Das Heimtückische an Börsengängen

In den nächsten Wochen gelangen zwei neue Firmen mit ihren Aktien an die Schweizer Börse. Was Anleger bei Börsengängen grundsätzlich zu beachten haben.
24.06.2015 00:05
Von Ivo Ruch
Die Schweizer Börse wird um zwei Mitglieder reicher.
Die Schweizer Börse wird um zwei Mitglieder reicher.
Bild: Bloomberg

Hoffnungsträger stürzen ab, Mauerblümchen werden zu Kursraketen: Kommt ein Unternehmen an die Börse, entsteht ein anderes Urteil über die Firma als die firmeneigene Sicht. Es urteilt der Markt, das heisst das Angebot und die Nachfrage nach Aktien. Steigende und fallende Aktienkurse vermitteln oft unverblümt den jeweiligen Gesundheitszustand eines Unternehmens.

An der Schweizer Börse SIX liess sich in diesem Jahr erst ein Unternehmen kotieren. Die Telekommunikationsfirma Sunrise Anfang Februar. Der nächste Kandidat, der sich dem breiten Publikum öffnet, ist Plazza. Der bereits kotierte Mischkonzern Conzzeta spaltet unter diesem Namen seinen Immobilienbereich ab und bringt ihn am kommenden Freitag an die SIX. Mit Cassiopea, der Dermatologiesparte des Pharma-Unternehmens Cosmo, soll Anfang Juli das dritte Unternehmen ein IPO an der SIX wagen.

Solche Abspaltungen sind aber nur eine Form, wie neue Aktien entstehen. Für Anleger verlockender und in der Regel aufregender ist in der Regel die Erstnotierung eines Unternehmens ohne vorgängige Börsenerfahrung - wie es eben bei Sunrise der Fall war. Das Unternehmen kam als Ganzes neu an die Börse

Doch eine Verlockung hat auch immer eine Schattenseite. Deshalb sind folgende Punkte im Laufe eines Börsengangs für Anleger von Bedeutung:

Am Anfang des Prozesses steht die Auswahl einer oder mehrerer Banken, die das Unternehmen während des Börsengangs begleiten. Die Banken loten dann das Investoren-Interesse an den neuen Aktien aus. Die breite Öffentlichkeit erfährt erst bei der offiziellen Ankündigung von den Emissionsplänen. In einem nächsten Schritt erstellt das Unternehmen in Zusammenarbeit mit den involvierten Banken den Börsenprospekt. Darin werden Informationen zur bisherigen und erwarteten Firmenentwicklung publiziert und der Unternehmenswert sowie die Anzahl Aktien ermittelt.

Privatanleger am kürzeren Hebel

Nach weiteren Sondierungen, die auch in Form von Roadshows stattfinden können, legen die Banken eine Preisspanne fest, in deren Rahmen die Aktien an die Börse kommen sollen. Der genaue Emissionspreis findet meistens mittels sogenanntem Bookbuilding-Verfahren statt, wobei sich Angebot und Nachfrage von Gesellschaft und Investoren treffen.

Anschliessend werden die Aktien öffentlich zum Verkauf angeboten (Zeichnung). Ist die Nachfrage grösser als das Angebot, gilt der Börsengang als "überzeichnet". Private Anleger ziehen bei attraktiven Angeboten aber sowieso meistens den Kürzeren, weil die Unternehmensführung, die Banken und ihre Grossinvestoren den Vortritt erhalten. Besteht allerdings die Möglichkeit eines Einstiegs, ist aus verschiedenen Gründen Vorsicht geboten. "Unternehmen, die vor dem Börsengang stehen, malen naturgemäss ihre Zukunft meist so positiv wie möglich", sagt Martin Mattes, der sich bei Ernst & Young mit Börsengängen beschäftigt.

Anleger müssen sich deshalb fragen, ob der Unternehmenswert realistisch, der Emissionspreis zu hoch oder zu tief angesetzt ist oder ob in Zukunft mit einer Dividende gerechnet werden kann. Doch bei der Bewertung von Börsenneulingen gibt es einige Unsicherheiten. "Meistens ist der wahre Wert erst nach einer gewissen Zeit ersichtlich", sagt IPO-Experte Mattes. Während etablierte Unternehmen verschiedene Zukunftsszenarien zulassen, ist das bei jungen Pendants nur beschränkt möglich. "Entsprechend sind die Zukunftsaussichten gerade bei Start-ups mit grösseren Unsicherheiten verbunden", so Mattes.

Wo landet das frische Geld?

In der Regel verpflichten sich grosse Aktionärsgruppen und das Management dazu, während einer bestimmten Zeit (Lock-up-Periode) ihre Anteile nicht zu verkaufen. Ist diese auffallend kurz, wollen die Eigentümer wohl nur selbst mitverdienen und glauben nicht an den langfristigen Erfolg.

Zusätzlich ist von Belang, wie das Geld aus dem Börsengang verwendet wird: In die Prosperität des Unternehmens und dadurch zugunsten der Aktionäre oder werden damit die Interessen der Manager und involvierter Banken befriedigt? Vorsicht auch bei der Konsultation von Analystenberichten der Börsenneulinge. Diese stammen meist aus der Feder involvierter Banken und sind in ihrem Interesse nicht ganz unabhängig.

Bei der Erstnotiz, also dem erstmaligen Handel an der Börse, kann der Aktienkurs unter oder über dem Ausgabepreis liegen – je nachdem, ob die neue Aktie am Markt auf Zuspruch oder Verachtung stösst. Oft sind die ersten Schritte auf dem Börsenparkett wackelig, sprich volatil. Erst nachdem sich der Aktienkurs etwas eingependelt hat, sollten Privatanleger einsteigen. Viel zitiertes Beispiel ist diesbezüglich Facebook. Unmittelbar nach dem IPO stürzte der Titel ab, halbierte sich sogar. Danach fand er aber einen soliden Boden und steht mittlerweile 126 Prozent höher als beim Gang an die Börse.

Unterschiedliche Bilanzen

Wie unterschiedlich erfolgreich Börsengänge sein können, zeigt ein Blick in die jüngste Schweizer Vergangenheit. Plazza ist nach Sunrise wie erwähnt der zweite Schweizer Börsenneuling in diesem Jahr. Die Aktie des Telekomunternehmens ist seit dem 6. Februar von 76 auf 81 Franken vorgerückt – ein Plus von 7 Prozent. Ausgerechnet die hohen Kosten für das IPO haben Sunrise im ersten Geschäftsquartal aber einen hohen Verlust beschert und die Aktie an weiteren Kursavancen gehindert.

2014 wagten sich Molecular Partners, die Thurgauer Kantonalbank, Bravofly/lastminute.com, SFS, Hiag und die Glarner Kantonalbank auf das Handelsparkett. Die Bilanz für die entsprechenden Aktien reicht von 64 Prozent Gewinn (Molecular Partners) bis zu 60 Prozent Verlust (lastminute.com).