«Der Markt überschätzt die Fiskalklippe»

Ein Scheitern eines Kompromisses in den USA böte Kaufgelegenheiten, sagt Alfred Strebel im cash-Interview. Der Schweiz-Chef von Fidelity Worldwide Investment über neue Fondstrends und die Anlagefavoriten für 2013.
13.12.2012 06:00
Interview: Pascal Meisser
Alfred Strebel ist Schweiz-Chef von Fidelity Worldwide Investment.
Alfred Strebel ist Schweiz-Chef von Fidelity Worldwide Investment.
Bild: ZVG

cash: Alfred Strebel, ein überdurchschnittlich gutes Börsenjahr geht zu Ende. Überrascht von dieser Entwicklung?

Alfred Strebel: Ja, wegen der trüben Wirtschaftsprognosen hatten nicht so viele Investoren damit gerechnet. Für 2012 sind hohe Schwankungen erwartet worden, und nun sind die Volatilitätsindizes auf mehrjährigen Tiefstständen. Die europäischen Blue-Chips-Aktien sind 16 Prozent gestiegen, der Deutsche Aktienindex gar 26 Prozent. Aber auch mit Obligationen konnte man schönes Geld verdienen. Investment-Grade-Bonds performten 10 Prozent, High-Yield-Anleihen gar 17 Prozent. Das ist wahnsinnig viel. Vor allem, wenn man bedenkt, wie negativ die Medien Ende letzten Jahres waren und wie viel Angst im System steckte. Nun sieht man, was die Börsenpapiere tatsächlich hergeben. 

Die Hausse ist nur von einzelnen Aktien mitgetragen worden. Ein Argument für das aktive Anlegen von Fondsgesellschaften?

Aktives Management hat dieses Jahr eindeutig einen Mehrwert gebracht. Man konnte beispielsweise getrost auf Finanzaktien verzichten. Wer auf passive Index-ETF setzt, hat solche zwangsläufig im Depot. Gezieltes Stock-Picking ermöglicht aber deutlich mehr Rendite. Ein Beispiel: Unser Italien-Fonds FF Italy Fund hat dieses Jahr 22 Prozent performt, der zugrunde liegende Vergleichsindex aber nur 1 Prozent. 2012 war ein Jahr, in welchem eine vorsichtige Wahl der Aktien gute Früchte getragen hat. Und ich gehe davon aus, dass es nächstes Jahr ebenso sein wird. 

Dieses Jahr sind viele Anleger den Finanzmärkten ferngeblieben. Spürt ein Fondsanbieter wie Fidelity die Angst der Anleger, ein höheres Risiko einzugehen?

Ja, die Anleger sind nach den turbulenten Jahren in der Finanzkrise noch nicht dazu bereit. Dazu kommen die staatlichen Regulierungen, die grossen Investoren wie Pensionskassen vorschreiben, einen gewissen Prozentsatz in Obligationen anzulegen.

Wie wirkt sich das für Fidelity aus?

Ich kann nur so viel sagen: Unserer Firma geht es gut. Aber natürlich hat auch Fidelity 2012 viel zu wenig verkaufen können, weil die Anleger sehr zurückhaltend in Aktienfonds investieren. Dennoch konnten wir unsere Assetbasis in der Schweiz und in mehreren Märkten Europas steigern. Interessanterweise haben wir relativ hohe Fondskäufe in Italien registriert.

Weshalb?

Die Anleger in Italien haben offenbar einen gewissen Nachholbedarf, weil vor einigen Jahren ein Steuergesetz den Kauf von Fondsanteilen deutlich erschwert hatte.

Trotz geringen Volumina und hohen Cash-Beständen gehen die Börsen weiter nach oben. Wie lange noch?

Viele Anleger haben den Zug verpasst und sind auf ihren Cash-Positionen sitzengeblieben. Diese werden Ende Jahr den Depotauszug in die Hand nehmen und mit ihren Kundenberater sprechen. Ich gehe davon aus, dass genügend Investoren Nachholbedarf haben, um die Aktienkurse in den nächsten Monaten weiter nach oben zu treiben.

