«CS legt Keim für zukünftige Probleme»

Beide Schweizer Grossbanken haben mit den Jahreszahlen enttäuscht - und wurden an der Börse dafür hart abgestraft. Wie sind UBS und CS für die Zukunft gerüstet? Banken-Experte Guido Versondert gibt Auskunft.
04.02.2016 14:15
Interview: Ivo Ruch
Guido Versondert ist Analyst beim Rating-Spezialisten Independent Credit View.
Guido Versondert ist Analyst beim Rating-Spezialisten Independent Credit View.
Bild: ZVG

cash: Herr Versondert, Sie sind Kreditspezialist bei der Rating-Firma Independent Credit View. UBS- und auch die CS-Aktie wurden an der Börse nach den jüngsten Geschäftszahlen brutal abgestraft. Hatten Sie damit gerechnet?

Guido Versondert: Dass es im derzeitig unsicheren Börsenumfeld starke, teilweise gar übertriebene Reaktionen gibt, ist nachvollziehbar. Und dass ein Teil dieser Reaktionen mit der Unsicherheit über die strategische Weiterentwicklung und die Ertragsperspektiven der Banken zusammenhängt, liegt auf der Hand.

Die Credit Suisse hat den ersten Jahresverlust seit sieben Jahren produziert. Gleichzeitig wurden weitere Restrukturierungsmassnahmen bekannt gegeben. Sehen Sie schon Licht am Ende des Tunnels?

Umstrukturierungen und Anpassungen aufgrund von Veränderungen der Technologie, der Regulierungen oder den Kundenerwartungen ist eine permanente Aufgabe von Banken. Das sollte Alltagsgeschäft sein. Insofern wird es auch keinen eindeutig definierbaren Endpunkt dieses Prozesses geben. Wenn ich mir die aktuelle Analysten-Präsentation der CS anschaue, werde ich das Gefühl nicht los, dass mit viel Kosmetik die Transparenz beeinträchtigt wird. Ein Beispiel ist die neue Darstellung der Divisionen. Im Vergleich mit der UBS muss man sich schon fragen, ob das die künftig erwünschten Resultate bringt. Ich vermute, mit dieser Struktur legt die CS den Keim für zukünftige Probleme. Es bleibt auf jeden Fall noch eine Menge zu tun.

Welche Kennzahlen kommen Ihnen dabei in den Sinn?

Zum Beispiel die Bilanzsummen zum Jahresende: 980 Milliarden Franken bei der UBS, 820 Milliarden bei der CS. Wenn man sich aber die harten Kernkapitalquoten anschaut, wird das Defizit der Credit Suisse deutlich. Bei der UBS liegt der Wert bei 14,5, bei der CS bei 11,7. Das zeigt, wie viel kapitalintensives Geschäft die CS noch in ihren Büchern hat, insbesondere im Investmentbanking. Diesbezüglich hat die CS noch einen langen Weg vor sich.

Betrachtet man die Reaktion an den Börsen, ist das Vertrauen in die neue CS-Strategie kaum vorhanden. Wird sich CEO Tidjane Thiam durchsetzen?

Am Ende hat die Strategie nur Nutzen und Wert, wenn die Ergebnisse auch stimmen. Momentan herrscht diesbezüglich sicher Skepsis, zu Recht wie ich finde. Ein Fazit wird erst in ein bis zwei Jahren möglich sein.

Skepsis ernteten auch die Geschäftszahlen der UBS. Müssen sich die Grossbanken auf Zeiten mit tieferen Renditen einstellen?

Wenn man die Eigenkapitalrenditen von vor 2006 als Vergleich nimmt, ist der Unterschied zur Gegenwart gar nicht so gross. Aus dem aktuellen Marktumfeld gibt es weder von den Zinsen noch von der geopolitischen Entwicklung grosse Unterstützung für Umstrukturierungen wie sie die CS verfolgt. Frühere Kurs-Buchwert-Verhältnisse sind derzeit illusorisch. Zudem sieht sich der gesamte Bankensektor mit viel Misstrauen konfrontiert. Das macht Investitionen in Aktien oder Anleihen von Banken auch nicht attraktiver.

Die UBS hat im Öl- und Gassektor ausstehende Kredite in der Höhe von rund 6 Milliarden Franken, die CS 9 Milliarden. Wie gross sind diesbezüglich die Risiken?

Das ist ein Bruchteil dessen, was diese Banken in der Vergangenheit bei solchen Transaktionen eingegangen sind. Ich sehe dieses Exposure eher als Fiebermesser denn als Krankheit.

Wie schätzen Sie das Risiko von weiteren Rechtsfällen ein?

Kapitalmarktgeschäfte sind wie Fahrten mit dem Auto. Es kann immer eine Busse wegen überhöhter Geschwindigkeit oder Falschparkieren geben. Manche Staaten haben sich mittlerweile ein Geschäft daraus gemacht, Strafen zu vergeben. Es werden weitere Bussen kommen, Zeitpunkt und Höhe sind allerdings ungewiss.

Nehmen Sie aufgrund der Geschäftszahlen Änderungen an ihren Bonitätsratings vor?

Bei der UBS werden wir nichts verändern. Die Bank steht für sich genommen, aber auch im internationalen Vergleich, robust da. Die CS stufen wir etwas vorsichtiger ein, da sie noch mehr Risiken aufweist und stärker von den Verhältnissen an den Märkten abhängt. Aber beide Banken haben vergleichsweise immer noch eine hohe Bonität. International gibt es deutlich schlechtere Beispiele, ganz nach dem Sprichwort: Unter den Blinden ist der Einäugige König.