Brexit auf dem Bauernhof - Katerstimmung und Katzenjammer

Der Brexit versetzt die Whisky-Brenner in Schottland in Katerstimmung. Ein Gutteil ihrer Destillate wird in die Europäische Union exportiert.
19.01.2017 20:00
Eine grosse Auswahl an Whiskey in einer Bar.
Eine grosse Auswahl an Whiskey in einer Bar.
Bild: pixabay.com

In Deutschland ist Whisky mit knapp 19 Prozent beziehungsweise 268 Millionen Euro nach Zahlen aus dem Jahr 2015 der grösste Einzelposten der Agrarimporte aus dem Vereinigten Königreich. Der nächst grössere Posten - Fleisch aus Grossbritannien - umfasste nur knapp 161 Millionen Euro.

Gesteigert werden die Sorgen über den Verlust eines lukrativen Absatzmarktes durch die Ankündigung von Premierministerin Theresa May, einen klaren Bruch mit der EU anzustreben. Das heisst, Grossbritannien schottet sich ab, die EU stoppt im Gegenzug den ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt. Die Handelsbeziehungen müssen völlig neu ausgehandelt werden.

Schon vergangenen Oktober rief die Vereinigung Schottischer Whisky-Hersteller die britische Regierung dazu auf, für Ersatz zu sorgen. Besonders wichtig ist dem Verband, dass Grossbritannien die Vorteile von EU-Handelsvereinbarungen mit Drittstaaten erhalten bleiben. Konkret: die EU-Abkommen mit Mexiko, Südkorea oder Kolumbien sollen auf das Vereinigte Königreich übertragen werden. Die Whisky-Brenner stehen stellvertretend für viele Bereiche der britischen Land- und Lebensmittelwirtschaft, die sich durch den Brexit neu orientieren muss.

Briten importieren mehr aus EU als umgekehrt

Der grösste Teil der britischen Agrarexporte fliesst in die EU. Von Ausfuhren im Wert von 23,4 Milliarden Euro gingen 2014 rund 61 Prozent in EU-Länder. Die Agrareinfuhren beliefen sich in dem Jahr auf 49,1 Milliarden Euro. Knapp drei Viertel davon kamen aus der EU. Sollten die Handelsströme ins Stocken kommen, sind die Folgen für fast alle EU-27-Staaten weniger schmerzhaft als für Grossbritannien, da in den EU-Ländern im Gegensatz zum Königreich ein vergleichsweise geringerer Anteil der Im- und Exporte betroffen ist. Eine Ausnahme ist Irland, dessen Agrarexporte 2015 zu 43 Prozent in das Vereinigte Königreich gingen.

Für britische Landwirte sind nicht nur drohende Handelshemmnisse ein Problem. Jedes Jahr kommen rund 80.000 Erntehelfer aus der EU nach Grossbritannien. Im Januar helfen sie bei der Narzissen-Zucht, im Sommer bei der Erdbeer-Ernte, im Sommer werden Äpfel gepflückt, im Dezember steht die Rosenkohl-Ernte an. Bereits im Oktober sagten zwei auf die Erntehelfer spezialisierte Arbeitsagenturen Reuters, sie hätten nicht genug Bewerber für die 600 offenen Stellen finden können. Die Agentur Fruitful Jobs berichtete, in ihren Büros in Polen und Bulgarien sei die Zahl der Bewerber drastisch zurückgegangen. Bauern klagen jedoch, mit britischen Erntehelfern lasse sich der Verlust dieser erfahrenen Feldarbeiter nicht ersetzen.

Angst vor den Folgen des Brexit haben aber auch deutsche Bauern. "Ein offener Markt mit dem Vereinigten Königreich hat bei den Brexit-Verhandlungen für uns hohe Priorität", erklärte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, am Donnerstag auf der Branchenmesse Grüne Woche in Berlin. Die Sorge ist verständlich angesichts von Agrar-Exporten im Wert von 4,8 Milliarden Euro 2015 in das Vereinigte Königreich. Dabei wurde ein Überschuss von 3,4 Milliarden Euro erzielt. Allerdings stellen diese Ausfuhren auch nur sechs Prozent aller deutschen Agrarexporte dar. Schmerzhaft könnte der Brexit auch für deutsche Fischer werden, denen britische Gewässer versperrt werden könnten.

Nach Brexit droht Streit über EU-Agrarsubventionen

Die Landwirtschaft in der EU ist ineinander verwobenen wie kein anderer Wirtschaftssektor. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich nur um das Thema Entflechtung kümmert. Dabei geht es auch darum auszuloten, wie scharf die Briten den Trennungsstrich ziehen wollen. Auch um mehr über die britischen Absichten zu erfahren, wird sich Schmidt am Wochenende mit seiner britischen Kollegin Andrea Leadsom am Rande der G20-Agrarminister-Konferenz in Berlin treffen.

Thema der beiden dürfte auch die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) sein. Die EU sammelt jedes Jahr Milliarden Euro von ihren Mitgliedsländern ein und verteilt sie in der Union. Diese Subventionen machen etwa in Deutschland einen wesentlichen Teil der Einnahmen der Bauern aus. Bislang zählte Grossbritannien zu den grössten Netto-Einzahlern. Unterm Strich werden nach DBV-Berechungen dem EU-Agrarbudget drei Milliarden Euro fehlen, wenn Grossbritannien nicht mehr Teil der EU ist. Zwar haben die Briten signalisiert, ihren bis 2020 eingegangenen GAP-Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Der Verteilungskampf hat aber bereits jetzt begonnen. Der DBV lehnt ebenso wie etwa der französische Bauernverband Abstriche bei den Subventionen ab. 

(Reuters)