwellenländern. Doch wie geht es im nächsten Jahr weiter? Welche Anlageklasse wird in zwölf Monaten zuoberst stehen? Eines ist klar: Von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schliessen, ist ein schlechter Ratgeber. Anleger sollten viel eher möglichst viele verschiedene Meinungen einholen, um sich schlussendlich eine eigene Meinung zu bilden. cash hat deshalb mehr als ein halbes Dutzend verschiedene Meinungen zu den einzelnen Anlageklassen gesammelt. Diese präsentieren sich wie folgt:

Aktien weltweit

Grundsätzlich müssen sich die Börsianer auf weiterhin volatile Aktienmärkte einstellen, so der Konsens. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die ersten Monate nach einer US-Zinswende häufig unruhige Märkte mit sich bringen. Gleichzeitig bleibt die Geldpolitik in anderen Währungsräumen weiterhin sehr locker. Deshalb schaffen es Europa und Japan auf viele Kaufzettel für das nächste Jahr. Und das obwohl der Eurostoxx 50 (+11 Prozent) wie auch der Nikkei (+14 Prozent) bereits in diesem Jahr stark zulegen konnten. Doch solange das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu früheren Aufschwüngen schwach ausfällt, bleibe die Geldpolitik der Haupttreiber für den Aktienmarkt, so die Argumentation.

Konkret: Beim Nikkei gehen die meisten Prognosen von einem Jahresendstand 2016 zwischen 21000 und 22000 Punkten aus (Stand letzter Freitag: 19'940). Beim S&P 500 zwischen 2150 und 2250 (2080) und beim Eurostoxx 50 liegt der Konsens in der Region von 3700 Punkten (3478). Die Aussicht für die Schwellenländer sind gemischt: Einerseits bleiben politische und ökonomische Aussichten angespannt. Andererseits sind die Bewertungen an den dortigen Aktienmärkten auf attraktive Niveaus gesunken. 

Die Fundamentaldaten sprechen auch eine klare Sprache. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sind die Aktienmärkte der USA und der Schweiz deutlich teurer bewertet als jene der Euro-Zone oder Japans, wie der unten stehende Chart zeigt.

Quelle: Credit Suisse

 

Aktien Schweiz 

Nach mehreren Jahren mit satten Kursgewinnen steuert die Schweizer Börse heuer auf eine Nullrunde zu. Dass dies eher eine neue Realität als eine Ausnahme ist, sind sich viele Beobachter einig. Zu viele Hindernisse warten in den kommenden Monaten und Jahren auf die Schweizer Wirtschaft, wobei der anhaltend starke Franken das prominenteste ist. Weiter könnten die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative oder die fortschreitende Deindustrialisierung für Unsicherheit sorgen.

Wie bereits oben erwähnt, sind Schweizer Aktien teuer. Kaum jemand traut dem Gesamtmarkt im kommenden Jahr eine deutliche Outperformance zu. Auf der Suche nach Rendite müssen Anleger deshalb genauer hinsehen. Bei der UBS stehen beispielsweise Aktien mittelgrosser Unternehmen hoch im Kurs und darunter vor allem solche, die über starke Bilanzen verfügen und solides organisches Wachstum aufweisen (siehe Video).

Schon seit dem Frankenschock der Schweizerischen Nationalbank (SNB) schneiden Aktien kleiner Unternehmen besser als der Gesamtmarkt, wie der nächste Chart zeigt. Ein anderes Merkmal, das vielerorts berücksichtigt wird, sind dividendenstarke Titel. Aus dem Swiss Market Index (SMI) sind das beispielsweise ABB, Swisscom oder Zurich. Aus dem breiten Markt bieten sich diesbezüglich Aktien wie Cembra, LEM oder Walter Meier an.

Quelle: Bank Vontobel

Schwenkt die Schweizer Wirtschaft tatsächlich auf einen holprigen Pfad ein, rücken zudem defensive Aktien wieder in den Fokus, deren Geschäft unabhängig von der Konjunktur verläuft. Diesbezüglich stehen auf der Empfehlungsliste der Bank Vontobel Roche, Straumann oder Swiss Life

Obligationen 

Staatsobligationen mit guter Bonität werden auch 2016 nicht zu den grossen Renditebringern gehören. Stattdessen dürften sie höchstens als Stabilisator in einem Portfolio Verwendung finden. Derzeit spricht vieles dafür, dass die Schweiz noch für einige Zeit das Land mit den tiefsten Renditen auf Staatsobligationen bleibt, dürfte doch die SNB an ihren Negativzinsen festhalten. Andernorts sehen die Prognosen besser aus. Aufgrund der bevorstehenden Zinswende in den USA wird dort in den kommenden Monaten ein Renditeanstieg erwartet. 

