Das unheimliche Comeback der kriselnden Schwellenländer

Brasilien und Russland stecken in einer Rezession und gelten als die Sorgenländer der Weltkonjunktur. Doch die Aktienmärkte boomen. Weshalb dem so ist - und ob sich ein Investment lohnt.
23.08.2016 23:01
Von Pascal Züger
Blick vom Zuckerhut auf Rio de Janeiro, Brasiliens zweitgrösster Stadt.
Blick vom Zuckerhut auf Rio de Janeiro, Brasiliens zweitgrösster Stadt.
Bild: pixabay.com

Nicht nur Olympia-begeisterte Menschen haben in diesem Jahr Ihren Fokus ganz nach Brasilien gerichtet. Auch für Anleger stand das fünftgrösste Land der Welt im Fokus: Der führende brasilianische Aktienindex Bovespa hat in diesem Jahr bereits 33 Prozent zugelegt. Dicht dahinter folgt der russischen Leitindex RTS. In diesem Jahr gewinnt er 28 Prozent an Wert dazu.

Der amerikanische Nasdaq-Index hingegen schafft es im Vergleich dazu nur auf eine mickrige Performance von 5 Prozent. Der Swiss Market Index (SMI) büsst im bisherigen Jahresverlauf gar 8 Prozent ein.

Dass ausgerechnet Brasilien und Russland an der Börse so auftrumpfen, erstaunt: Die beiden Staaten befinden sich in einer wirtschaftlichen Rezession. Brasiliens Wirtschaftsleistung schrumpft seit dem zweiten Quartal 2014 und gleichzeitig steigen die Staatsschulden massiv an. Ein ähnliches Bild in Russland: Hier ist die Wirtschaft 2015 um 3,7 Prozent geschrumpft. Erschwerend kommen wirtschaftliche Sanktionen der EU und von USA hinzu, welche das Land lähmen.

Signalisieren die ansteigenden Aktienmärkte nun das grosse Comeback der Schwellenländer, welche die letzten Jahre bös unter die Räder gekommen sind? Michael Bolliger, Schwellenländer-Experte von der UBS, unterstreicht diese These: "Seit Anfang zweites Quartal beobachten wir einen zunehmenden Trend unter Anlegern, in Schwellenländer zu investieren." Das Interesse gelte dabei den verschiedensten Anlageklassen, etwa Aktien oder auch Anleihen.

Weshalb Schwellenländer, im Speziellen Brasilien und Russland, so einen Auftrieb erhalten haben, hat unterschiedliche Gründe:

Die Politik der Zentralbanken

Viele Zentralbanken wie etwa das US-Fed, die Bank of Japan, die Schweizerische Nationalbank oder die Europäische Zentralbank haben ihre Leitzinsen nahe Null oder gar darunter gesetzt. Gleichzeitig pumpen sie mit unkonventionellen Programmen Liquidität in die Märkte. Die hohe verfügbare Geldmenge stachelt Investoren dazu an, vermehrt höhere Risiken einzugehen und in Schwellenländer zu investieren.

Wenig zu holen in den Industrieländern

Das Wirtschaftswachstum in Europa ist tief. Ausserdem ist auf dem alten Kontinent noch vieles ungewiss: Die Umsetzung des Brexit, Italiens Bankenkrise sowie die Wahlen in Deutschland und Frankreich im nächsten Jahr. Auch in den USA geben Anleihen kaum Zinsen her, während die Aktien langsam überteuert sind. Schwellenländer sehen im Vergleich dazu gar nicht so schlecht aus: Nach grösseren Geldabflüssen in den letzten Jahren sind Aktien eher günstig bewertet und Anleihen bieten eine attraktive Verzinsung (mit entsprechend höherem Ausfallrisiko).

Erholung am Rohstoffmarkt

Brasilien ist reich an Erdöl, Metallen und Agrarstoffen. Und in Russland machen Öl und Gas zwei Drittel aller Exporte aus. Beide Länder haben unter dem Zerfall der Rohstoffpreise massiv gelitten - und profitieren nun von der seit Februar einsetzenden Erholung. Auch wenn es dann und wann wieder einen Dämpfer nach unten gibt: In diesem Jahr hat sich Rohöl bereits um 30 Prozent verteuert. Was sich im ersten Halbjahr bereits in den Geschäftsbüchern bemerkbar machte: "Die Unternehmensgewinne in Brasilien und Russland überraschen positiv", sagt Bolliger dazu.

