Das Ende der goldenen Dividendenjahre?

Viele Schweizer Firmen legten für 2015 durchwachsene Zahlen hin - halten aber weiterhin an ihrer Dividende fest oder erhöhen sie gar. Ist das eine nachhaltige Strategie oder werden Probleme unter den Teppich gekehrt?
19.02.2016 06:55
Von Pascal Züger
Schweizer Firmen mischen punkto Dividendenausschüttung ganz vorne mit.
Schweizer Firmen mischen punkto Dividendenausschüttung ganz vorne mit.
Bild: Pixabay

Wenn die Börse kaum mehr vom Fleck kommt und die Zinsen nahe null kleben, stehen Aktien mit konstanten Dividenden hoch im Kurs. Solche Firmen findet man vor allem in der Schweiz. Die hiesigen Firmen gehören zu den grosszügigsten und treuesten Dividendenzahler überhaupt.

Dividenden sind wichtig, um Aktionäre an die Firma zu binden, sagt Gabriel Bartholdi, Aktienstratege von Wellershoff & Partners zu cash. Dies gilt insbesondere auch in Zeiten wie diesen, die geprägt sind von hohen Unsicherheiten an den Märkten. Durch die Dividende teilen Firmen in schwierigen Zeiten ihren Investoren mit: "Seht her, uns geht es prima. Wir lassen uns nicht so schnell unterkriegen."

In den letzten Wochen wurden auf Unternehmensseite reihenweise solcher Signale versendet. Die Dividenden wurden nicht angetastet, obwohl sich die Firmen auf den ersten Blick nicht in einem Top-Zustand befinden: Zurich hält trotz tieferer Gewinnzahlen weiterhin an der grosszügigen Dividende fest. Swisscom verzeichnete letztes Jahr ebenfalls einen tieferen Gewinn, hält die Dividende trotz Margendruck konstant. Die Credit Suisse hält ihre Dividende trotz massiver interner Baustellen bei, die UBS kündete in einem unsicheren Bankenumfeld gar eine Sonderdividende an. Nestlé erfüllt die Wachstumsziele nicht, setzt die Dividende aber nach oben.

Gemäss Experten muss schon einiges passieren, bis Firmen zu einer Dividendenkürzung schreiten. Denn das hätte Folgen: "Durch Kürzungen sendet man ein Schwächesignal nach aussen, was zu grösseren Kursrückschlägen führen könnte", so Bartholdi. Ausserdem käme bei wenig Wachstum in der Branche und gleichzeitig mangelnder Aussicht auf ertragsreiche Projekte der Druck der Investoren, das Geld auszuschütten.

Dividenden als Opium für die Anleger

"Hätte Nestlé die Dividende reduziert, wäre dies einem Erdbeben gleichgekommen", sagt Sven Bucher, Leiter Finanzanalyse der Zürcher Kantonalbank. In Europa hat man am Mittwoch deutlich gesehen, welche Folgen eine Dividendenkürzung hat. Bucher spricht die Ankündigung des deutschen Energiekonzerns RWE an, für gewisse Aktienkategorien die Dividende ganz zu streichen. Als Folge davon fiel die Aktie um 12 Prozent.

Der Verdacht liegt daher nahe, dass Firmen die Dividende nur hoch halten, um die Investoren bei Laune zu halten und gleichzeitig die eigenen Probleme zu vertuschen. Dabei ist eine zu hohe Ausschüttung für Firmen ungesund, da nach und nach die eigene Substanz ausgehöhlt werden kann. Gelder, die für Investitionen und Innovationen hätten verwendet werden können, fliessen aus dem Unternehmen heraus.

Börsenexperte Bucher glaubt allerdings nicht, dass Schweizer Firmen ihre Ausschüttungen nur beibehalten, um es sich nicht mit ihren Aktionären zu verscherzen: "Die Dividendenpolitik der meisten Schweizer Unternehmen ist nachhaltig." Die schlechteren Ergebnisse 2015 seien auch auf die Währungssituation zurückzuführen. Währungsbereinigt sehe es vielfach gar nicht so schlimm aus.

Und auch Bartholdi ist überzeugt, dass die Dividendenpolitik vieler Unternehmen langfristig ausgelegt ist: "Ein oder zwei negative Quartalsergebnisse ändern da kaum etwas." Der Aktienstratege von Wellershoff & Partners rechnet daher auch nicht mit massiven Dividendenkürzungen in der Schweiz, da sich die Firmen trotz belastender Frankenstärke relativ gut behaupten würden.

Vereinzelte Dividendenabschläge wahrscheinlich

Trotzdem ist es denkbar, dass das eine oder andere Unternehmen seine bisher angeschlagene Pace bald nicht mehr durchhalten kann. Denn: Dividenden sind nicht auf ewig fix, und die aktuelle Wirtschaftslage ist nicht sehr rosig, die Stimmung weiterhin getrübt. Frankenstärke und Deindustrialisierung sind hier die Schlagworte. Und angesichts der seit Wochen schiefen Börsenlage weltweit wird da und dort des Öftern wieder das "R"-Wort gebraucht. Das "R" steht für Rezession.

Ein möglicher Kandidat für eine baldige Zäsur in der Dividendenpolitik ist der Versicherer Zurich. In einem Analystenbericht der ZKB ist zu lesen: "Die Dividenden der letzten Geschäftsjahre waren klar zu hoch und entsprachen nicht der erzielten Geschäftsleistung." Der Analyst rechnet für das Geschäftsjahr 2016 mit einer Reduktion der Dividende auf 13 von aktuell 17 Franken pro Aktie. Das entspräche einer Kürzung von 25 Prozent.

Auch Bucher hält eine Dividendenkürzung bei Zurich für möglich, "da man die Absichten des neuen CEO Mario Greco noch nicht kennt". Der Finanzanalyst schliesst in den Kreis der potentiellen "Ausschüttungskürzer" auch andere Schweizer Finanzinstitute und stark rohstoffabhängige Firmen mit ein. Wobei letztere in der Schweiz sehr rar sind.