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«China weiss selber nicht, wie's weitergeht»

Für Alfred Herbert ist die China-Krise noch nicht ausgestanden. Der cash-Guru analysiert die Folgen für den Schweizer Aktienmarkt und verrät auch, welche der beiden grossen Pharmaaktien im Moment die bessere Wahl ist.
29.01.2016 11:05
Von Marc Forster
cash-Guru Alfred Herbert im Börsen-Talk.
Bild: cash

"Ich glaube, dass China weiter vor grossen Problemen steht", sagt Alfred Herbert im cash-Börsen-Talk. Das Wachstum der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt ist 2015 auf historisch tiefe 6,9 Prozent gefallen, während die Regierung mit Interventionen versucht, das System zu stabiliseren. Laut Herbert aber mit zweifelhaftem Erfolg: Die Dogmen der kommunistischen Führung in Peking liessen sich letztlich nicht auf das kapitalistische System übertragen.

Auch das Agieren der People's Bank of China, der Pekinger Notenbank, mit Geldspritzen hält der cash-Guru für eher glücklos. Die Währungshüter agieren seiner Ansicht nach nicht, sie reagieren nur noch: "Die Notenbank hat versucht, ihre Währung à tout prix als Weltwährung zu etablieren, und sind dabei prompt 'in den Hammer hineingelaufen'. Sie wissen selber nicht, wie es weitergeht." China sei auf dem Weg eines schmerzlichen, aber notwendigen Lernprozesses.

Jetzt im SMI einsteigen?

Von den weltweiten Aktienmärkten, die von der Krise um Chinas Wachstum - wie auch vom massiv fallenden Ölpreis - getroffen worden sind, sei der Schweizer Markt immer noch einer der besten, oder wie Herbert sagt: "Einer der am wenigsten schlechten." Aktuell steht der SMI um 7 Prozent unter Jahresbeginn, aber der deutsche Dax oder der Dow Jones in New York liegen zwischen 8 und 10 Prozent im Minus.

Herbert sieht den Grund für das relativ bessere Abscheiden der Schweizer Aktien vor allem in einer robusten Unternehmenslandschaft und dem Franken, der sich bei einem Wechselkurs von 1,10 Franken für den Euro einpendeln dürfte: "Ein Segen für die Nationalbank - und die Industrie!" Der Franken sei derzeit etwas weniger als Fluchtwährung gefragt.

Am schlechten Jahresauftakt an der Börse kann Herbert auch eine positive Facette abgewinnen: "Für die Anleger ist es besser, wenn es gleich zum Jahresbeginn anfängt zu regnen und stürmen. Dann wissen sie, woran sie sind." Für langfristig orientierte Anleger sei jetzt, wo der SMI nahe an der 8000-Punkte-Grenze operiert, ein guter Zeitpunkt zum Einsteigen. Kurzfristig bleibe die Lage aber schwierig.

Klare Präferenz bei Pharmatiteln

Nachdem die beiden Basler Pharmariesen Roche und Novartis für ihre 2015er Jahren gemischte Reaktionen bekommen haben, steht für Herbert die Präferenz fest: Er setzt klar auf Roche. "In guten Zeiten geht es denen sehr gut, in schlechten Zeiten geht es denen nicht schlecht": Ein Grund, den "Bon" (Genussschein) des Pharmaanbieters zu kaufen oder zu halten: Roche hat zum 29. Male die Dividende erhöht.

Novartis hingegen stehe vor einigen Problemen: Der Konzerumbau sei ein "schwerer Brocken", und mit der Augenpflege-Sparte Alcon gebe es auch weiter Schwierigkeiten. Die Novartis-Aktie hat innerhalb eines Jahres fast 10 Prozent verloren, während Roche im selben Zeitraum um 6,6 Prozent gefallen sind. Was laut Herbert aber für Roche spricht, ist die Anlagepolitik von Fonds. Diese müssten einen gewissen Teil ihrer Aktien in Pharmatiteln halten, und wenn Novartis an Attraktivität verliere, fliesse das Geld unweigerlich in Roche-Bons.

Dividendenkürzung bei der Zurich?

Bezüglich der Zurich-Aktie, die seit Januar 2015 einen Viertel an Wert verloren hat, wartet Herbert noch mit einer für Anleger unerfreulichen Prognose auf: Er kann sich vorstellen, dass der krisengeplagte Weltkonzern die Dividende kürzen könnte. Mit einer hohen Dividendenrendite von 7,6 Prozent geniessen die Aktien einen guten Ruf bei Investoren.

2015 sei generell ein schlechtes Jahr für die Versicherer gewesen, sagt der cash-Guru. Herbert glaubt aber auch, operative Probleme würden den Weltkonzern noch eine Weile im Atem halten. Das Schadengeschäft muss saniert werden, und nach der gescheiterten Übernahme der Royal & Sun Alliance in Grossbritannien muss sich die wachstumsorientierte Zurich neue Übernahmeziele suchen.

Zwei positive Einschätzungen zu Zurich hält Herbert aber ebenfalls bereit: Erstens sei der neue CEO Mario Greco der richtige Mann auf der Kommandobrücke des schlingernden Dampfers: "Wenn es einer richten kann, dann er." Greco hat bis 2012 bereits für die Zurich gearbeitet und in der Zwischenzeit den italienischen Versicherer Generali wieder auf Kurs gebracht. Zweitens ist aus Sicht des cash-Gurus die grundlegende Ertragskraft des weltumspannenden Unternehmens Zurich immer noch intakt.

Im cash-Börsen-Talk sagt Alfred Herbert auch, was er von den Grossbanken UBS und Credit Suisse erwartet, die in der nächsten Woche ihre Zahlen für 2015 vorlegen werden. Er äussert sich auch zu den Erfolgschancen von CS-Chef Tidjane Thiam beim Umbau der zweitgrössten Schweizer Bank.