Das sind die Schock-Szenarien für die Börse

Der Brexit setzt die Märkte unter Spannung. Ein Ausblick auf die zweite Jahreshälfte zeigt, dass weitere heikle Termine und Ereignisse lauern. Eine Übersicht.
13.07.2016 23:05
Von Pascal Züger
Italiens Premierminister Matteo Renzi hat für Oktober ein Referendum angesetzt - eine Abstimmung, welche weitreichende Folgen haben könnte.
Italiens Premierminister Matteo Renzi hat für Oktober ein Referendum angesetzt - eine Abstimmung, welche weitreichende Folgen haben könnte.
Bild: youtube

Das Börsenjahr 2016 hat bisher einiges an Unsicherheit und Unerwartetem gebracht: Zu Jahresbeginn sackten die Kurse wegen Wachstumbedenken um China gleich mal tief runter. In der Folge sorgten ständige Spekulationen über eine US-Zinserhöhung für eine Zick-Zack-Börse. Ende Juni kam der Brexit, welcher viele Anleger auf dem falschen Fuss erwischte.

Wird nun in der zweiten Jahreshälfte alles besser? Mitnichten. "Die berühmte 'Wall of Worry' wird weiter erklommen, die Unsicherheit ist ja nicht kleiner geworden in den Märkten", meint Daniel Egger, Anlagechef bei Maerki Baumann, auf Anfrage von cash. Trotzdem schliesst er an den Börsen auch eine Überraschung nach oben nicht aus. Obwohl - oder gerade weil - so ein Szenario bei vielen Leuten nicht auf dem Radar sei.

An eine solche positive Überraschung glaubt Anastassios Frangulidis hingegen nicht: "Einen grossen Kursanstieg sollte man nicht erwarten", so der Chefökonom der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Die Börse werde in der zweiten Jahreshälfte nicht viel anders verlaufen als in der ersten. Aber auch Korrekturen nach unten seien nur von kurzer Dauer, da die Notenbanken dem entgegenhalten würden.

Fakt ist: Die Brexit-Frage wird die Märkte weiter verunsichern, da unklar bleibt, wie die künftige Zusammenarbeit zwischen der EU und Grossbritannien aussehen wird. Ein Entscheid ist aber nicht mehr in diesem Jahr zu erwarten, die formellen Verhandlungen werden erst zu einem späteren Zeitpunkt aufgenommen.

In diesem Jahr stehen aber andere Termine an, welche die Börse nochmals gehörig durchschütteln könnten. Dabei könnten sich sechs Horrorszenarien für die Märkte ergeben. Hier sind sie, chronologisch angeordnet:

1. China landet hart und zieht die anderen Schwellenländer mit runter

Anfang Jahr noch das Thema schlechthin an den Märkten, wurde China inzwischen vom Brexit etwas aus den Schlagzeilen verdrängt. Zwar wuchs die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal um 6,7 Prozent, doch war das so wenig wie seit sieben Jahren nicht mehr. Darüber hinaus gibt es Zweifel, ob die offiziellen Wachstumszahlen überhaupt wahr sind. Während die Regierung Chinas versichert, die Lage habe sich seit Anfang Jahr stabilisiert, warnen andere Stimmen vor neuen Risiken. Durch die Tiefzinspolitik der Notenbank könnte es zu einer Blase am Immobilienmarkt kommen. Eine harte Landung ist möglich und würde andere Schwellenländer mit in die Tiefe ziehen. Eine globale Rezession wäre die Folge. 

Termine: China-Wirschaftwachstumszahlen am 15.07. und 19.10.

Wahrscheinlichkeit: gering

2. Die US-Notenbank wählt beim Zinsanstieg das falsche Timing

Im letzten Dezember hat die amerikanische Notenbank ihren Leitzins erstmals seit der Finanzkrise angehoben - auf 0,25 bis 0,5 Prozent. Seitdem haben die US-Währungshüter nicht mehr an der Zinsschraube gedreht. Gerüchte über mögliche Zinsschritte sorgen an den Börsen immer mal wieder für Bewegung. Das richtige Timing für den Anstieg zu finden ist gar nicht so leicht: Werden die Zinsen zu früh erhöht, würgt dies die Wirtschaftsleistung ab. Kommt der Anstieg zu spät, könnte eine Inflation die Folge sein, welche schnell mal ausser Kontrolle geraten könnte. Fed-Präsidentin Janet Yellen obliegt die schwierige Aufgabe, den richtigen Zeitpunkt für den Anstieg zu finden. Ursprünglich rechneten die Märkte mit ein bis zwei Zinsschritten in diesem Jahr. Nach dem Brexit geht man inzwischen noch von maximal einem Schritt aus - wenn überhaupt. Am ehesten käme dafür wohl der Termin im Dezember in Frage.