Spannender präsentiert sich hingegen der Markt für Firmenanleihen. Die Bank Julius Bär traut in diesem Segment US-Unternehmen mit guter Qualität und langer Laufzeit sowie ausgewählten Firmen aus Schwellenländern in Hartwährung am meisten zu.

Rohstoffe 

Bei Rohstoffen kann man sich eigentlich nur fragen: Ist der Tiefpunkt nun erreicht? Der Bloomberg Commodity Index, der die Performance von 22 verschiedenen Rohstoffen misst, ist im November auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren gefallen. Für die meisten Schlagzeilen in dieser Anlageklasse sorgten Gold und Erdöl, mit einem Wertverlust von 10 respektive 23 Prozent im laufenden Jahr. 

Ob der Boden bereits erreicht ist oder nicht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei der UBS beispielsweise traut man der Erdölsorte Brent in den nächsten zwölf Monaten einen Anstieg auf 63 Dollar pro Barrel zu. Aus aktueller Sicht wäre das ein Gewinn von 30 Prozent. Mit einem Preisziel von 30 Dollar behauptet der ETF-Anbieter Source das pure Gegenteil. In der Mitte liegt Julius Bär mit einem Preisziel von 50 Dollar. Stagniert der Ölpreis weiter auf tiefem Niveau, ist das grundsätzlich wachstumsfördernd, denn es kommt für Unternehmen und Verbraucher einer Steuersenkung gleich.

Gold hingegen traut vom aktuellen Stand bei 1050 Dollar kaum jemand einen Ausbruch nach oben zu. Die meisten Auguren erwarten, dass die Aussicht auf eine Zinserhöhung in den USA und die fehlende Sorge vor steigender Inflation das Edelmetall nicht merklich verteuern wird. Eine Zwölf-Monats-Prognose von deutlich mehr als 1100 Dollar pro Unze Gold macht auf jeden Fall niemand. Oder wie es die St. Galler Kantonalbank formuliert: "Wenn Gold, dann Schmuck". 

Währungen

Das Szenario vieler Devisenspezialisten geht so: Erhöht die Fed ihre Zinsen, fliesst mehr Investorengeld in die USA, was den Dollar stärker macht - ein Mechanismus, der bereits in diesem Jahr sichtbar wurde. Ähnliche Überlegungen gelten auch für das britische Pfund. Da die Bank of England ebenfalls auf eine Zinserhöhung zusteuert, dürfte Sterling beliebt bleiben.

Eine andere Sicht vertreten die Devisenexperten der St. Galler Kantonalbank. "Dem Dollar werden die Flügel gestutzt", sagen sie. Vor jedem möglichen Zinsschritt der Fed könnte er zwar kurzfristig aufwerten. Dieser Effekt nehme aber mit der Zeit ab. Mit Beginn der Tapering-Diskussionen in der Euro-Zone richte sich das Interesse hingegen auf die Gemeinschaftswährung Euro. Diese dürfte dann gegenüber Dollar und Franken zulegen. ETF Securities, ein Anbieter von börsengehandelten Produkten, sieht in diesem Zusammenhang einen Vorteil für die Währungen der Schwellenländer.

Der Schweizer Franken hat sich zwar in den letzten Monaten etwas verbilligt, er gilt aber gegenüber dem Euro immer noch als stark überbewertet. Sein fairer Wert wird je nach Quelle zwischen 1,25 und 1,30 angesiedelt. Da die meisten Beobachter davon ausgehen, dass die Schweizerische Nationalbank weiterhin am Devisenmarkt aktiv sein wird, sehen sie beim Währungspaar Euro-Franken eine Seitwärtstendenz im Bereich 1,05-1,12.
 
Immobilien

Aus einer globalen Perspektive sind viele Immobilienmärkte mitterweile teurer als vor der Finanzkrise. London und Hong Kong werden häufig als Kandidaten für eine Korrektur gehandelt, auch in Sydney, Vancouver oder San Francisco sind die Preise stark angestiegen. In der Schweiz gibt es ebenfalls Regionen, die wiederholt als "blasengefährdet" bezeichnet werden, in erster Linie Zürich und Genf.

Quelle: IAZI

Zwar wurden hierzulande die Kreditvergaberegeln für Wohneigentum verschärft und auch die Unsicherheiten rund um die Zuwanderung haben die Preisentwicklung etwas beruhigt. Doch solange die Negativzinsen der SNB auch die Hypothekarzinsen auf historisch tiefe Niveaus drücken, bleibt der Eigenheimkauf verlockend. Der "Temperatur Index" des Immobilien-Beratungsunternehmens IAZI gibt aktuell auf jeden Fall 39,3 Grad an, wie der Chart zeigt.

Im Video-Interview mit cash sagt Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Schweiz, wie er die Zukunft der Schweizer Wirtschaft sieht und welche Schweizer Aktiensektoren er bevorzugt.