Der nächste Gesundheitscheck für die Schweizer Börse

In wenigen Tagen beginnt die Berichtssaison zu den Halbjahreszahlen. cash sagt, was von den wichtigsten Schweizer Aktiensektoren zu erwarten ist.
05.07.2016 00:01
Von Ivo Ruch
Tabletten von Roche: Von den Pharmafirmen werden ordentliche Resultate erwartet.
Tabletten von Roche: Von den Pharmafirmen werden ordentliche Resultate erwartet.
Bild: Bloomberg

Die nächsten wichtigen Impulse für die Schweizer Börse senden in den kommenden Wochen die Unternehmenszahlen zum ersten Halbjahr aus. Investoren interessiert dabei vor allem, ob die Firmen die Markterwartungen erfüllen können. "Meiner Meinung nach werden sich die Trends der vergangenen Quartale fortsetzen, als das Gewinnwachstum im Durchschnitt negativ war", sagt Gabriel Bartholdi vom Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Im Jahresvergleich erwartet der Investment-Spezialist diesbezüglich aber eine Stabilisierung.

Am 15. Juli legt mit Ems Chemie das erste grössere Unternehmen seinen Zahlenkranz vor, wenige Tage später geht es mit den SMI-Unternehmen Givaudan, SGS, Novartis, ABB, Actelion und Roche dann richtig los.

Das erste Börsenhalbjahr in der Schweiz war geprägt von äusserst turbulenten Monaten, zuletzt geprägt durch die britische Abstimmung über den Austritt aus der EU. Der Swiss Market Index (SMI) kommt im laufenden Jahr auf  eine Negativbilanz von 8 Prozent. Klar ist: Die Folgen des Brexit-Votums schlagen sich noch nicht in den Büchern der Schweizer Unternehmen nieder. Sehr wohl dürften aber die tiefen Zinsen, die unsichere Situation in den Schwellenländern oder die Frankenstärke nach wie vor ein Thema sein.

Uhrenhersteller werden zu China-Opfern

Viel hängt zudem davon ab, wie sich die Verkäufe in die wichtigsten Abnehmermärkte entwickelt haben. Ein omnipräsentes Thema war in den letzten Monaten die Wachstumsverlangsamung in China und anderen Schwellenländern. So ist die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr mit 6,9 Prozent so langsam wie seit 25 Jahren nicht mehr gewachsen.

Unter den grossen Schweizer Unternehmen spüren das die Hersteller von Luxusartikeln am heftigsten. Die Uhrenexporte in den wichtigsten Absatzmarkt Hongkong gingen im Mai zum wiederholten Mal zurück. "Wir erwarten, dass Schweizer Unternehmen mit einem gewichtigen Anteil an Schwellenländer-Exporten mehr Mühe haben werden", sagt Anastassios Frangulidis, Chefökonom und Chefstratege der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zu cash.

Das betreffe vor allem den Sektor des zyklischen Konsums, also Unternehmen wie Swatch Group oder Richemont. Zu einem Teil dürfte diese Enttäuschung bereits im jeweiligen Aktienkurs enthalten sein. Die Aktien von Swatch und Richemont (je -20 Prozent) gehören im laufenden Jahr nach den Bankwerten zu den schlechtesten SMI-Titeln.

Pharma-Aktien vor weiteren Gewinnen?

Besser stehen die Prognosen für Novartis und Roche. "Pharmaunternehmen, die viele Produkte in die USA verkaufen, dürften ordentliche Halbjahres-Abschlüsse vorlegen", sagt Frangulidis. Novartis und Roche machen mehr als einen Drittel des Umsatzes in den USA und dort wächst die Wirtschaft immer noch flotter als in Europa oder Japan.

Im bisherigen Verlauf des Börsenjahres erstaunen vor allem die durchzogenen Performances der schwergewichtigen Pharmaaktien von Novartis (-6,5 Prozent) und Roche (-7,5 Prozent) - Titel, die eigentlich als schwankungsresistent gelten. Sie waren grösstenteils dafür verantwortlich, dass der SMI kaum vom Fleck kam. Doch in den letzten Wochen fanden die Titel wieder vermehrt Käufer: Vorboten guter Halbjahreszahlen?

Roche-Genussschein im laufenden Jahr: ungewohnter Abwärtstrend (Quelle: cash.ch)

Ebenfalls gut sind die Aussichten für Firmen, die sich mit ihrem Geschäftsmodell auf den Schweizer Markt konzentrieren. Dazu gehört der Milchverarbeiter Emmi, der Bauausrüster AFG Arbonia oder der Detailhändler Valora.

Nebst den Geschäftszahlen ist für viele Anleger aber fast wichtiger, wie sich die Unternehmen über den zukünftigen Geschäftsverlauf äussern. Und hier kommt der Brexit wieder ins Spiel. "Bezüglich Ausblick dürfte Vorsicht dominieren. Der Brexit schafft noch zusätzliche Unsicherheit und drückt auf die allgemeine Stimmung", sagt Aktienexperte Bartholdi zu cash.

Es sind vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Europa, welche Marktbeobachter beschäftigen. Rückläufige Investitionen und eine nachlassende konjunkturelle Dynamik könnten die in den letzten Quartalen sichtbare Erholung ausbremsen. Die ZKB erwartet in diesem und im nächsten Jahr einen Wachstumsverlust von mehr als 0,5 Prozentpunkten. Das hat auch Konsequenzen für Schweizer Unternehmen, da Europa gesamthaft der wichtigste Markt ist.

Zudem gilt es in Finanzkreisen als sehr wahrscheinlich, dass der Brexit weitere Zinserhöhungen rund um die Welt bis auf weiteres hinausschiebt. Das wird vor allem die Finanzindustrie belasten, für die das Zinsgeschäft ein wichtiges Standbein ist.

Brexit-Volatilität hilft den Banken

Aber der Brexit hat nicht nur negative Folgen für Credit Suisse, UBS und Co, wie Anlagechef Anastassios Frangulidis erklärt: "Die Märkte sind volatiler geworden, aber das ist nicht unbedingt schlecht für Banken." Seit der britischen Abstimmung haben sich die Aktienmärkte auffallend gut erholt. Der britische FTSE 100 machte in der vergangen Handelswoche gar den grössten Gewinn seit Dezember 2011.

"Ich erwarte deshalb nicht, dass sich das Votum negativ auf das Vermögensverwaltungsgeschäft und die Handelsaktivitäten der Schweizer Banken auswirken wird", so Frangulidis. Die Angst vor einem Einbruch der Vermögenswerte sei unbegründet. Zumindest diesbezüglich können die arg gebeutelten Bankaktionäre also mit Entwarnung rechnen.