Boutique statt Warenhaus: Fusionsberater im Wandel

Investmentbanken kommen aus der Mode, wenn es um die Begleitung von Unternehmen bei Übernahmen und Börsengängen geht. Davon profitieren kleinere Häuser, die «M&A-Boutiquen». Der Trend betrifft auch Banken wie die UBS.
21.08.2016 10:18
Die Finanzboutiquen nehmen Supertankern wie der Deutschen Bank Geschäft weg.
Die Finanzboutiquen nehmen Supertankern wie der Deutschen Bank Geschäft weg.
Bild: cash

Diese haben sich nur auf die Beratung spezialisiert und wollen den Firmen nicht zugleich die Finanzierung der Übernahme verkaufen. Nach Daten von Thomson Reuters haben sie bis Mitte August rund 1,7 Milliarden Dollar an Beratungsgebühren eingenommen, 44 Prozent der gesamten Einnahmen, die Fusionsberater für abgeschlossene Transaktionen in diesem Jahr kassiert haben.

Zum Vergleich: Im Jahr 2007, auf dem Höhepunkt der letzten Welle von Fusionen und Übernahmen (M&A), lag ihr Marktanteil erst bei 30,5 Prozent, im Jahr 2000 nur bei 20,1 Prozent. "Wir wollen nicht gleich eine ganze Handvoll von Produkten verkaufen. Unser einziges Augenmerk ist hochwertige Beratung, und deshalb haben wir auch keine Interessenkonflikte", fasst Pieter-Jan Bouten von der amerikanischen Investment-Boutique Greenhill die Botschaft zusammen, mit denen sie erfolgreich um Kunden werben.

Misstrauen gegenüber Allsortimentern

Die grossen Investmentbanken setzen darauf, dass sie mit dem Beratungsmandat auch die besten Karten haben, wenn es um die Finanzierung der Übernahme geht, eine Wechselkurs-Absicherung oder Ähnliches - oder umgekehrt, mit einer langjährigen Kreditbeziehung die beste Ausgangsposition für die Begleitung eines Börsengangs haben.

Wie im Warenhaus eben: alles aus einer Hand. Doch das weckt Misstrauen bei den Unternehmen, die fürchten, auf der einen oder anderen Seite übervorteilt zu werden. Die Investmentbanker der grossen Häuser seien in Wahrheit "glorifizierte Verkäufer", sagt ein Banker.

Neu ist das "Boutiquen"-Modell nicht: Investmentbanken wie Rothschild und Lazard betreiben es seit Jahrzehnten. Doch immer mehr altgediente Banker, vor allem aus den USA, tun es ihnen gleich. Sie haben die Bürokratie in den Grossbanken satt - oder fliehen vor den neuen Bonus-Regeln, die ihre Gehälter schrumpfen lassen. "Kurz gesagt: Für eine Grossbank zu arbeiten, macht keinen Spass mehr", sagt ein Banker einer New Yorker "M&A-Boutique".

Und sie profitieren von ihrem Netzwerk. Dietrich Becker, der Morgan Stanley 2006 verlassen hatte, zieht für Perella Weinberg zusammen mit dem ehemaligen Dresdner-Banker Stefan Jentzsch von London aus immer wieder spektakuläre Transaktionen in Deutschland an Land - etwa die Übernahme von Kabel Deutschland durch Vodafone.

Börsendeal mit einer Boutique

Auch bei der 25 Milliarden Euro schweren Fusion zwischen der Deutschen Börse und der LSE spielt eine kleine Boutique eine Hauptrolle: Robey Warshaw, gegründet von Simon Robey (vorher Morgan Stanley) und Simon Warshaw (vorher UBS), berät federführend die Londoner Börse - auf der Gegenseite ist Perella Weinberg aktiv. 42 Millionen Dollar hat Robey Warshaw in diesem Jahr bereits eingenommen und ist damit unter die Top 15 der Investmentbanken in Europa vorgerückt, noch vor Grossbanken wie HSBC und Société Générale.

Und dabei ist der zu erwartende Geldsegen von der LSE noch nicht eingerechnet, weil die Übernahme noch nicht unter Dach und Fach ist. Auch der schweizerische Agrarchemie-Konzern Syngenta hat mit der vom ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Gordon Dyal gegründeten Dyal & Co eine Boutique angeheuert, um die Übernahme durch die chinesische ChemChina zu begleiten.

«Deutsche» und UBS haben Nachsehen

Der Erfolg macht die Boutiquen auch für den Nachwuchs unter den Investmentbankern immer attraktiver, wie Alex Howard-Keyes von der Personalberatung Alderbrooke sagt. Rothschild etwa verweist stolz darauf, in Frankfurt inzwischen über die grösste Investmentbanker-Truppe aller Häuser zu verfügen.

Die Boutiquen nehmen offenbar vor allem den europäischen Banken das Geschäft weg. Während die grossen Häuser aus den USA weiterhin die fünf Top-Plätze in der Gebühren-Rangliste belegen, sind die Deutsche Bank, Credit Suisse und die UBS aus den "Top 10" herausgefallen. Im zweiten Quartal haben sie mit der M&A-Beratung 21 Prozent weniger verdient, während das Volumen von Fusionen und Übernahmen um sechs Prozent gestiegen ist.

(Reuters)