Das blüht den Aktien im zweiten Halbjahr

Trotz pessimistischer Vorhersagen verlief das erste Halbjahr für viele Schweizer Aktien erfreulich. cash zeigt nun, was in der kommenden Jahreshälfte auf die Finanztitel verschiedenster Branchen zukommen wird.
14.07.2015 01:05
Von Pascal Züger und Marc Forster
Welchen Aktien gehört das zweite Halbjahr?
Welchen Aktien gehört das zweite Halbjahr?
Bild: ZVG

Noch immer hallt die Wirkung der Auflösung der Frankenbindung in der Schweizer Wirtschaft nach. Exportorientierte Unternehmen leiden am starken Franken und grosse Touristenströme aus dem Ausland bleiben weitgehend aus. Trotzdem wird auch im zweiten Halbjahr nicht nur Trübsal geblasen. cash zeigt die Aussichten einiger Branchen mit investitionswürdigen Titeln.

Banken und Versicherungen: Rechtsfälle, Reformen und Tiefzinsen

Die Banken werden stark von der Zins- und Finanzmarktentwicklung geprägt. Good News haben den Kurs der UBS seit Jahresanfang um 25 Prozent angeschoben: Wichtige Rechtsfälle wurden einigermassen kostengünstig beigelegt. Dies dürfte die grösste Schweizer Bank in die zweite Jahreshälfte begleiten. Analysten schätzen den Rückstellungsbedarf nun tiefer ein, was die Kapitalbasis der Bank sichert. Dies wiederum verspricht höhere Dividenden und, obwohl vieles schon eingepreist ist, einen steigenden Aktienkurs.

Mit den jüngst gebildeten 350 Millionen Dollar Rückstellungen für den US-Steuerstreit nimmt auch bei Julius Bär die Unsicherheit stark ab - und damit die Handlungsfähigkeit zu: Kursavancen für die Aktie, die seit Anfang Jahr um 17 Prozent zugelegt hat, liegen weiter drin. Nicht abgeschlossene Rechtsfälle sind namentlich noch bei EFG und den (teilweise börsenkotierten) Kantonalbanken weiter ein Thema.

Bei der Credit Suisse richten sich alle Augen auf den neuen CEO Tidjane Thiam, der mit einigen Vorschusslorbeeren am Monatsanfang seine Funktion antrat. Die wichtigsten Themen der CS werden seit Monaten diskutiert: Kapitalaufbau, kleinere Investmentbank, Kosten, und der Markt wartet auf Antworten vom neuen CS-Chef. Der Kursanstieg von 12 Prozent seit Anfang Mai deutet darauf hin, dass die Anleger im Moment positiv gestimmt sind. 

Die Versicherungsaktien dürften sich laut Stefan Schürmann, Analyst bei der Bank Vontobel, neutral bis leicht positiv entwickeln. Das Tiefzinsumfeld belastet die Branche weiter, damit bleibt der Druck auf die Anlagerendite bestehen. Aufsichtsthemen wie Solvenz beschäftigen die Branche weiterhin. Sollten Zurich oder Swiss Re bis Ende Jahr wenig Schadenlasten schultern müssen, werden auch erneut sehr gute Dividendenausschüttungen ein Thema. Dies könnte zum Jahresende die Kurse stützen.

Nahrungsmittel: Die Krise ist noch nicht gegessen

Der SPI-Branchenindex "Nahrungsmittel und Getränke" konnte den Schock der Mindestkursauflösung von Mitte Januar noch nicht aufholen, verliert seit Jahresbeginn 0,33 Prozent. "Das Umfeld in der Nahrungsmittelbranche ist derzeit sehr herausfordernd", meint Vontobel-Analyst Jean-Philippe Bertschy. Trotzdem sind die Erwartungen im zweiten Halbjahr bei Lindt & Sprüngli hoch, dank einzigartiger Marktposition und grossem Wachstumspotential in Nordamerika. Die ZKB-Analysten stufen die Aktie von "Marktgewichten" auf "Übergewichten" hoch und sehen das Performancepotential bei plus 11 Prozent. Vontobel empfiehlt ebenfalls ein "Kauf".

Auch Barry Callebaut hat trotz weltwirtschaftlich schwierigem Umfeld hohe Wachstumsziele. Diese könnten allerdings vom neuen CEO Antoine de Saint-Affrique noch nach unten korrigiert werden. Seit Jahresbeginn legte der Titel um 1,3 Prozent zu. Während die ZKB auch hier "Kaufen" rät, ist die Bank Vontobel mit "Halten" vorsichtiger. Vor allem der gegenwärtig hohe Kakaopreis könnte dem Schokoladeverarbeiter das Geschäft vermiesen.

Nestlé-Titel haben seit Jahresbeginn 2,5 Prozent an Wert eingebüsst. Das schwierige Marktumfeld macht dem SMI-Schwergewicht zu schaffen. Positive Töne gibt es jedoch von Analyst Bertschy: Nestlé sei sehr gut positioniert und habe begonnen, nicht rentierende Unternehmensteile abzustossen. Vontobel empfiehlt "Kauf" und sieht das Potential der Aktie bei 80 Franken, bei einem aktuellen Wert von 71 Franken. Credit Suisse und Barclays hingegen bewerten den Titel mit "Halten", während Nomura gar zum Verkauf rät.

