Davos 2017: Ein Moment der Abrechnung?

«Egal wie unwahrscheinlich, es wird am ehesten das Gegenteil dessen eintreten, was in Davos allgemeiner Konsens ist.» Zu diesem Schluss kommt Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und frühere Chefökonom IWF.
16.01.2017 17:48
Das WEF-Logo an einer Glastür im verschneiten Davos.
Das WEF-Logo an einer Glastür im verschneiten Davos.
Bild: ZVG

Kenneth Rogoff kann sich genau an den Moment erinnern, an dem seine Besorgnis zunahm, dass Donald Trump US-Präsident werden könnte: Als während des jährlichen Weltwirtschaftsforums (WEF) im vergangenen Januar Teilnehmer sagten, es wäre unmöglich. "Ein Witz, denn ich tausend Menschen in den Monaten nach Davos erzählt habe, ist, dass die gängige Meinung in Davos immer falsch ist", sagt der Harvard-Professor und frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). 

Das wiederholte Versäumnis der Wirtschafts- und Finanzelite vorherzusagen, was geschehen wird - vergangenes Jahr beinhaltete dies auch das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union - finden jene, die diesen Monat nach Davos zurückkehren, nicht besonders witzig. Nach einem Jahr mit politischen Turbulenzen, die die Finanzmärkte aufwühlten und die politischen Karrieren einst prominenter Davos-Besucher beendeten, ist die grösste Sorge der diesjährigen Teilnehmer nicht, dass mit ihren Prognosen etwas nicht stimmt - sondern mit ihrem Weltbild.

Davos 2017: Ein Moment der Abrechnung?

In den vier Jahrzehnten seines Bestehens hat das WEF einen breiten Konsens zugunsten von Globalisierung und offenen Märkten genähert. Im Zentrum steht die Idee, dass Kapital, Waren und Menschen sich frei über Grenzen hinweg bewegen dürfen. Das ist eine Vorstellung, die für jene mit Bildung und Geld viele Vorteile mit sich bringt, aber scheinbar alle in Angst versetzt, die weder über das eine noch das andere verfügen. Für die 3000 Personen, die sich vom 17. bis 20. Januar in Davos zusammenfinden, könnte die diesjährige Veranstaltung zu einem Moment der Abrechnung werden. Auf den Podien, in Kaffeehäusern und bei den allgegenwärtigen Late Night Partys werden sie sich selbst fragen, ob Davos - im besten Fall - zur teuersten intellektuellen Rückkopplungsschleife oder - im schlimmsten Fall - zum Teil des Problems geworden ist. "Seit der Rezession hat der Boom nur die oberen Einkommensschichten erreicht, aber nicht jene aus den unteren und mittleren", sagt Nariman Behravesh, Chefökonom des Research-Anbieters IHS Markit. "Die Vision von Davos für diese Welt hat keine breite ökonomische Erholung gebracht."

Es steht ausser Frage, dass die Welt in eine Ära des Populismus eingetreten ist, die lange etablierte Beziehungen in der Welt zerrütten könnte. Der Ausgang des Brexit-Referendums gefährdet Grossbritanniens wichtigste Handelsbeziehungen. In den USA wird Trump in diesem Monat sein Amt antreten und hat bereits angekündigt, bestehende Handelsvereinbarungen zu überprüfen und fundamentale Grundsätze der Aussenpolitik neu zu bewerten - wie die sogenannte Ein-China-Politik. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi musste im Dezember zurücktreten, nachdem die Wähler einen Vorschlag zur Änderung der Verfassung abgelehnt hatten.

In Frankreich führt die Rechtsaussen-Politikerin Marine Le Pen in Umfragen für die im Frühling stattfindende Präsidentschaftswahl. Und in Deutschland, wo ebenfalls Wahlen anstehen, ist die Anti-Immigrationspartei Alternative für Deutschland auf dem Vormarsch und hofft von einer wachsenden Ablehnung der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel zu profitieren. Einige glauben, ihre Politik der offenen Tür für Migranten aus den Kriegsgebieten des Mittleren Ostens mache das Land anfällig für terroristische Anschläge wie am 19. Dezember in Berlin. Nahezu ein Drittel aller Anleihe-Investoren sagten vergangenen Monat in einer Umfrage von Bank of America Merrill Lynch, dass der Populismus ihre grösste Sorge sei. Im Oktober waren es lediglich neun Prozent gewesen.

Populisten gegen den «Davos Man»

Zusammengenommen scheinen die Kräfte gegen das Establishment die grösste Bedrohung für das zu sein, was der Historiker Samuel Huntington den “Davos Man” nannte: Eine grenzüberschreitende Spezies, deren Werte und Vorstellungen sich grundlegend von denen ihrer engstirnigeren Landsleute unterscheiden. Auch wenn populistische Bewegungen durchaus verschieden sind, so teilen sie doch die allgemeine Ablehnung der politischen Eliten - und im weiteren Sinne auch ihre ökonomischen Ratschläge. Huntington, der 2008 verstarb, hat wohl in die Zukunft geblickt, als er sagte, die Amerikaner würden sich letztendlich gegen eine zunehmende Immigration, besonders aus Mexiko, und den wachsenden Einfluss der multinationalen Konzerne und Intellektuellen auflehnen.

