«CS muss Baustelle für Baustelle abarbeiten»

Die Credit Suisse schreibt zwar rote Zahlen, überrascht die Börse aber positiv. Was ist wirklich vom Quartalsergebnis zu halten und wie ist die Grossbank für die Zukunft gerüstet? Dazu Banken-Experte Guido Versondert.
10.05.2016 12:39
Interview: Ivo Ruch
Guido Versondert ist Bank-Analyst bei Independent Credit View.
Guido Versondert ist Bank-Analyst bei Independent Credit View.
Bild: ZVG

cash: Herr Versondert, die Börse bejubelt die jüngsten CS-Zahlen. Wie haben Sie das Resultat aufgenommen?

Guido Versondert: Wir betrachten in der Regel keine einzelnen Quartale, sondern verfolgen eine längerfristige Perspektive. Aber die Credit Suisse befindet sich klar in einem Jahr des Umbruchs. Diesen Weg wird sie auch noch 2017 beschreiten müssen. Unsere Erwartung an die Konzernleitung bleibt, dass sie Baustelle für Baustelle abarbeiten muss. Das aktuelle Ergebnis ist gewiss nicht besonders gut, aber auch keine Katastrophe. Wenn wir für das Gesamtjahr ein knapp positives Ergebnis sehen für und auch die Kapitalisierung stabil bleibt, dann geht das in Ordnung.

Die Erträge sind im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent eingebrochen. Das tönt dramatisch.

Man sollte aber auch das wirtschaftliche und politische Umfeld berücksichtigen, das für grosse Unsicherheit in der Vermögensverwaltung und im Kapitalmarktgeschäft sorgte. Der Rückbau von risikoreichen Geschäften ist deshalb absolut richtig. Ob diese Ertragszahlen die neue Realität sind? Um das abzuschätzen, ist es noch zu früh. Dennoch: Was ich nicht verdient habe, ist schwierig aufzuholen. Geht man doch davon aus, dass Banken wie die CS bis Ende Mai zwei Drittel ihrer Einnahmen erreichen sollten.

Bleiben die Erträge so tief, muss wohl weiter gespart werden. Werden noch mehr Stellen gestrichen?

Auf der Kostenseite ist bestimmt noch einiges an Arbeit zu leisten. Auf die Dauer bleiben beispielsweise Fragen offen zu den Produktionsstandorten und Prozessen. Wir müssen auch berücksichtigen, dass die Vermögensverwaltung noch nie ein günstiges Geschäft war. Zudem ist das Kapitalmarktgeschäft immer noch zu teuer und die Vergütungsstruktur muss hinterfragt werden. Nicht alles kann auf die Marktsituation abgeschoben werden. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, warum die CS nicht ihr Investmentbanking separat an die Börse bringt, wenn es so Klasse sein soll. Doch offenbar fehlt dazu der Mut oder es dominiert eben doch die Erkenntnis, dass das Geschäft nicht so attraktiv ist.

Die Kapitalquote blieb stabil bei 11,4 Prozent. Ist das schon genug?

Unter den gegebenen Umständen ist das kein schlechtes Resultat, auch wenn es noch keinen Spitzenwert darstellt. Eine Reduktion der risikogewichteten Aktiven um 10 Milliarden darf nicht überbewertet werden. Mittelfristig ist sicher ein weiterer Abbau erstrebenswert, von 284 Milliarden. Bei der Kapitalquote würde langfristig ein Wert von 13 bis 14 Prozent Sinn machen. Früher war die CS eine der überdurchschnittlich kapitalstarken Banken, das ist nicht mehr so.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine weitere Kapitalerhöhung, falls der Gewinn nicht substanziell gesteigert werden kann?

Da die neue Geschäftsleitung gerade erst seitens der Aktionäre eine substantielle Kapitalerhöhung bewilligt bekommen hat, gehen wir davon aus, dass er versuchen wird, kurzfristig vor allem durch Steuerung des Kapitalbedarfs eine weitere Kapitalmassnahme zu vermeiden. Mittelfristig, also etwa 2018, sollte darüber hinaus die Dynamik der Ergebnisse zu einem adäquaten Kapitalaufbau beitragen.

Wie beurteilen Sie die CS im Vergleich mit der UBS?

Wir bewerten die UBS leicht positiver. Die Bank bietet ein günstigeres Risikoprofil und mehr Stabilität. Zudem geht sie schonender mit dem Kapital um. Die UBS kann die positiven Früchte ihres Umbaus bereits ernten.

Wenn Sie CS-CEO Tidjane Thiam ein Zwischenzeugnis ausstellen müssten, wie sähe das aus?

Es ist noch zu früh für ein Urteil. Weder Lob noch Tadel wären zu diesem Zeitpunkt angebracht. Für einen Vergleich mit seinen Vorgängern oder auch mit der Konkurrenz braucht es mehr Zeit. Für uns ist die CEO-Person aber grundsätzlich weniger entscheidend.

Bei unserem letzten Gespräch im Februar bemängelten Sie an der CS insbesondere eine nebulöse, intransparente Struktur. Erkennen Sie diesbezüglich Fortschritte?

Eigentlich nicht. Denn diese Struktur wurde bewusst eingeführt. Wenn ich mir die sechs verschiedenen Divisionen anschaue, dann bleibt diese Kritik bestehen. Bezüglich Überlappungen auf funktionaler und regionaler Ebene bleiben wir skeptisch. Ich glaube nicht, dass dies den gewünschten Erfolg bringen wird.

Sie sind Kreditspezialist bei der Rating-Firma Independent Credit View. Nehmen Sie aufgrund der CS-Geschäftszahlen Änderungen an ihren Bonitätsratings vor?

Ich denke nicht. Unsere Einschätzung der CS-Kreditqualität bleibt von Vorsicht geprägt. Das Kapitalmarktgeschäft ist weiterhin zu gross und die Bank hat schwierige Jahre vor sich. Die jüngsten Resultate waren nicht bombastisch und passen in diesem Sinne zu den Eindrücken aus Aktionärs- oder Kreditperspektive.