Pharma: Die zuverlässigen Schwergewichte

Die defensiven Pharma-Riesen Novartis und Roche aus dem SMI gelten als Fels in der Brandung in Krisenzeiten. Und Novartis hat diesem Ruf wieder einmal alle Ehre gemacht: Die Aktien des Basler Grosskonzerns stiegen seit Jahresbeginn trotz Frankenschock um 6,8 Prozent auf aktuell 99 Franken an. Zahlreiche Analysten sehen für die zweite Jahreshälfte noch weiteres Potential nach oben, zum Beispiel die UBS mit einem Kursziel von 115 Franken – das wäre ein Aufwärtspotential von über 16 Prozent. Die Margen drücken könnten weitere Preisreduktionen bei Medikamenten und nicht durchsetzbare hohe Preise für Neulancierungen.

Etwas harziger verlief die erste Jahreshälfte bei Roche. Die Aktien verloren mit minus 0,1 Prozent seit Jahresbeginn leicht an Wert. Der überraschende Durchbruch eines neuen Medikaments zur Behandlung von Multipler Sklerose könnte dem Biotechnologieunternehmen viel Geld in die Kassen spülen – das Marktpotential wird auf 18 Milliarden Dollar geschätzt. ZKB, Goldman Sachs und Jefferies räumen der Aktie in den nächsten zwölf Monaten noch eine Relativperformance von knapp 10 Prozent ein. Und geben entsprechend eine Kaufempfehlung ab.

Telekommunikation: Dividendenkönig oder labiler Jungspund

Der Telefoniemarkt zeigt sich von den Turbulenzen des ersten Halbjahres unbeeindruckt. Der SPI-Branchenindex "Telekommunikation" legt seit Jahresbeginn um 8,5 Prozent zu. Unumstrittener Marktführer bleibt Swisscom. Ein möglicher Preiskampf, ausgelöst durch den Besitzerwechsel beim Konkurrenten Salt traf nicht ein. Der Wettbewerb wird sich auch in Zukunft hauptsächlich auf Qualitätsebene abspielen. Und da kann Swisscom problemlos mit der Konkurrenz mithalten. Ausserdem spricht auch die konstante Dividendenausschüttung für den Titel.

Die seit Februar 2015 an der Börse kotierte Konkurrentin Sunrise scheint hingegen weitaus labiler. Nach einer Achterbahnfahrt im ersten Halbjahr befindet sich der Titel inzwischen fast 15 Prozent über dem Ausgabepreis von 68 Franken bei aktuell 78 Franken. Die UBS schätzte jüngst das 12-Monats-Kursziel auf 88 Franken, was einem Aufwärtspotential von über 10 Prozent entspricht. Zusätzlich wird in Marktkreisen immer mal wieder gemunkelt, dass Sunrise und Salt zusammenspannen könnten. Konkretisieren sich diese Gerüchte, könnte der Sunrise-Aktienkurs abheben. Wer in Telekom-Firmen investieren will, fährt mit Swisscom auf der sichereren Schiene, hat mit der unberechenbareren Sunrise jedoch auch höhere Gewinnmöglichkeiten.

Industrie: Wer trotz Frankenstärke Chancen hat

Die anstehenden Halbjahreszahlen der Industriefirmen werden angesichts des erstarkten Frankens durchzogen sein. Dazu kommt, dass die Schwellenländer ins Stocken geraten und auch der Dollar vor einem Jahr noch stärker war. Schliesslich wird die erwartete Zinswende in den USA auch Auswirkungen auf die produzierenden Branchen haben. Für die Aktienkurse gut ist aber: Die Verwerfungen vom 15. Januar mit dem Ende der Euro-Franken-Wechselkursgrenze sind im Markt weitgehend eingepreist. Dazu werden der produzierenden Branche auch leichte Konjunkturverbesserungen in Frankreich und Italien helfen.

Bei exportorientierten Unternehmen wie Swatch und Richemont werden die Turbulenzen zu spüren sein. Anlagechef Thomas Della Casa von der neuen Helvetischen Bank nennt weitere Firmen, die unter Druck stehen werden: "Firmen im Ölgeschäft wie Sulzer und Burckhardt Compression werden weiter leiden, vor allem aber auch im Inland produzierende, europalastige Exportunternehmen wie AFG und Belimo." In einer guten Ausgangslage sieht er indessen Sika, Schweiter oder auch u-Blox und Bobst. Bei den Schwergewichten sind Geberit gut aufgestellt, die weitverzweigte ABB als "Baustelle" dürfte weiter keine Überraschungen breithalten.

Industrie-Analyst Sven Bucher von der Zürcher Kantonalbank fügt an: "Für den Markt generell sind wir immer noch moderat optimistisch, auch deswegen, weil es kaum Alternativen zu Aktien gibt."