Einige regelmässige Davos-Besucher befürchten, diese Stimmungslage werde die USA und andere Nationen auf einen dunklen Pfad führen. "Das letzte Mal, als wir ein Zusammenspiel aus Angst vor der Globalisierung, Angst vor ökonomischer Stagnation und Armut sowie Angst vor dem Fremden erlebt haben, war nach dem Crash 1929," sagt Ngaire Woods, Dekanin der Blavatnik School of Government an der Universität Oxford und regelmässige Teilnehmerin in Davos. "Wir müssen unbedingt die Lehren aus den 1930er Jahren ziehen."

Das diesjährige Konferenzprogramm macht deutlich, wie gross die Besorgnis derzeit ist. So gibt es einen Vortrag von psychologischen Fachleuten zum Thema "Kultivieren angemessener Emotionen in Zeiten des nationalen Populismus". Eine andere Veranstaltung mit dem Titel "Ausgequetscht und verärgert: Wie die Krise der Mittelschicht gelöst werden kann" führt IWF-Chefin Christine Lagarde und Hedgefonds-Milliardär Ray Dalio als Redner auf. Bei einer anderen Sitzung werden Facebook-Managerin Sheryl Sandberg und Meg Whitman, Chief Executive Officer von Hewlett Packard Enterprise, mit einem Gespräch über die Gestaltung eines "positiven Bildes für die globalen Gemeinschaft" versuchen, Optimismus zu verbreiten

Der meistdiskutierte Gast wird dieses Jahr wohl Chinas Staatspräsident Xi Jinping sein, der das erste Mal teilnimmt. Er wird sich für ein von China angeführtes Gegenmodell der Transpazifischen Partnerschaft einsetzten, nachdem sich der vorgeschlagene panasiatische Handelspakt mit der Wahl von Donald Trump erledigt hat. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das kommunistische China für freien Handel wirbt.

Hildebrand: Davos muss sich neu positionieren

Davos-Veteranen werden inzwischen versuchen, einen globalen Kapitalismus zu fördern, der stärker im Einklang mit der globalen Stimmung steht. IWF-Chefin Lagarde sagte im Dezember, sie wünsche sich "einen Schritt hin zu einer Globalisierung mit einem anderen Gesicht, die niemanden ausschliesst". BlackRocks Vice Chairman Philipp Hildebrand sagte in einem Interview, es sei wichtig, "dass sich Davos neu positioniert, um einen Beitrag im Umgang mit der Grundproblematik der Chancenungleichheit zu leisten."

Noch ist für Davos nicht aller Tage Abend. Kritiker sagten bereits den Tod des Davos-Einigkeit nach der globalen Finanzkrise 2008 voraus, nur um zu sehen, dass die Bekanntheit der Veranstaltung weiter zunahm und die Herren des Universums nach wie vor teilnahmen. Aktien legten seit Trumps Wahlsieg weltweit eine Rally hin und trieben den Benchmark-Index MSCI World in die Nähe seines Rekordhochs. Investoren wetten, dass die Regierung von Trump eine expansive Finanzpolitik verfolgt und Regulierung auch im Finanzsektor abbauen wird. Trump mag kein Anhänger des in Davos gepredigten liberalen Internationalismus sein, er könnte aber - zumindest kurzfristig - durchaus positiv für die Bankguthaben der Verfechter sein.

Zudem ist sein Kabinett gut besetzt mit Personen, die sich auf der zentralen Promenade des Schweizer Ortes wesentlich wohler fühlen dürften als beispielsweise in einem Walmart in Wisconsin. Trumps Direktor des nationalen Wirtschaftsrates, Gary Cohn, ist als ehemaliger Präsident von Goldman Sachs kein Unbekannter in Davos. Ein weiterer Trump-Vertrauter, der Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci, ist traditionell der Gastgeber einer der am besten besuchten Partys.

Auch wenn die Davos-Teilnehmer betonen, dass sie sich weiter für die Strategien einsetzen wollen, die sie schon seit Jahrzenten befürworten und von denen sie glauben, sie seien der beste Weg für Wohlstand, so ist es vielleicht doch an der Zeit einzuräumen, dass sie die falsche Herangehensweise hatten. "Es ist etwas Demut angebracht. Seit 30 Jahren sagen die Eliten: ’Wir managen die Globalisierung und sorgen dafür, dass es für alle funktioniert’", sagt Woods. "Sie können das nicht einfach immer wiederholen."

(Bloomberg)