Deutsche Bank 2017 - «Herumlavieren reicht nicht mehr»

Für die Deutsche Bank geht ein rabenschwarzes Jahr zu Ende: Anhaltende Unsicherheit über die Hypothekenstrafe in den USA, Spekulationen über Staatshilfe, ein Absturz an der Börse und Kunden, die in Scharen abwandern.
18.12.2016 10:30
John Cryan, CEO der Deutschen Bank.
John Cryan, CEO der Deutschen Bank.
Bild: Bloomberg

Deutschlands grösstes Geldhaus steckt tief in der Krise. Kritiker sagen, das sei im Prinzip nichts Neues. Seit der Finanzkrise sei die Deutsche Bank nur mit sich selbst beschäftigt. Neu ist etwas anderes: Vorstandschef Cryan - vor anderthalb Jahren mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet - ist ins Visier einiger unzufriedener Grossaktionäre geraten. Sie wollen schneller Sanierungserfolge sehen und hoffen, dass der Brite noch einmal die Strategie überarbeitet, möglichst radikal. Schon im Frühjahr könnte es Finanzkreisen zufolge so weit sein. Cryan habe das Problem erkannt, berichten Insider.

Höchste Zeit, sagt einer der Top-10-Investoren der Bank im Gespräch mit Reuters. "Cryan hat zwar schon viel angestossen. Aber er ist die Antwort schuldig geblieben, wie eine erfolgversprechende Strategie aussieht. Dieses Herumlavieren reicht nicht mehr. Die Deutsche Bank muss ihr Profil schärfen." Ein anderer Top-10-Investor warnt unverhohlen, 2017 werde ein Entscheidungsjahr - auch für Cryan. Irgendwann sei die blosse Hoffnung auf bessere Zeiten erschöpft.

Allein in diesem Jahr hat die Deutsche-Bank-Aktie noch einmal 20 Prozent verloren, während der Dax fünf Prozent zulegte. Europas Grossbanken sind insgesamt nicht in Bestform, aber selbst der europäische Bankenindex büsste seit Jahresbeginn nur viereinhalb Prozent ein.

Happy Birthday?

Wenn Cryan an diesem Freitag seinen 56. Geburtstag feiert, dürfte die Stimmung also eher gedrückt sein. Investoren wünschen sich zunächst einmal eine ehrlich-nüchterne Bestandsaufnahme und ein Ende der Durchhalteparolen. "Im Investmentbanking hat die Deutsche Bank an Bedeutung verloren, das Privatkundengeschäft ist nicht profitabel genug", schimpft Helmut Hipper von der Fondsgesellschaft Union Investment, die in den letzten Jahren Aktien verkauft hat und nur noch zu den Top-20-Aktionären zählt. Die beiden Konkurrenten Credit Suisse und Unicredit haben kürzlich vorgemacht, wie der neue Realismus aussehen kann: Die Schweizer kassierten ihre mittelfristigen Gewinnziele. Die Italiener verschärfen den Sparkurs und planen eine 13 Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung - die grösste in der Wirtschaftsgeschichte des Landes.

Das sagt zwar noch nichts über das Geschäftsmodell der Zukunft aus. Aber die Institute kommen der Forderung der Aufseher nach, sich den neuen Marktbedingungen anzupassen: die Kosten müssen runter, die Kapitalpuffer hoch. Die Deutsche Bank dagegen beharrt bislang darauf, dass ihre Kapitalausstattung den Mindestanforderungen genügt. Ein Schrumpfkurs soll es richten: Die "Strategie 2020", die Cryan im Wesentlichen von seinem glücklosen Vorgänger Anshu Jain übernommen hat, sieht den Rückzug aus einigen unprofitablen Märkten und besonders kapitalintensiven Handelsgeschäften vor. Cryan setzte Ende 2015 den Abbau von 9.000 Jobs im Konzern oben drauf - und hoffte, das reiche. Selbst die kleinere Commerzbank baut im Verhältnis zu ihrer Grösse mehr Mitarbeiter ab.

"Inzwischen ist in den Deutsche-Bank-Türmen die Erkenntnis gereift, dass etwas Grösseres kommen muss", berichtet einer, der Einblick in die Diskussionen auf der höchsten Führungsebene hat. Demnach steht Cryan zwar weiter zur Universalbank. Er erwäge aber durchaus radikale Schritte wie die Vollintegration der unverkäuflichen Postbank. Das würde den Konzern um Einiges verkleinern. Im Kapitalmarktgeschäft müsste die Bank dann noch mehr abschneiden, um Luft aus der riesigen Bilanz zu lassen und Risiko herauszunehmen. Entscheidungen werde es aber erst geben, wenn der Hypothekenvergleich da ist, betonte der Insider. "Dann weiss die Bank, was sie sich künftig überhaupt noch leisten kann. Und erst dann ist es sinnvoll, dass Cryan den Aktionären einen Plan präsentiert."

Wie am Poker-Tisch

Über den Hypothekenvergleich verhandelt die Bank nach Angaben aus Finanzkreisen auf Hochtouren. Dabei geht es um Tricksereien auf dem amerikanischen Immobilienmarkt in der Zeit vor der Finanzkrise, etwa um den Verkauf hochriskanter Anleihen. Das US-Justizministerium hat eine Strafe von 14 Milliarden Dollar aufgerufen, die Cryan deutlich drücken will. Ob es wie erhofft eine Einigung noch vor dem Regierungswechsel in den USA am 20. Januar gibt, ist völlig offen. Experten sagen, wenn der Vergleich nicht schnell kommt, droht eine Verzögerung bis weit ins nächste Jahr hinein. Die Bank hat sich zu dem Thema Stillschweigen verordnet.

Mehrere Insider berichten, in den Gesprächen mit den amerikanischen Behörden gehe es inoffiziell auch um den künftigen Zuschnitt des US-Geschäfts. Die Deutsche Bank plane hier Einschnitte, etwa im einst so lukrativen Verbriefungsmarkt, wolle den US-Rivalen im Investmentbanking aber nicht zu sehr das Feld überlassen. "Da wird noch gepokert", heisst es aus dem Aufsichtsrat. So mancher Grossinvestor hat sehr konkrete Vorstellungen - und hofft, von Cryan gehört zu werden: "Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Eine refokussierte Investmentbank, mit Wurzeln in Europa und einem sehr schlanken US-Geschäft", sagt einer der Top-10-Aktionäre. "Das Privatkundengeschäft bitte ohne Postbank. Sämtliche Integrationsversuche sind in der Vergangenheit gescheitert. Warum sollte es dieses Mal klappen?"

(Reuters)