Britische Aktien sind europaweit Spitze

Rule Britannia - das gilt zumindest am Aktienmarkt: Investoren, die britischen Aktien während der jüngsten Ausverkaufswelle die Stange gehalten haben, sind im bisherigen Jahresverlauf relativ gut gefahren.
21.02.2016 20:42
Ein Nervenzentrum der globalen Finanzwelt: Die Londoner City.
Ein Nervenzentrum der globalen Finanzwelt: Die Londoner City.
Bild: cash

Zwar ist auch der Londoner Benchmark-Index FTSE 100 seit Anfang Januar mit 3,4 Prozent im Minus, doch steht er damit deutlich besser da als der Euro Stoxx 50 mit seinem rund dreimal so hohen Verlust. Gefragt sind vor allem ETFs, die die Entwicklung der im FTSE 100 gelisteten Titel abbilden.

Die Aktien, die dafür gesorgt haben, dass der FTSE 100 über die vergangenen vier Jahre eine Performance unter dem Durchschnitt lieferte, sind diejenigen, die ihm jetzt zu einem besseren Abschneiden verhelfen. Die Bergbaukonzerne Randgold Resources und Anglo American sind seit Jahresbeginn um über 47 Prozent gestiegen. Dahinter stehen die Rally des Goldpreises sowie die Massnahmen, die die Bergbaukonzerne gegen den Preisverfall an den Rohstoffmärkten ergriffen haben.

Aber auch die Supermarktkette Tesco und der Triebwerkhersteller Rolls Royce Holdings - beide unter den grössten Verlierern des Vorjahres - haben seit Jahresbeginn mit am besten abgeschnitten. Selbst britische Finanzwerte, die ein Fünftel des Benchmark-Indexes ausmachen, kommen derzeit besser weg als ihre Wettbewerber auf dem europäischen Festland.

Prügelknaben werden belohnt

"Die Unternehmen, die letztes Jahr verprügelt wurden, werden jetzt belohnt," sagte Alan Higgins, Chief Investment Officer bei Coutts in London. "Es ist ihnen gelungen, das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen und eine sehr positive Botschaft auszusenden, dass sie nämlich ihre Probleme aktiv angehen. Das trägt zu dem starken Erholungseffekt für den FTSE 100 bei."

Anglo American kündigte diese Woche einen Abbau von Schulden sowie den Verkauf weiterer Bergwerke an. Der Konzern zieht sich aus dem Geschäft mit Kohle und Eisenerz zurück und konzentriert sich auf Diamanten, Platin und Kupfer. Glencore, deren Aktienkurs seit Jahresbeginn um 33 Prozent gestiegen ist, hat neue Kreditvereinbarungen unterzeichnet - ein Beleg dafür, dass die Kreditgeber Vertrauen in die Sanierungsbemühungen des Unternehmens haben. Bei Tesco, wo die vergangenen sechs Jahre von Verlusten gekennzeichnet waren, hat der Aktienkurs seit Anfang Januar 25 Prozent zugelegt, nachdem der Umsatzrückgang zum Stillstand gekommen ist. Die Titel von Rolls Royce haben um 18 Prozent zugelegt nachdem eine Serie von Gewinnwarnungen zu Ende ging.

Der FTSE 100 kletterte am Mittwoch den vierten Tag in Folge - eine so lange Erfolgsstrecke hat der Index in diesem Jahr noch nicht erlebt. Am Donnerstag gab er hingegen bis zum frühen Nachmittag um 0,5 Prozent nach. Anglo American gaben nach einer Rating-Abstufung durch S&P einen Teil ihrer zuvor kräftigen Gewinne ab.

Brexit und EZB

Welche Auswirkungen hätte aber ein Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union? Der FTSE 250 Index und der FTSE Small Capitalisation Index sind nicht so stark gefallen wie der Euro Stoxx 50 - ein Zeichen dafür, dass die Sorgen um kleinere Unternehmen, die am stärksten gefährdet wären, am Markt noch nicht in vollem Umfang angekommen sind. Es gibt Beobachter, die hier ein Risiko sehen. Was die Anleihemärkte betrifft, so gehören Gilts unter den Staatsanleihen der wichtigsten Emittenten in diesem Jahr von der Performance her zur Spitzengruppe. Am Mittwoch platzierte Grossbritannien Anleihen zu rekordtiefen Renditen.

Im Rest Europas häufen sich die Sorgen über die Wirksamkeit der Stimulierung durch die Europäische Zentralbank. Notleidende Kredite in den Bilanzen italienischer Banken lasteten besonders schwer auf dem regionalen Aktienmarkt-Index. Dieser hat seit seinem Hoch im vergangenen April bis zu 30 Prozent eingebüsst. Beim Vanguard FTSE Europe ETF und dem WisdomTree Europe Hedged Equity Fund - den beiden grössten börsengehandelten Fonds mit Schwerpunkt auf Aktien aus der Region - hatte das Mittelabflüsse zur Folge.

ETFs mit Schwerpunkt britische Aktien gelten dagegen als attraktiv. Der iShares Core FTSE 100 UCITS ETF und der Vanguard FTSE 100 UCITS ETF haben zusammen in diesem Jahr fast 257 Mio. Dollar eingesammelt.

"Es ist absurd: zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt für Rohstoffe erleben wir eine Aktienpreis-Rally aufgrund von Wetten darauf, dass die Unternehmen aus dieser Branche sich schützen können," sagte Justin Urquhart Stewart, Mitgründer von Seven Investment Management in London. "Der FTSE 100 hat 2016 von diesem bemerkenswerten Stimmungswechsel profitiert."

(Bloomberg)