Termin: Fed-Zinsentscheid am 27.07, 21.09., 02.11. und 14.12

Wahrscheinlichkeit: mittel

3. Italiens Banken kollabieren

Der Zustand italienischer Banken ist besorgniserregend. In den vergangenen Jahren haben sie einen Berg an faulen Kredit im Wert von 360 Milliarden Euro angehäuft, bei denen Kunden Probleme mit der Rückzahlung haben. Die italienische Regierung würde ihre kriselnden Institute gerne mit öffentlichen Geldern unterstützen. Gemäss den europäischen Regeln darf aber erst dann staatliches Geld fliessen, wenn zuvor Aktionäre und private Anleger herangezogen wurden (die sogenannte "bail-in"-Regel). Wie schlimm es um Italiens Banken tatsächlich steht, wird der Stresstest am 29. Juli zeigen. "Liegt ein sehr grosser Rekapitalisierungsbedarf vor, dann werden die Märkte ausschlagen", sagt Frangulidis von der ZKB. Die Erfahrung zeige aber, dass es bei solchen Tests "eigentlich nie negative Überraschungen gibt".

Termin: Ergebnis Bankenstresstest am 29.07.

Wahrscheinlichkeit: gering

4. Populisten stürzen in Italien den reformfreudigen Premierminister Matteo Renzi

Der italienische Ministerpräsident kündete für diesen Oktober ein Referendum über seine Verfassungsreformen an. Gleichzeitig liess er verlauten, bei einem "Nein" des Volkes zurückzutreten und Neuwahlen auszurufen. Diese Wahl gilt als sehr wichtig für die weitere Entwicklung der EU: "Wird das Referendum verworfen, führt dies zu einer Fortsetzung des verkalkten politischen Systems in Italien, womit Strukturreformen praktisch unmöglich werden", sagt Egger von Maerki Baumann. Italien wäre dann quasi blockiert, könnte keine Reformen mehr vornehmen. Und das bei einem Schuldenberg von 2300 Milliarden Euro. Ein Vergleich dazu: Das marode Griechenland hat derzeit Staatschulden von "nur" 316 Milliarden Euro. Nutzniesser dieser Situation könnte die euroskeptische Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo werden. Ein politisches Chaos und ein Anfang vom Ende der EU-Mitgliedschaft Italiens wären denkbar.

Termin: Referendum in Italien im Oktober (genaues Datum noch unbestimmt)

Wahrscheinlichkeit: mittel

5. Donald Trump wird neuer US-Präsident

Donald Trump wird am 8. November als Vertreter der Republikaner bei der US-Präsidentschaftswahl gegen Demokratin Hillary Clinton antreten. Wie Amerika unter dem im Wahlkampf oft unflätig auftretenden Trump aussähe, ist schwer einschätzbar, da er bislang nur schwammige Aussagen zur Wirtschaftspolitik machte. Unter Trump würde aber klar die Devise "America First" herrschen, was mit Protektionismus und beschränkter Einwanderung einher käme. Eine Wahl Trumps würde die Märkte aufgrund der Unsicherheit zunächst sicherlich verunsichern. Der weitere Verlauf ist nicht absehbar. Gemäss einer aktuellen Umfrage wird es Trump aber schwer haben, gewählt zu werden: Für Clinton sprechen sich 46 Prozent aus und für Trump 33 Prozent, während 21 Prozent beide Kandidaten ablehnen.

Termin: US-Präsidentschaftswahl am 08.11.

Wahrscheinlichkeit: gering

6. Eine Opec-Absprache lässt den Ölpreis nach oben schiessen 

Ein Überangebot gepaart mit einer nachfrageseitigen Schwäche setzte dem Ölpreis lange Zeit zu - und liess die Aktienmärkte erzittern. Den Tiefpunkt erreichte Öl diesen Januar bei zwischenzeitlichen 27 Dollar pro Barrel der Marke Brent. Aktuell zahlt man wieder knapp 48 Dollar. Förderländer wie Saudi-Arabien brauchen aber unbedingt noch höhere Ölpreise. Am 30. November trifft sich die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) zum nächsten und letzten Mal in diesem Jahr. Man könnte sich auf eine Drosselung der Erdölproduktion einigen, damit die Preise weiter ansteigen. Ein plötzlicher und heftiger Preisanstieg würde die Finanzmärkte schockieren und auch die Wirtschaftsentwicklung beeinträchtigen. Vergangene Treffen haben allerdings gezeigt, dass eine solche Einigung unwahrscheinlich ist.

Termin: Opec-Treffen am 30.11.

Wahrscheinlichkeit: sehr gering