Aufholjagd von ganz unten

Brasilien und Russland starten von einem ganz tiefen Level. Beide Länder stecken wie erwähnt in einer Rezession, wobei nun erste Aufhellungen in Form leicht erholender Wirtschaftsindikatoren erkennbar sind. Die Wachstumsdynamik der Schwellenländer ist zwar noch nicht auf dem Niveau von den Jahren 2005 und 2006 angelangt. Doch Finanzmärkte interessieren sich in erster Linie für relative Veränderungen, nicht für das absolute Level. Will heissen: Ganz von unten aufzuholen ist leichter als von einem hohen Niveau aus. Das zieht die zuvor pessimistisch eingestellten Märkte in Brasilien und Russland nach oben.

Ein wichtiger Pfeiler in der Aufholjagd an Brasiliens Aktienmarkt ist die halbstaatliche Ölfirma Petrobas, welche mit einer Gewichtung von 14,2 Prozent die bedeutendste Aktie im Bovespa-Index ist. Ein 2014 aufgedeckter Korruptionsskandal der Firma - in den auch die suspendierte Regierungschefin Dilma Rousseff involviert gewesen sein soll - hat den Kurs lange belastet und bis im Februar 2016 auf fast 4 Real pro Aktie runtergespült - nachdem die Aktie im August 2014 noch Werte von über 23 Real aufwies. Mittlerweile ist der Titel wieder fast 13 Real wert.

Beruhigung in China

Im August 2015 und Anfang dieses Jahres haben Ängste über Chinas Wachstum die Märkte weltweit durchgeschüttelt. In solchen Fällen wird auch immer viel Geld aus den Schwellenländern abgezogen. Die Befürchtungen über einen China-Crash wegen dem Übergang von einer investitionsgetriebenen zu einer konsumorientierten Wirtschaft haben sich jedoch bislang nicht bewahrheitet. Zwar hat das Wirtschaftswachstum über die letzten Jahre nachgelassen, doch ist die harte Landung nicht eingetroffen. Das beruhigt die Weltwirtschaft und lockt wieder zu Investitionen in Schwellenländer.

Die "Grossen" setzen wieder auf Schwellenlandaktien

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist auch das Wiederentdecken der Schwellenländer von grossen institutionellen Anlegern. Die Credit Suisse interessiert sich etwa wieder vermehrt für diese Regionen. Und der Vermögensverwalter Blackrock Schweiz hat soeben die Schwellenländeraktien wieder auf Übergewichten hochgestuft. In Schwellenländer anlegen ist wieder "in".

Doch wie eingangs gesehen, sind die Aktienmärkte bereits mächtig angestiegen. Und sowohl Brasilien als auch Russland haben ausserdem weiterhin gegen politische und wirtschaftliche Probleme anzukämpfen. Sollen Anleger trotzdem dort investieren? Bolliger sieht zumindest in einem dieser Länder noch grosse Chancen: "Der brasilianische Markt ist momentan sehr spannend". Der neue brasilianische Regierungschef ad interim, Michel Temer, mache seine Arbeit ziemlich gut, gleichzeitig habe sich der brasilianische Real stabilisiert.

Brasilien ist aber vor erneuten Rückschlägen nicht gefeit: Temer - der wegen der 180-tägigen Suspension von Präsidentin Dilma Rousseff seit Mai 2016 interimistisch als Staatschef agiert - gilt zwar als neoliberal und sehr börsenfreundlich. Für politischen Zündstoff könnte jedoch sorgen, dass er nicht vom Volk gewählt wurde und in sozialpolitischen Fragen eine harte Linie vertritt. Er ist beim brasilianischen Volk äusserst umstritten. Nichtsdestotrotz besitzt Brasiliens Aktienmarkt gerade wegen seinen marktfreundlichen Massnahmen noch Luft nach oben.

Weniger euphorisch zeigt sich Schwellenländer-Kenner Bolliger beim russischen Markt. Zwar sei die Ölpreis-Entwicklung mittelfristig positiv, doch sei die wirtschaftliche Erholung nicht so "zügig" wie in Brasilien.

Auch sind die politischen Risiken nicht zu vernachlässigen: Präsident Wladimir Putin verärgert immer mal wieder den Westen, was die Gefahr weiterer wirtschaftlicher Sanktionen mit sich bringt. Und die Krim-Krise hält weiter an. Für die Märkte in Russland ist das natürlich Gift. Und für Bolliger ein Grund, den russischen Markt auf Neutral einzustufen.