Brexit-Verhandlungen - Pfund bleibt unberechenbar

Die Brexit-Verhandlungen zwischen Grossbritannien und der EU werden das britische Pfund nach Einschätzung eines Experten weiter auf Berg- und Talfahrt schicken.
28.05.2017 15:06
Das englische Pfund hat seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 rund 20 Prozent zum Euro verloren.
Das englische Pfund hat seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 rund 20 Prozent zum Euro verloren.
Bild: Pixabay

"Das "Schlagzeilen-Risiko" (headline risk) ist sehr hoch für das Pfund", sagte James Athey, Top-Manager beim Vermögensverwalter Aberdeen Asset Management, der Deutschen Presse-Agentur.

Die zu erwartende Mischung aus euroskeptischen Aussagen, harten Verhandlungsankündigungen und beschwichtigenden Tönen werde den Kurs des Sterlings durcheinanderwirbeln. "Aber auf lange Sicht erwarte ich viel Positives und daher einen Kursanstieg des Pfunds", erklärte der Finanzexperte. Die britische Währung war seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 um rund 20 Prozent im Verhältnis zum Euro eingebrochen.

Die vorgezogene Wahl in Grossbritannien am 8. Juni hingegen werde kaum Auswirkungen auf den Kurs haben, glaubt Athey. Die Märkte hätten einen klaren Erfolg von Regierungschefin Theresa May und ihrer konservativen Partei bereits in die Kurse eingepreist. "Viel wichtiger für das Pfund sind die Wirtschaftsdaten, inwiefern die Inflation weiter steigt, inwiefern die Gehälter nicht mit der Inflation mithalten."

Dynamischer Arbeitsmarkt

Derzeit würden die Arbeitsmarktdaten darauf hinweisen, dass das Jobwachstum "in angemessenem Tempo" andauere. So seien in den vergangenen drei Monaten in Grossbritannien rund 122'000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden.

Zur britischen Wirtschaft zeigte sich Athey insgesamt zuversichtlich. "Etwa 95 Prozent der Unternehmen im Vereinigten Königreich exportieren nicht in die EU", sagte der Manager mit Blick auf alle Betriebe im Land. "Es ist eine sehr London-zentrierte Sicht, die Veränderungen wegen des Brexits durch die Augen globaler Konzerne zu sehen, die viel anfälliger sind für globale Probleme."

Vielmehr werde die breite Mehrheit der britischen Firmen keine Veränderung erleben. Die "sehr flexible und sehr offene" Wirtschaft sehe bereits jetzt ein grösseres Wachstum im Handel mit Ländern ausserhalb der EU als mit der Gemeinschaft.

Abhängig von Konsum und Importen

Zugleich räumte Athey ein, dass Grossbritannien bisher keine ausbalancierte Wirtschaft habe - man sei zu abhängig von Konsum und Importen. Dadurch sei ein grosses Aussenhandelsdefizit entstanden, das wiederum zu "einem Stück weit Verletzlichkeit und Instabilität" geführt habe. Daher sei der Kursrutsch des Pfunds nur zu begrüssen: "Der starke Fall des Sterlings war eine der natürlichsten Ausbalancierungen dieser früheren Unausgewogenheiten." Ein schwaches Pfund zum Euro und Dollar macht Exporte britischer Firmen günstiger.

Für die Zukunft erwartet Athey ein grösseres wirtschaftliches Engagement der britischen Regierung in einigen Bereichen, die bisher stark von der EU gefördert wurden. London müsse diese Lücke füllen.

Anlass zu grossen Hoffnungen biete die Fischindustrie, die - "teils wegen Missmanagements, teils wegen schlechter EU-Entscheidungen" - in miserablem Zustand sei. "Diese Branche kann sehr schnell einen wichtigen Beitrag zum Bruttoinlandprodukt beitragen", sagte Athey. "Wir haben sehr reiche Fischgründe, die müssen wir stärker anzapfen."

(AWP)