WEF 2015

CNN-Quest: «Wir werden viel Unsinn hören»

cash.ch sprach am Tag vor dem WEF-Start mit CNN-Starmoderator Richard Quest. Er glaubt, dass das Ende der SNB-Mindestgrenze am WEF viel zu reden geben wird - und dass der Schweiz eine Rezession droht.
20.01.2015 19:04
Interview: Daniel Hügli, Davos
Der britische Journalist Richard Quest (53) moderiert bei CNN die Sendung "Quest Means Business".
Der britische Journalist Richard Quest (53) moderiert bei CNN die Sendung "Quest Means Business".
Bild: ZVG

cash: Richard Quest, Sie sind zum 14. Mal am WEF in Davos. Dieses Jahr wird es wegen des Endes der Kursuntergrenze zum Euro für ausländische Besucher besonders teuer...

Richard Quest (lacht): Man kann es drehen, wie man will. Alles ist schlagartig 15 bis 20 Prozent teurer geworden. Das von mir geliebte Steak auf dem Stein im Ochsen hier kostet nun plötzlich 56 Franken. Das Faszinierende an der Aufhebung des Mindestkurses ist aber: Alle kommen an die Mangel. Die Ausländer müssen wegen des aufgewerteten Schweizer Franken mehr bezahlen. Die Schweizer Tourismusindustrie ist aber ebenso betroffen, weil weniger Ausländer kommen und weil die Schweizer selber mehr im Ausland Ferien machen werden. Viele Leute aus dem Ausland denken, dass alle in der Schweiz nun Gewinner sind. Das stimmt nicht. Denken Sie bloss an die Exportindustrie.

Nicht zu vergessen sind die Investoren, die am Schweizer Aktienmarkt Geld verloren haben...

Die Kurse werden wieder zurückkommen, da mache ich mir keine Sorgen. Aber die Schweiz wird in eine Rezession schlittern oder zumindest für eine Weile negatives Wachstum aufweisen. Norwegen, Schweden, Dänemark - all diese Länder müssen wegen der SNB nun ihre Zinsen senken. Es ist ein Beispiel der unglaublichen Komplexität, der wir nun gegenüber stehen.

Das müssen Sie erklären.

In den USA wird man die Leitzinsen bald erhöhen, weil die Wachstumszahlen stimmen. Dasselbe gilt für Grossbritannien. Doch überall droht Deflation. Die Schweiz wird Deflation kriegen, andere Länder ebenso. Wie pumpt man Geld in eine Volkswirtschaft, die bereits mit billigem Geld überschwemmt ist? Die Aktion der SNB ist ein Beispiel dafür, wie schwierig die Situation geworden ist.

Und am Donnerstag kommt dann auch noch die Europäische Zentralbank mit einem Programm von umfangreichen Staatsanleihekäufen?

Ja, die kommen ungefähr drei oder vier Jahre zu spät damit. Sie kommen mit einem Programm, das die USA und Grossbritannien schon lange Zeit eingeführt haben und nun langsam beenden wollen. Auch Japan verfolgt schon lange eine solche Politik. Die EZB ist verantwortlich dafür, dass die Eurozone noch Jahre schwaches Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit haben werden.

Das war doch der Grund, weshalb die SNB die Kursuntergrenze aufgegeben hat? Sie hätte noch jahrelang massiv Euros kaufen müssen, um die Grenze zu verteidigen.

Bei der Einführung des Mindestkurses war die SNB wohl überzeugt, dass diese etwa ein oder zwei Jahre Bestand haben werde. Aber die Dinge in Europa wurden nicht besser. Die Kursuntergrenze war eigentlich gar keine schlechte Sache. Man musste relativ wenig Geld aufwenden, um sie zu verteidigen, und man nahm sie ernst in den Märkten. Mit der bevorstehenden quantitativen Lockerung in der Eurozone realisierte die SNB, dass die Kursuntergrenze keine temporäre Massnahme mehr sein werde. Margaret Thatcher sagte einmal: 'You can't buck the market.'

Alle paar Jahre macht die Schweiz, wie letzte Woche, internationale Schlagzeilen...

...letzte Woche aus falschen Gründen....

Was ich damit fragen will: Ist die SNB-Aktion ein Thema am WEF 2015?

Natürlich klönen alle darüber, dass nun alles teurer geworden ist. Das ist aber nicht ein Thema. Das Thema ist: Aus welchen Gründen hat die SNB die Kursuntergrenze aufgehoben? Und gibt es weitere Länder, die dem SNB-Beispiel folgen werden, etwa Dänemark? Das wäre sehr signifikant. Denn die Kursanbindung in Dänemark ist fundamental und nicht temporär wie in der Schweiz..

Was werden die anderen Themen sein am WEF 2015?

Ich glaube, die diesjährige Ausgabe wird eine der wichtigsten, ernstesten und überladensten überhaupt sein.

Zu viele Themen?

Ja, es wird keinen Fokus haben. Wird es um Wirtschaft gehen? Um Politik? Um militärische Fragen oder Terrorismus? Um Klimawandel? Wir werden sehr viel Unsinn hören am diesjährigen WEF. Es wird sehr viele Leute geben, die wie Hunde herumlaufen, die dem eigenen Schwanz herjagen.

Viele Leute sagen, am WEF wird doch jedes Jahr viel Unsinn erzählt.

(lacht) Dieses Jahr werden wir noch viel mehr Unsinn hören. Weil die Probleme noch viel komplexer sind als sonst.