Chinas Milliarden führen Europas Fussball in Versuchung

Fussball ist Chefsache in China. Die Volksrepublik soll auch Fussball-Weltmacht werden. Dafür setzen Investoren ansehliche Geldsummen ein.
25.08.2016 11:00
Inter Mailand Saison 2015/2016: Der Verein gehört neu einem chinesischen Investor.
Inter Mailand Saison 2015/2016: Der Verein gehört neu einem chinesischen Investor.
Bild: ZVG

Die Ausbreitung der Weltsportart Nummer eins wird in China massgeblich von Präsident Xi Jinping unterstützt, nach dessen Willen die Volksrepublik bis 2050 auch in diesem Feld zur Supermacht aufsteigen soll. Dazu wird nicht nur die von Wettskandalen gebeutelte heimische Liga aufpoliert, wo die Gehälter mancher Stars im internationalen Vergleich zu den höchsten gehören und zuletzt Ex-FC-Bayern-Trainer Felix Magath und der brasilianische Nationalspieler Hulk angeheuert haben. Mitten im Gange ist auch eine aggressive Einkaufstour chinesischer Investoren, die sich vor allem in Europa einen hochrangigen Verein nach dem anderen greifen. Allein seit Dezember vergangenen Jahres wurden Deals im Wert von insgesamt drei Milliarden Dollar bekanntgemacht.

"Es wird immer deutlicher, dass China eine grosse Adresse im Weltfussball werden will", sagt David Bick aus London, der sich auf Finanzierungen in diesem Geschäftsbereich spezialisiert hat. An vorderster Front engagiert sich der reichste Mann des Landes, der Immobilienmogul Wang Jianlin. Dessen Mischkonzern Dalian Wanda ist bereits ein Top-Sponsor des Weltfussballverbandes Fifa und besitzt 20 Prozent am spanischen Spitzenclub Atletico Madrid.

Das ganz grosse Rad dreht auch der Elektronikhandelsriese Suning Commerce, der ein weltweites Fussballimperium anstrebt, das neben Vereinen auch Verwertungsrechte umfasst. Zum FC Barcelona und dem FC Liverpool bestehen bereits Geschäftsverbindungen. Im Juni sorgte Suning für einen Paukenschlag und kaufte den italienischen Traditionsverein Inter Mailand. Auch Stadtrivale AC Mailand, der lange dem Medienunternehmer und früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehörte, ging zuletzt an ein Konsortium aus der Volksrepublik.

Einkaufstour in England

Besonders gross ist das Interesse an Clubs aus England, dem Mutterland des Fussballs. Dafür sorgen nicht zuletzt die überaus üppigen TV-Gelder, mit denen die dortigen Vereine massenweise ausländische Top-Spieler ködern. Hohe Ambitionen hat etwa Manchester City, das zusätzlich zum Hauptaktionär aus Abu Dhabi auch Chinesen in den Eignerkreis holte. Mit deren Hilfe sicherte sich City die Dienste von Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola sowie der deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Leroy Sané.

Auch die Wolverhampton Wanderers, Aston Villa und West Bromwich Albion wurden an chinesische Käufer abgegeben. Insidern zufolge sind zudem Hull City und weitere Clubs in Gesprächen mit Interessenten aus dem Reich der Mitte. Insbesondere richten sich die Begehrlichkeiten auf den von Jürgen Klopp trainierten Traditionsclub FC Liverpool. Nach Auskunft einer mit der Angelegenheit vertrauten Person besteht reges Interesse an einem Einstieg. Genannt wurden unter anderem der Finanzkonzern Everbright, Wangs Konglomerat Dalian Wanda sowie die Beteiligungsgesellschaft Fosun, die bereits die Wolverhampton Wanderers übernommen hat.

"Die Wahrheit ist, dass die meisten Clubs zum Verkauf stehen, wenn jemand den verlangten Preis zu zahlen bereit ist", sagt die auf das Sportgeschäft spezialisierte Fachanwältin Liz Ellen von der Kanzlei Mishcon de Reya. "Wir werden fast täglich von Vermittlern kontaktiert, die nach einem Deal für chinesische Investoren Ausschau halten."

Buhlen um die Fans in Asien

In Spanien haben sich chinesische Investoren auch bei Espanyol Barcelona eingekauft, in Frankreich bei Olympique Lyon, AJ Auxerre und OGC Nizza. Gerade im Fall des OGC wurde deutlich, dass es den Käufern nicht um Liebhaberei oder Imagepflege geht, sondern um knallharte Rendite. Der neue Eigner ist eine Hotelgruppe, die mit dem Abschluss ihr Reisegeschäft in der Region ankurbeln will.

Für Europas Fussball könnten weitere Milliarden aus China gravierende Umwälzungen bringen. Nennenswerter Widerstand dagegen ist nicht erkennbar. Denn die Clubs suchen nach neuen Geldquellen, um die explodierenden Transfersummen und Gehälter aufbringen zu können. In Deutschland allerdings sind sie der chinesischen Versuchung bislang nicht erlegen. Beteiligungen an Bundesliga-Vereinen sind wegen schärferer Beschränkungen weniger attraktiv. Offen ist, wie lange dies so bleiben wird. Denn zumindest am gigantischen Fanpotenzial in Asien führt kein Weg vorbei. Seit Jahren bereits buhlen dort auch Bayern München und Borussia Dortmund mit Gastspielen um die Gunst der Zuschauer.

(Reuters)