Brexit als Schlag für die Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft steht nach dem unerwarteten Ausstiegsvotum der Briten aus der EU vor ihrer womöglich grössten Bewährungsprobe seit der Finanzkrise 2008.
24.06.2016 17:10
«Die EU ist nur warme Luft»: Die EU-Skeptiker haben in Grossbritannien gewonnen.
«Die EU ist nur warme Luft»: Die EU-Skeptiker haben in Grossbritannien gewonnen.
Bild: Bloomberg

Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte diese Mega-Herausforderung durch den Brexit kaum kommen können, stottert doch der weltwirtschaftliche Wachstumsmotor schon seit längerem. Erst im April hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognosen zurückgenommen - auf 3,2 Prozent - und dabei die grossen Wachstumsunterschiede in der Welt beklagt. Nach dem Brexit haben die Sorgen zugenommen. "Wir werden die Entwicklungen weiter eng verfolgen und stehen bereit, unsere Mitglieder zu unterstützten, wenn sie es brauchen", sicherte IWF-Chefin Christine Lagarde schon mal zu.

In kaum einer Experten-Analyse der letzten Monate fehlte die Bemerkung, dass die wirtschaftliche Stabilität in der Welt momentan durch eine ungewöhnliche Zusammenballung ökonomischer und geopolitischer Risiken bedroht sei - vom Flüchtlingsproblem in Europa über die Krisen in Syrien, im Irak, in der Ukraine, den Kampf gegen den Terror bis zu den schillernden Auswirkungen der ultralockeren Geldpolitik vieler Notenbanken. Wenn nun auch noch eine vom IWF für möglich gehaltene Rezession bei weltwirtschaftlichen Schwergewicht Grossbritannien hinzukäme und ein schwächeres Europa - wo das Wachstum sich gerade erst wieder stabilisiert hat - dann wäre dies das letzte, was die Weltwirtschaft brauchen kann.

Kurzfristig sind nur Grossbritannien und Europa betroffen

Die direkten und kurzfristigen Auswirkungen des Brexit konzentrieren sich allerdings vor allem auf Grossbritannien selbst und auf Europa. Besonders betroffen sind dabei die grossen britischen Handelspartner wie Irland und Deutschland. Für Deutschland, dessen drittwichtigster Exportmarkt die Insel ist, könnte das Wachstum als Folge der britischen Entscheidung um einen halben Prozentpunkt im nächsten Jahr gedrückt werden. Statt 1,4 Prozent Wachstum, sagte gerade das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) voraus, könnte das deutsche Wachstum bei knapp einem Prozent landen. Grossbritannien selbst könnte nach einer Analyse der IWF bis 2019 schlimmstenfalls 5,5 Prozent seiner Wirtschaftskraft verlieren. Für die Weltwirtschaft bedeutete dies dennoch nur eine geringfügige Wachstumsdämpfung unterhalb von einem Prozent.

Die ganz grossen Gefahren durch den Brexit schlummern für Fachleute indes an anderer Stelle: In der Unsicherheit, die dadurch auf längere Sicht in die Weltwirtschaft einzieht und in unkontrollierbaren Bewegungen an den Finanz- besonders an den Devisenmärkten, die durch den Brexit wahrscheinlicher werden. Der Absturz des britischen Pfundes am Freitag auf einen Stand, der zeitweise der tiefste seit der Finanzkrise 2008 war, sowie die Kurseinbussen an den Aktienmärkten signalisierten das. Der britische EU-Ausstieg droht die Kapitalflüsse in der Welt noch unkalkulierbarer und die Verunsicherung der Investoren noch grösser zu machen. "Angesichts der absehbaren politischen, wirtschaftlichen und Finanzmarkt-Auswirkungen müssen sich Investoren auf raue See einstellen", kommentierte denn auch Allianz Global Investors. Die Anleger sollten daher "die sich "ändernden politischen Gegebenheiten im Zusammenhang mit der finanziellen Repression" genau im Auge behalten, um nicht in unkontrollierbare Risiken zu steuern, empfiehlt das Unternehmen.

Gefahr einer globalen Finanzkrise

Vor allem besorgt Anleger und Politiker gleichermassen, dass die ohnehin bereits fragile Lage an den Welt-Finanz- und Devisenmärkten die Spannungen zwischen den grossen Industrie- und Schwellenländern weiter verschärfen dürften. Denn das Kapital, das nach Einschätzung von Experten aus Grossbritannien und womöglich auch der EU vermehrt abfliessen dürfte, wird sich neue Ziele suchen: womöglich die USA oder Länder mit hohem Zinsniveau. Das aber würde in den Zielländern deren Währungskurse nach oben treiben. Solche abrupten und massiven Kursbewegungen aber sorgen schon lange in der Weltwirtschaft für Unruhe.

Aufwertungen von Währungen vermindern die Exportchancen der betreffenden Länder. Deshalb gibt es über dieses Thema schon seit längerem Streit, sowohl in der Industrieländer-Gruppe G7, wie in der G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer. Dort geht seit langem die Angst um, dass sich Devisenmarkt-Turbulenzen zu gezielten Abwertungswettläufen, womöglich einem Währungskrieg, zuspitzen könnten. Nicht umsonst taucht diese Warnung davor in den Kommuniques solcher Treffen regelmässig auf.

Damit bleibt am Ende die Warnung im Raum, mit der IWF-Chefin Lagarde im Vorfeld der Brexit-Entscheidung durch die Welt zog, ohne bei den Briten den gewünschten Widerhall zu finden: "Der Brexit betrifft nicht nur das Vereinigte Königreich, sondern die ganze Welt." Wie stark, das werden die nächsten Monate zeigen.

(Reuters)