Brexit auf Messers Schneide - Patt in Umfragen

Der Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union steht zwei Tage vor der Brexit-Abstimmung auf des Messers Schneide. Umfragen ergaben am Dienstag ein uneinheitliches Bild.
21.06.2016 16:12
Brexit-Gegner und -Befürworter machen Stimmung in London.
Brexit-Gegner und -Befürworter machen Stimmung in London.
Bild: Bloomberg

Beide Lager verschärften unterdessen die Tonart. Die EU-Befürworter veröffentlichten ein Plakat, auf dem eine geöffnete Tür in die Dunkelheit führt mit dem Slogan: "Geh und es wird keinen Weg zurück geben". Die EU-feindliche Partei UKIP konterte mit dem Poster eines Staus und titelte in Anspielung auf die von ihnen angenommene Masseneinwanderung: "Die Schule ist überfüllt". In Berlin stimmte Finanzminister Wolfgang Schäuble die Deutschen auf "erhebliche Schäden" ein, sollte die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas aus der EU austreten.

In einer Umfrage des Instituts ORB für den "Daily Telegraph" legten die EU-Anhänger auf 53 Prozent zu, während ihre Kontrahenten auf 46 Prozent fielen. Auch das Sozial-Institut NatCen sah die Brexit-Gegner mit 53 Prozent vor den Austritts-Befürwortern mit 47 Prozent. Dagegen sprachen sich in einer YouGov-Umfrage für die "Times" 44 Prozent für den Brexit aus und 42 Prozent dagegen. In den Wettbüros lagen die Quoten für einen EU-Verbleib bei 75 Prozent, nachdem sie noch am Montag die 80-Prozent-Marke geknackt hatten.

Londoner Börse reagiert sofort auf Brexit-Umfrage

Die Londoner Börse regierte sofort, der Aktien-Leitindex "Footsie" gab zunächst 0,2 Prozent auf 6193 Punkte nach. Auch das Pfund fiel auf das Vortagesniveau von 1,4680 Dollar, nachdem es zunächst um 0,8 Prozent gestiegen war. Der Euro musste ebenfalls Federn lassen und rutschte nach Bekanntwerden der Umfrage auf 1,1290 Dollar, nachdem er am Morgen noch bei 1,1349 Dollar gelegen hatte.

Die Brexit-Befürworter konzentrierten ihre Argumentation auf Warnungen vor einer unkontrollierten Einwanderung. Der frühere Berater von Premierminister David Cameron, Steve Hilton, erklärte, dem Regierungschef sei schon vor vier Jahren erklärt worden, in der EU seien Begrenzungen des Zuzugs von Ausländern nicht zu erreichen. Cameron wies das im Sender ITV zurück: "Es gibt gute Wege die Zuwanderung zu gestalten (...) aber aus dem gemeinsamen Markt auszutreten und unsere Wirtschaft zu ruinieren, ist ein schlechter Weg."

David Beckham warnt vor Brexit

Angesichts der knappen Umfragewerte mischen sich auch immer mehr Prominente in den Wahlkampf ein. Der populäre Fussballer David Beckham schlug sich auf die Seite der EU-Befürworter und erklärte: "Für unsere Kinder und deren Kinder sollten wir die Probleme dieser Welt gemeinsam angehen und nicht alleine." Aus den USA meldete sich der Milliardär und Investor George Soros zu Wort und warnte, ein Brexit werde sich auf das Pfund ähnlich auswirken wie 1967, als der damalige Premierminister Harold Wilson die Währung gegenüber dem Dollar von 2,80 Pfund auf 2,40 Pfund abgewertet habe.

In Deutschland beklagte Schäuble, "Europa ist nicht in einer guten Verfassung". Nicht nur in Großbritannien, sondern praktisch in allen EU-Ländern gebe es eine wachsende Skepsis gegenüber dem europäischen Einigungsprojekt. Nötig seien Reformen, damit Europa besser funktioniere. Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte mit Blick auf Großbritannien nationale Alleingänge. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnt das Brexit-Lager davor, auf ein Entgegenkommen der EU zu spekulieren. "Wer geht, geht", sagt er dem "Tagesspiegel".

(Reuters)