Deutsche Bank: Risiken aus Derivatebuch werden überschätzt

Während die Verhandlungen zur Beilegung des US-Hypothekenstreits auf Hochtouren laufen, tritt der Deutsche-Bank-Risikochef Zweifeln an der Stabilität des Geldhauses entgegen.
09.10.2016 16:19
Die Deutsche Bank kämpft um Stabilität.
Die Deutsche Bank kämpft um Stabilität.
Bild: Bloomberg

Sorgen von Investoren und Politikern, das billionenschwere Derivatebuch des Instituts berge unkalkulierbare Gefahren für die globalen Finanzmärkte, seien unbegründet, sagte Risikovorstand Stuart Lewis der "Welt am Sonntag". "Die Risiken aus unserem Derivatebuch werden bei weitem überschätzt. Wir haben diese Risiken abgesichert."

Als Risiko stufen die Börsen auch die drohende Strafe der Deutschen Bank wegen problematischer Hypothekengeschäften in den USA ein. Das US-Justizministerum hat im Verhandlungspoker zunächst eine 14-Milliarden-Dollar-Busse aufgerufen. Das würde die Rückstellungen der Bank deutlich übertreffen. Deutsche-Bank-Chef John Cryan war deshalb Insidern zufolge in den vergangenen Tagen am Rande der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington mit Vertretern des Justizministeriums zusammengetroffen, um das Strafmass herunterzuhandeln.

Cryan strebt eine möglichst schnelle Entscheidung an. Denn am 8. November wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Zu gross ist die Unsicherheit, mit welcher Agenda eine neue Regierung starten würde. Die Anleger wollen lieber heute als morgen Klarheit - zumal noch einige andere potentiell sehr teure Rechtsstreitigkeiten köcheln.

Wahres Risiko kleiner

In Sachen Derivate versucht Risikovorstand Lewis, die Anleger zu beruhigen. Zum Ende des zweiten Quartals lag der Umfang des Derivatebuches der Deutschen Bank bei 46 Billionen Euro. Die reine Zahl sei aber irreführend, sagte Lewis. "Das wahre Risiko ist viel kleiner", betonte er. So sei dies lediglich der theoretische Nominalwert der Absicherungsgeschäfte. Viel relevanter als das Gesamtvolumen des Derivatebuches sei das eigentliche Risiko aus allen Kontrakten, sagte das Vorstandsmitglied. Dieses betrage netto 41 Milliarden Euro und sei damit teilweise unter dem Niveau vieler Wettbewerber.

"Die Deutsche Bank wird falsch wahrgenommen", sagte Lewis weiter. "Wir sind auch deshalb relativ glimpflich durch die Finanzkrise 2008 gekommen, weil wir eben nicht die grossen Risikonehmer waren und Risiken relativ gut im Blick hatten. Wir haben zwar ebenfalls Verluste gemacht, aber die waren beherrschbar", sagte Lewis.

Die Deutsche Bank versuche bereits, ihre Geschäfte weniger komplex zu machen und fahre ihr Derivatebuch zurück. "Ein Teil ist bereits vor einigen Jahren in eine Abwicklungseinheit überführt worden", sagte der Risikovorstand. Die Bank prüfe die Kreditwürdigkeit jedes einzelnen Kunden genau und bewerte beispielsweise Hedgefonds. Zusätzlich würden von Kunden noch Sicherheiten verlangt, die täglich angepasst würden.

Derivate sind komplexe Finanzprodukte, mit denen Unternehmen sich zum Beispiel gegen Währungsschwankungen absichern und Hedgefonds auf bestimmte Ereignisse wetten. Sie waren einer der Auslöser der Finanzkrise im Jahr 2008.

Schmerzhafte Anpassungen erforderlich

Nach Einschätzung des Verbandes der deutschen Privatbanken muss sich die deutsche Bankenbranche und ihr Marktführer Deutsche Bank schmerzhaften Anpassungen unterziehen. Allerdings sieht der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer, keine Anzeichen, dass die Turbulenzen um das grösste deutsche Kreditinstitut den gesamten Finanzplatz Deutschland belasten.

"Das glaube ich nicht", sagte er am Samstag in Washington am Rande der IWF-Jahrestagung. Die Politik solle sich in den aktuellen Problemfall nicht einmischen. "Ich glaube, die Politik verhält sich klug", sagte er. In solchen Fällen sollte sie sich zurückhalten.

Nach Ansicht von Kemmer müssen sich die deutschen Banken im globalen Wettbewerb nicht verstecken, auch wenn sie derzeit nicht auf Rosen gebettet seien. Ihr Hauptproblem sei mangelnde Profitabilität. Sie müssten Kosten sparen, in die Digitalisierung investieren und fusionieren. "Dies wird kein leichter Weg und erfordert Zeit", sagte Kemmer. Als einen Schuldigen für die aktuelle Lage machte er die Europäische Zentralbank mit ihrer Niedrigzinspolitik aus.

(Reuters)