Ein optimistisches Szenario. Was, wenn die USA die fiskalische Klippe nicht umschifft?

Das 'Fiscal Cliff' ist eine politische Angelegenheit und wird heraufstilisiert. Derzeit hat der Markt eine Lösungsfindung eingepreist. Sollte es wider Erwarten eine solche nicht geben, werden die Finanzmärkte deutlich korrigieren. Ein solcher Rückschlag wäre eine klare Kaufgelegenheit. In den USA ist die konjunkturelle Talsohle durchschritten worden, was sehr wichtig und positiv ist. Die grosse Frage ist aber: Werden die CEO nach der Zurückhaltung in den letzten Monaten wieder investieren? Solange dies nicht geschieht, kann keine Dynamik in die grösste Volkswirtschaft der Welt kommen.

Wo sehen Sie für 2013 besondere Renditechancen?

Bei Aktien in Japan und China. Der japanische Aktienmarkt wird unter Buchwert gehandelt. Wird die Yen-Abwertung fortgesetzt, kann die Hausse noch deutlich weiter laufen. China-Aktien sind für mich kein Investment nur für 2013, sondern ein Buy-and-Hold. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat China einen langfristigen Plan. Die neue Regierung will daran anknüpfen, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist. Dieser Zug ist am Fahren – umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass China früher oder später die wirtschaftliche Weltmacht erlangen möchte. Weiterhin kaufen darf man auch High-Yield-Anleihen, auch wenn die Spreads deutlich heruntergekommen sind. Solange die Ausfallrate tief bleibt, geht das in Ordnung.

Und wo lauern Gefahren?

Vorsichtig wäre ich bei den Immobilien. Derzeit kaufen Anleger irgendwo noch einen Wohnblock. Sie glauben, dass es eine sichere Anlage ist, weil die Zinsen noch lange tief bleiben.

Wie sehen Sie die Fondstrends für 2013?

Ich sehe zwei verschiedene. Erstens: Der Trend zurück zu einfachen und verständlichen Fonds setzt sich fort. Wenn die Märkte gut laufen, interessiert es den Anleger meist nicht, ob er das gekaufte Produkt wirklich versteht. Aber sobald die Richtung kehrt und Verluste drohen, beginnt er sich Gedanken zu machen. Und gerade 2012 war exemplarisch, wie einfach man mit Blue Chips Geld verdienen konnte. Und zweitens: Die Anleger legen immer mehr Wert darauf, wenig zu verlieren. Das heisst, Fondsmanager müssen versuchen, die Kursrückschläge abzufedern. Gleichzeitig will er für das eingegangene Risiko mehr Rendite erhalten. 

Das will ohnehin jeder Anleger…   

...ja, aber wir reden hier von neuen Produkten. Zum Beispiel mit Long-/Short-Strategien. Diese nehmen die Volatilität heraus und ermöglichen eine Zusatzrendite, weil diese Strategie auf Marktsituationen flexibel reagieren kann. Unser Fast Europe Fund A hat mit dieser Strategie seit der Lancierung vor acht Jahren eine Rendite von 140 % erreicht und somit fast viermal so viel herausgeholt wie der Vergleichsindex MSCI Europe. Ich glaube, dass die Tendenz der Branche in Richtung solcher Produkte gehen wird. 

Und wo sind die exotischen Fonds und komplexen Instrumente der Finanzbranche geblieben?

Wissen Sie, das Financial Engineering ist fast unerschöpflich. Aber die meisten Anbieter haben damit wieder aufgehört. Viele von diesen Instrumenten haben nicht funktioniert und werden deshalb von den Anlegern nicht mehr gekauft. Ein Over-Engineering der Finanzbranche ist nicht gut.

Alfred Strebel (54) ist seit 1998 für Fidelity Worldwide Investment tätig. Zuvor arbeitete er in London und Tokyo bei verschiedenen Banken im Wertschriftenhandel, unter anderem bei Credit Suisse First Boston und Merrill Lynch. Nach seiner Rückkehr in der Schweiz übernahm er bei der Bank Vontobel die Verantwortung über die Auslandbörsen.