Brexit könnte Schweizer Banken in die Hände spielen

Sollten sich die Briten kommende Woche für einen EU-Austritt entscheiden, dürften die Telefone bei den Schweizer Privatbanken nicht mehr stillstehen.
20.06.2016 02:11

Inmitten der zu erwartenden Turbulenzen an den Finanzmärkten wären die Reichen dieser Welt auf der Suche nach einem sicheren Platz für ihre Millionen. In der Schweiz könnten sie fündig werden. Brachenexperten erwarten daher im Falle eines Brexits Geldzuflüsse für Schweizer Vermögensverwalter. Denn die Alpenrepublik bietet alles, was sich Millionäre und Milliardäre als Zufluchtsort für ihr Vermögen wünschen: Finanzielle und politische Stabilität, Rechtssicherheit, Vertraulichkeit, professionelle Berater und den Zugang zu internationalen Finanzmärkten.

Die Schweiz ist nach Angaben der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) mit ausländischen Vermögenswerten von 2,3 Billionen Dollar bereits heute der wichtigste Ort, an dem Kunden aus aller Welt ihr Geld horten. Hier haben grosse Vermögensverwalter wie UBS und Credit Suisse ihren Sitz. An zweiter Stelle rangiert mit einem ausländischen Vermögen von 1,3 Billionen Dollar Grossbritannien.

In der Hauptstadt London leben so viele Milliardäre, wie nirgends sonst auf der Welt: Hier tummeln sich asiatische Unternehmer neben russischen Oligarchen. Doch ein Brexit brächte weitreichende Änderungen für den britischen Finanzplatz mit sich. "Im Wealth Management wird die Schweiz wahrscheinlich vom Brexit profitieren", sagt der Schweizer BCG-Chairman Matthias Naumann.

"Wann immer es Unsicherheit gibt, kommt der Sichere-Hafen-Effekt zum Tragen", erläutert auch UBS-Wealth-Management-Chef Jürg Zeltner auf einer Reuters-Wealth-Management-Veranstaltung. "Etwas davon werden wir mit Sicherheit sehen." Kriege und politische Spannungen haben der Schweiz immer wieder Geldzuflüsse beschert, zuletzt während der Eurokrise. Die Milliarden, die damals in das das neutrale Land strömten, halfen den Banken, die Abflüsse in Zusammenhang mit dem Ende des Bankgeheimnisses abzufedern.

An den Finanzmärkten würde es nach Einschätzung von Zeltner einige Zeit dauern, bis die Anleger einen Brexit verdaut hätten. "Erstmal würden alle schockiert sein, wenn Grossbritannien austreten würde", sagte er. Viele der vermögenden Kunden seien angesichts der niedrigen Zinsen, dem Ratespiel um die US-Zinswende und der schwächelnden Konjunktur in China ohnedies verunsichert und würden teilweise mehr als 30 Prozent ihres Vermögens in bar halten. "Bei grossen Korrekturen versuchen Kunden als erstes ihr Vermögen zu schützen", sagte Zeltner.

Franken auf Höhenflug

Wie stark gefragt die Schweiz als Hort der Stabilität ist, zeigt die Entwicklung an den Devisenmärkten: Allein in der vergangenen Woche hat der Schweizer Franken zum Euro mehr als zwei Prozent an Wert gewonnen. "Immer, wenn es Verunsicherung gibt, werden der Schweizer Franken und die Schweiz als sicherer Hafen angesehen", sagte Credit-Suisse-Divisionsleiter Iqbal Khan.

Der jüngste Höhenflug des Frankens stehe stellvertretend für diese Rolle - "nicht nur in Bezug auf den Brexit, sondern generell", sagte Khan auf dem Reuters-Wealth-Management-Summit. In seiner Division sind das Geschäft mit vermögenden Privatkunden (Private Banking) in Europa, dem Nahen Osten und Südamerika sowie mit Profikunden wie Pensionskassen (Asset Management) gebündelt.

Zusätzlich zu einem möglichen EU-Austritt treibt die Superreichen der Insel noch eine andere Sorge um: Im vergangenen Sommer hatte die britische Regierung angekündigt, Steuererleichterungen für Menschen mit Wohnsitz ausserhalb Grossbritanniens aufzuheben. Diesen "Non-Domicile"-Steuerstatus hatten viele Wohlhabende genutzt, um Abgaben zu vermeiden. "Ein Brexit könnte jetzt der Funken sein, der das Ganze zum Explodieren bringt", sagte ein Berater und ehemaliger Spitzenmanager einer Schweizer Grossbank. Viele Kunden von Banken in London prüften angesichts der Änderungen der Non-Doms-Regeln ohnehin, einen Teil der Gelder abzuziehen.

Doch was genau bei einem Brexit passiert, ist offen. Einige Experten haben Zweifel, dass vermögende Kunden tatsächlich Milliarden von der Insel abziehen und in die Schweiz stecken. Schliesslich sei auch die Schweiz kein EU-Mitglied. Zudem ändere sich das politische und rechtliche System in Grossbritannien nicht über Nacht, argumentieren sie. Grund genug für einige Schweizer Geldhäuser, erstmal abzuwarten und sich nicht im Detail auf alle möglichen Szenarien vorzubereiten. "Wir wollen kein Geld für Berater ausgeben. Wir beginnen erst, wenn wir wissen, wie das Ergebnis ausfällt", sagte ein Banker. 

(Reuters)