Britische Notenbank nach Brexit als Feuerwehr gefragt

Nach dem Brexit-Votum werden die Währungshüter in London im Hochsommer voraussichtlich zu einem Feuerwehreinsatz ausrücken müssen.
01.07.2016 15:17
Portemonnaie mit englischen Pfund.
Portemonnaie mit englischen Pfund.
Bild: ZVG

Mit niedrigeren Leitzinsen und womöglich einer noch grösseren Geldflut könnte sich die Bank of England (BoE) gegen eine drohende Rezession in Grossbritannien stemmen. BoE-Chef Mark Carney hat bereits einen Zeitplan vorgegeben: Der Führungsstab will am 14. Juli die Lage beurteilen, am 4. August sollen dann konkrete Löschmassnahmen ins Auge gefasst werden.

Ökonom James Knightley von der Bank ING erwartet, dass die Notenbank die historisch niedrigen Zinsen um einen Viertelpunkt auf ein Rekordtief von 0,25 Prozent kappen wird: "Womöglich werden darüber hinaus die Geldschleusen weiter geöffnet und zusätzliche Anreize zur Kreditvergabe gesetzt."

Knightley geht wie auch Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau davon aus, dass Grossbritannien 2017 in eine Rezession rutschen wird. Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer rechnet sogar damit, dass es bereits dieses Jahr soweit sein könnte, da etliche Unternehmen ihre Investitionsvorhaben nach dem Brexit-Votum nun überdenken: "Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im dritten Quartal wohl um 0,4 Prozent schrumpfen. Auch zum Jahresende wird der Abwärtstrend wohl anhalten", warnt der Ökonom. Zuletzt war die Wirtschaft auf der Insel vielfach so stark gewachsen wie sonst kein anderes Land im Kreis der grossen Industriestaaten.

Zinssenkungen im Juli und im August erwartet

Die Währungshüter in London hatten vor dem Votum für einen EU-Austritt mehrfach gewarnt, diese Entscheidung erhöhe das Risiko einer Rezession. Carney befürchtet zudem, dass der Finanzstandort London schweren Schaden nimmt, wenn sich das Land von der EU abkoppelt. Doch ob sich die Schäden für die Wirtschaft bereits in den nächsten Wochen klar zeigen, ist ungewiss. "Die Märkte rechnen mit Zinssenkungen im Juli und August. Doch ich denke, im laufenden Monat wäre es wohl noch zu früh für einen solchen Schritt", meint Analyst Nathan Sage vom Finanzhaus PhilippCapital UK.

Carney hatte bereits nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses am Freitag den Banken zusätzliche 250 Milliarden Pfund zugesichert, um Engpässe in der Geldversorgung zu verhindern. Nun könnte die Notenbank den Hebel zudem mit einer Ausweitung des bislang auf 375 Milliarden Pfund ausgelegten Anleihen-Kaufprogramms ansetzen.

Mit einer Zinssenkung würde Carney einen weiteren Pflock gegen ein Abrutschen der Wirtschaft einrammen. Dabei hatte die Notenbank eigentlich angesichts der rund laufenden Konjunktur für die Zukunft eine Erhöhung ins Auge gefasst, auch wenn für dieses Jahr kein Schritt geplant war. Nun heisst es umdenken. Carney zufolge gibt es allerdings Grenzen, wie weit die Notenbank dabei gehen kann. Zu niedrige oder sogar negative Zinsen würden die Gewinne der Banken beeinträchtigen, was die Kreditvergabe bremsen könnte. Vor dem Jahresende dürfte der Zins dennoch bei null oder nur knapp darüber liegen", prophezeit ING-Ökonom Knightley.

(Reuters)